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Hannover Kommt die GVH-Netzkarte für Senioren?
Nachrichten Hannover Kommt die GVH-Netzkarte für Senioren?
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22:29 05.12.2018
Vom Auto umsteigen in Busse und Bahnen: Senioren wären für die Region eine gute Zielgruppe, um den Autoverkehr zu entlasten. Quelle: Martin Steiner (Archiv)
Hannover

Die Jugendnetzkarte zum Preis von 15 Euro pro Monat für Fahrten in der gesamten Region hat sich schnell zu einem Nachfragerenner entwickelt. In der SPD denkt Regionsdezernent Ulf-Birger Franz jetzt offen darüber nach, ein ähnliches Modell auch für Senioren einzuführen. Sie tragen offenbar ganz erheblich zum Anstieg des Autoverkehrs bei, während junge Erwachsene vermehrt auf Rad, Bus oder Bahn umsteigen. Beim SPD-Forum zur Zukunft des Verkehrs wurden am Mittwochabend solche und ähnliche Vorschläge kontrovers diskutiert.

Unterbezirkschef Matthias Miersch hatte zu Beginn des gut besuchten Abends im Lister Turm betont, dass die SPD sich stärker für Ideen einsetzen müsse, die sie für richtig halte – und Diskussionen darüber intensiver führen müsse. „Das war schon bei der Einführung des Frauenwahlrechts so, die anfangs sogar bei den Frauen umstritten war. Aber es war richtig, dass die SPD sich dafür stark gemacht hat“, sagte Miersch. Bei Themen wie dem Klimawandel etwa sei zwar schnell ein Konsens herstellbar sei, dass es wichtig sei, etwas dagegen zu tun – bis es dann konkret werde und Einschränkungen damit verbunden seien.

Auch bei der Verkehrspolitik stehen die Positionen in der SPD konträr zueinander. Die hannoversche Stadtpolitik will von der Region eine stärkere Subventionierung der Üstra-Tickets, Stichwort 365-Euro-Jahresticket. Die Forderung des für den Nahverkehr zuständigen SPD-Dezernenten Franz, zunächst einmal die Stadt weniger autofreundlich zu gestalten, Parkplätze zu reduzieren und mehr Fläche statt für Autos für Radfahrer, Fußgänger, Busse und Bahnen freizugeben, wollte SPD-Ratsherr Lars Kelich nur zögerlich folgen: Das sei ein „langer Prozess“, sagte er, die Menschen seien noch nicht weit genug dafür. Das gab wenig Applaus, das Publikum war klar verkehrsbewegt, wie man heute sagt.

Und es gab Widerspruch vom Verkehrsingenieur Helmut Holzapfel vom Zentrum für Mobilitätskultur der Uni Kassel. Der berät zwar die Autoindustrie, sagt aber: „Die Menschen sind längst viel weiter.“ Vor allem für die jüngeren Generationen sei Lebensqualität in den Städten wichtiger, das Auto nehme an Bedeutung ab. Notwendig sei aber, dass die Politik andere Schwerpunkte setze. So müsse etwa bei der Stadtplanung viel stärker auf gemischte Neubauviertel geachtet werden, in denen Menschen leben und arbeiten und damit auf Autos weitgehend verzichten könnten.

Das gab Zuspruch aus dem Publikum. Oliver Thiele aus Linden etwa berichtete, dass das Wohnquartier um die Eleonorenstraße („Jamiel-Kiez“) gerne zum „Superblock“ werden würde, in den nur noch Anlieger mit Autos fahren dürfen. „Für solch eine Verkehrswende braucht man nur ein paar Straßenschilder und keine 4 Millionen Euro für einen neuen Verkehrsrechner“, spottete Thiele. Barcelona experimentiert gerade mit solchen Superblocks. Auch Madrid macht seine Innenstadt seit dem 1. Dezember weitgehend autofrei, Paris hat Autos vom seine-Ufer verbannt.

Es gab aber auch andere Stimmen. Der Regionsabgeordnete Stefan Müller etwa warnte, man dürfe nicht die Grünen kopieren. „Die Leute fahren ja nicht Auto, weil sie die Umwelt verpesten wollen, sondern weil sie mobil sein müssen“, sagte Müller. Das müsse die SPD im Blick behalten. Forscher Holzapfel stimmte ihm zu: Wichtig sei immer die soziale Komponente. Es dürften am Ende nicht nur Reiche von der Verkehrswende profitieren. Deshalb sei auch ein Projekt wie die Senioren-Netzkarte kritisch abzuwägen: „Warum sollen gut betuchte Senioren, die zwei Autos vor der Tür haben, eine subventionierte Fahrkarte erhalten?“

Es gab Vorschläge, die faktische Steuerbefreiung für schwere, umweltschädliche Dienstwagen und Freiberufler-SUVs zu reduzieren oder endlich die Alltagsradwege besser instandzuhalten, statt neue Radschnellwege mit hohem Aufwand zu bauen. Immer wieder aber wurde auch die Forderung nach preiswerteren Nahverkehrstickets laut, und auch die häufige Überfüllung von Bussen und Stadtbahnen war ein Thema. Im SPD-Unterbezirk leiten die Langenhagener Landtagsabgeordnete Thordies Hanisch und Bezirkspolitiker Adis Ahmetovic jetzt eine Arbeitsgruppe, die Vorschläge für einen Parteitag im Frühjahr zum Thema Verkehrspolitik erarbeiten soll. Ein Punkt im bisherigen Konzeptpapier: Das 365-Euro-Ticket für die Region, als „Modellprojekt für einen bestimmten Zeitraum“.

Von Conrad von Meding

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