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Hannover Klinikum will Missbrauch aufklären
Nachrichten Hannover Klinikum will Missbrauch aufklären
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00:17 10.11.2018
Symposium zum Thema "Medikamentenversuche in der Psychiatrie Wunstorf in den Sechziger- und Siebzigerjahren" an der KRH-Psychiatrie Wunstorf mit (v.l.) Prof. Marcel Sieberer, Christine Hartig, Sylvia Wagner und Klaus Schepker. Quelle: Tim Schaarschmidt
Wunstorf

Vor dem „Blechsarg“ mit Sichtfenster hatte sie riesige Angst. Zehn Jahre war sie alt, als sie darin quer über das Gelände der Kinder- und Jugendpsychiatrie Wunstorf gefahren wurde. Dann musste sie ganz still sitzen, bekam eine Spritze und wurde von mehreren Klinikmitarbeitern festgehalten. „Ich spürte richtig, wie das Wasser aus meinem Kopf rausblubberte, dann setzen die Schmerzen ein – und ich war bewusstlos.“

Was die heute 63-Jährige berichtet, ist „die schlimmste Erfahrung meines Lebens“ gewesen. Als junge Psychiatriepatientin musste sie sich 1965 im damaligen Landeskrankenhaus Wunstorf einer sogenannten Pneumoenzephalografie unterziehen. Dabei wird nach einer Rückenmarkspunktion im Lendenwirbelbereich Hirnwasser entzogen und Luft in den Schädel eingeführt; danach wird der Kopf geröntgt. Diese umstrittene Untersuchungsmethode wurde bis Anfang der Siebzigerjahre in der Wunstorfer Psychiatrie eingesetzt.

Misshandlungen, die rund 50 Jahre zurückliegen, stehen nun wieder im Fokus der Öffentlichkeit. Auf einem Symposium zu Medizinversuchen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Wunstorf haben sich am Mittwoch Wissenschaftler, Mitarbeiter, Zeitzeugen und Betroffene über die Thematik ausgetauscht. Eingeladen hatte das Klinikum Region Hannover (KRH), seit 2007 die Nachfolgeeinrichtung des ehemaligen Landeskrankenhauses.

Eine Referentin war die Düsseldorfer Pharmakologin Sylvia Wagner, durch deren Recherchen die Vorgänge ans Licht gekommen waren. Demnach wurden in den Sechziger- und Siebzigerjahren in der Wunstorfer Klinik offenbar auch mindestens 286 Kinder zweifelhaften Versuchen unterzogen, bei denen Ärzte unter anderem Psychopharmaka und ruhigstellende Medikamente verabreichten.

Es sei wichtig, die Vorgänge umfassend aufzuklären, betonte Prof. Marcel Sieberer, der heutige Leiter der Klinik. Auch Claudia Schröder, Abteilungsleiterin im niedersächsischen Sozialministerium, wies auf die Notwendigkeit hin: „Es ist in größtem Maße Unrecht geschehen, und die Verantwortlichen haben weggeschaut“, erklärte sie vor rund 100 Tagungsteilnehmern. Das Ministerium hat eine Studie in Auftrag gegeben, um diese und andere mögliche Arzneimittelversuche an Kindern und Jugendlichen in niedersächsischen Heimen von 1945 bis 1976 aufzuklären. Auch die Rolle der Pharmaindustrie und der damals zuständigen Behörden soll beleuchtet werden.

Christine Hartig von der Robert-Bosch-Stiftung, eine der Autorinnen der Studie, stellte auf dem Symposium erste Zwischenergebnisse vor, die im Wesentlichen auf einer Aktenrecherche im Landesarchiv Hannover beruhen. Laut Hartig war die Enzephalografie für die jungen Patienten, die oft aus umliegenden Heimen nach Wunstorf überwiesen wurden, schon in der zweiten Hälfte der Fünfzigerjahre medizinisch umstritten. Gleichwohl habe die damalige Leiterin der Wunstorfer Psychiatrie noch 1965 beim für die Heimunterbringung zuständigen Landesjugendamt Hannover befürwortet, die Methode in größerem Umfang durchführen zu können. Die Einwilligung der Erziehungsberechtigten sei in der Regel zwar eingeholt worden, aber die Form der vorherigen Aufklärung habe „nicht immer den Standards“ entsprochen. Andere Jugendämter in Niedersachsen hätten sich gegen diese Methode ausgesprochen.

Eine Betroffenen berichtete, dass sie sehr lange unter den Folgen der Enzephalografie gelitten habe. „Ich hatte jahrelang das Gefühl, mit mir stimmt etwas nicht“, sagte die heute 65-Jährige, die verschiedene Therapien in Anspruch nahm, um das Erlebte zu bewältigen. „Ich hatte Probleme, mich selbst zu ertragen, war nicht liebesfähig.“ Erst mithilfe ihres Mannes habe sie es „im späten Erwachsenenalter“ geschafft, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Warum derartige Untersuchungen überhaupt so lange praktiziert wurden, konnte Hartig nicht abschließend beantworten. Viele Heime, sagte sie, seien überfordert gewesen. Möglicherweise sei es ein einfacher Weg gewesen, Kinder, die als unerziehbar galten, mithilfe einer organischen Diagnose in die Psychiatrie zu überweisen.

Die Betroffenen trafen bei dem Symposium auch auf eine ganz besondere Zeitzeugin: Hilde Winkelmann ist die Tochter von Hans Heinze junior, der die Versuche geleitet haben soll. Er arbeitete von 1961 bis 1974 an der Wunstorfer Klinik, danach konnte er zum Psychiatriereferenten im Sozialministerium aufsteigen. Sein Vater Hans Heinze senior führte die Klinik von 1954 bis 1960 und soll ebenfalls an den Medizintests beteiligt gewesen sein. Er war in der Zeit des Nationalsozialismus Gutachter von Euthanasieprogrammen – und konnte seine Karriere dennoch fortsetzen.

„Ich bin total erschüttert über das, was passiert ist, und ich möchte dazu beitragen, dass es nie wieder passiert und offen diskutiert wird“, sagte Winkelmann, die hauptberuflich mit psychisch kranken Menschen arbeitet. In ihrer Familie sei vor allem die Vergangenheit des Großvaters stets verschwiegen worden. „Ich finde es sehr schön und sehr berührend, dass Sie heute da sind“, sagte sie zu den Betroffenen – und bekam dafür viel Applaus.

Die Forschungen rund um die Medizintests gehen weiter. Das Endergebnis der Studie will das Sozialministerium im kommenden Frühjahr auf einem weiteren Symposium vorstellen. Danach wird sich auch entscheiden, welche Entschädigungen die Opfer erhalten sollen.

Von Juliane Kaune

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