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Hannover So klingt das neue Album von Mousse T.
Nachrichten Hannover So klingt das neue Album von Mousse T.
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00:49 15.04.2018
Mousse T. bringt am Freitag ein neues Album raus. Quelle: Rainer Droese
Hannover

  14 Jahre Pause zwischen Album zwei und drei. Das ist viel Zeit. Da muss jetzt ja richtig was kommen. Und wie ist es nun also, das neue Album von Mousse T., fantastisch oder nur so "hm, na ja"? Das ist natürlich Geschmackssache. Es gibt ja keine objektiven Maßstäbe. Schon gar nicht bei einem, der als Komponist, Produzent und DJ eigentlich fast immer im toten Winkel hinter dem Song und dem Interpreten steht. Popstars vom Singer-Songwriter bis zur Krawall-Rockband machen es der Kritik einfacher. Die lassen alles Schlechte (seltener: das Gute) der Welt durch sich hindurchsickern, fassen ihre Fassungslosigkeit in Worte, lassen in zehn bis 14 Songs ihre Gitarre klagen oder kreischen und verkaufen als Produkt letztlich ihre Haltung zum Heute. Die kann man sich zu eigen machen, bewundern oder bemitleiden. Bei Mousse T. geht das so nicht. Der singt nicht ("Meine Stimme klingt nicht gut"), der lässt singen. Und deshalb gibt es jetzt auf dem Album "Where Is the Love" (das Fragezeichen fehlt im Titel) neben drei wieder aufgewärmten Ohrwürmern ("Horny", "Sexbomb" und der Disco-Remix von Falcos "Der Kommissar") knapp ein Dutzend potentieller Hits. Ohne Haltung, aber mit viel Stil.

Am Freitag erscheint „Where Is the Love“ von Mousse T. – ohne Fragezeichen. Quelle: Mousse T.

Wer die Musik von Prince, Michael Jackson, Nile Rodgers und Giorgio Moroder mochte, wessen Herz dazu bevorzugt synchron mit House, Funk und Disco schlägt, der kann in dem Sound des Albums ein wunderbares Entspannungsbad nehmen. Überraschend gibt es dabei ein Wiedersehen, pardon: Wiederhören, mit drei Helden aus den Neunziger-Charts. Mousse T. hat Maxi Priest wieder ausgegraben. Der Reggaesänger hatte mit "Close to You" vom Album "Bonafide" und dem Cover von Cat Stevens' "Wild World" seine größten Hits. Jetzt singt er für Mousse T. "Boyfriend". Dazu rappt Speech kurz rein. Der hatte, als Hiphop mal vorübergehend Gutmenschen-Soundtrack war, mit Arrested Development Hits wie "Every Day People" und "Give a Man a Fish". Außerdem ist auf dem Titelsong Andrew Roachford zu hören.

Spannender sind auf dem Album allerdings Songs und Sängerginnen, die weniger bekannt und deutlich jünger sind: Adeline Michèle zum Beispiel, die "You Don't Know Me" singt, Sharon Phillips ("Maybe in May") und Andreya Triana mit der großartig karamellisierten Ballade "Broken Blues". Und ganz besonders Zoe Devlins "Magnetize". Wird vielleicht gerade ein Titelsong für einen James-Bond-Film gesucht? Hier wäre einer.

Stört es, dass "Where Is the Love" nicht wie ein klassisches Künstler- oder Band-Album klingt, sondern eher wie ein Sampler, ein "Best of ...", ein Hit-Mix? Da regt schon die Frage auf! Alben hört doch eh keiner mehr. Eine Stunde Musik am Stück von den immer gleichen Leuten? Das kommt doch außerhalb der Wünsch-dir-was-Blase der Popkritik in der wirklichen Welt gar nicht mehr vor. Wer kauft noch Alben? Selbst die gängige musikalische Portionierung in Vier-Minuten-Songs passt schon kaum noch in die Alltagstaktung. Wer bei Twitter, Instagram und Co. etwas reißen will, hat 30, vielleicht 40 Sekunden. 

Bemerkenswert ist deshalb, dass Hannovers wichtigster Pop-Protagonist Mousse T. sich nach 14 Jahren überhaupt noch mal die Mühe eines Albums macht. Sogar gegen äußerst widrige Umstände, wie es scheint. Schließlich war dafür ein Wechsel vom Musikkonzern Universal Music ins Paralleluniversum von Sony Music nötig. Keine Kleinigkeit.

Aber Mousse T. sitzt halt gerade in der Jury von "Deutschland sucht den Superstar" ("DSDS") neben dem Donald Trump des deutschen Pop: Dieter Bohlen. Darüber gab es allenthalben Naserümpfen. Tatsächlich aber wird das RTL-Prime-Time-Millionenpublikum derzeit wöchentlich Zeuge, wie es dem Hannoveraner gelingt, in der Mutter der Trash-Formate ein Saubermann zu bleiben. Das hat Format.

Einerseits: Diese Popularität – oder nennen wir es nüchterner: Reichweite – nicht für die Platzierung eines Albums zu nutzen, wäre wohl eine fahrlässig vertane Chance. Andereseits: Der Zahnarzt-Sohn Mustafa Gündogdu hat in den 14 Jahren ohne Album ein anderes bemerkenswertes Kunststück vollbracht, nämlich die Ausbildung vollumfänglicher TV-Salonfähigkeit. Wer zappt, konnte in den vergangenen Tagen Mousse T. als "DSDS"-Juror in der südafrikanischen Savanne sitzen sehen (im Hintergrund bewaffnete Ranger - als Löwenbändiger?). Außerdem stand er für eine "Der Kommissar"-Performance in einer Carmen-Nebel-Show vor zwei Zwölf-Zehner-Plattenspielern am DJ-Pult und saß in einer Talkshow von Markus Lanz neben Fußballtrainer Ewald Lienen und Spieler Dennis Aogo. In den Nächten dazwischen hat er im Pariser Club Musicology, in der Berliner Disco Ritter Butzke und auf Ibiza als DJ aufgelegt. 

Nein, angesichts dieser Karriere und Relevanz braucht es eigentlich kein neues Album? Aber es ist "nice to have", eine Dreingabe. Und außerdem: fantastisch. Man muss es ja nicht am Stück hören.

 Weiterlesen: So machte Musikproduzent Mousse T. Karriere
 

Von Volker Wiedersheim

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