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Hannover Bewährungsstrafe für Überfahren von Kollegin?
Nachrichten Hannover Bewährungsstrafe für Überfahren von Kollegin?
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18:03 26.10.2018
Hinter diesem Wohnwagen lauerte Lennart H. seinem Opfer auf. Quelle: Michael Zgoll
Hannover

 Die 2. Große Jugendkammer steht nächsten Donnerstag vor einer schwierigen Entscheidung: Wird sie einen 19-jährigen Auszubildenden, der eine gleichaltrige Arbeitskollegin in Hainholz mit seinem Auto über den Haufen fuhr, wegen versuchten Mordes mehrere Jahre in die Jugendanstalt Hameln schicken? Oder kommt der labile junge Mann, der im Anschluss an seine Tat und eine fünftägige Flucht alles getan hat, um den Schaden wenigstens ansatzweise wiedergutzumachen, mit einer Bewährungsstrafe davon? Die Plädoyers am Freitag zeigten die mögliche Spannbreite eines Urteils auf: Staatsanwältin Friederike Riemer forderte für Lennart H. vier Jahre Jugendhaft wegen versuchten Mordes, Verteidiger Holger Nitz plädierte für eine Bewährungsstrafe von 21 Monaten wegen gefährlicher Körperverletzung.

Der 19-jährige Lennart H. (l.) wird von Anwalt Holger Nitz verteidigt. Quelle: Michael Zgoll

H. hatte seinen VW Golf am frühen Abend des 8. März 2018 nach Feierabend in einer Parkbucht der Straße Rehagen geparkt. Als die 19-Jährige, die ebenso wie er eine Ausbildung bei Möbel Staude absolvierte, mit ihrem Fahrrad aus der Meelbaumstraße nach links auf den Rehagen einbog, gab er Gas, schoss schräg über die Fahrbahn bis auf den Radweg. Das Opfer wurde über das Dach des Autos geschleudert; wie durch ein Wunder verletzte sich die junge Frau nur leicht, lief weinend und schreiend Richtung Möbelhaus-Eingang. Unter den psychischen Folgen der Tat leidet sie aber bis heute, musste ihre Ausbildung in Hainholz abbrechen.

H. floh per Zug über Bremen und Osnabrück in die Schweiz, stellte sich dann aber der Polizei. Für den Täter sei die Auto-Attacke wohl ein „Befreiungsschlag“ gewesen, sagte der psychiatrische Sachverständige Ulrich Diekmann. Schon länger sei H. das klassische Mobbingopfer gewesen: schüchtern, unselbstständig und gehemmt, auch ängstlich und depressiv. Etliche Kränkungen in der Schulzeit oder während seiner Ausbildungszeit habe H. tatsächlich erfahren, andere hätten nur in seiner Einbildung existiert. Dass er seinen Golf am Abend seiner Flucht nahe der Stelle abstellte, wo auch der ehemalige 96-Torhüter Robert Enke sein Auto vor seinem Selbstmord geparkt hatte, war wohl kein Zufall: Auch der 19-Jährige sei im März suizidgefährdet gewesen. Eine schwerwiegende Persönlichkeitsstörung und eine verminderte Steuerungsfähigkeit beim Überfahren der 19-Jährigen verneinte der Gutachter allerdings: „Eine Psychose, eine wahnhafte Störung oder eine Handlung im Affekt lagen nicht vor.“

„Mordversuch aus Heimtücke“

Einen „Mordversuch aus Heimtücke“ warf Staatsanwältin Riemer dem Angeklagten vor: „Er wollte, dass das Opfer stirbt.“ Die arg- und wehrlose Frau habe keine Chance gehabt, dem VW dreieinhalb Sekunden nach dem rasanten Start auszuweichen. Die Anklagevertreterin wies darauf hin, dass die 19-Jährige eine Entschuldigung von H. abgelehnt hatte, weil der bei ihr angerichtete Schaden durch nichts wiedergutzumachen sei. Bei dem Täter konstatierte Riemer „Reifeverzögerungen“ und plädierte dafür, ihn nach Jugendrecht zu verurteilen.

Verteidiger Nitz bestritt, dass sein Mandant die Auszubildende umbringen wollte: „Er wollte die Frau lediglich anfahren, auch wenn unstrittig ist, dass dies brandgefährlich war.“ H. sei erst geflohen, als er gesehen habe, dass sich das Opfer bewegte, habe auch keinerlei Anstalten unternommen, eine angeblich geplante Mordtat in irgendeiner Form – etwa durch ein erneutes Zufahren auf die 19-Jährige – zu vollenden. Der Angeklagte habe inzwischen in Rahmen einer anderen Ausbildung Halt und Anerkennung gefunden, absolviere eine psychotherapeutische Langzeit-Therapie im Winnicott-Institut und habe mit einem Entschuldigungsbrief sowie der Zahlung von 2500 Euro Schmerzensgeld viel zu einem Täter-Opfer-Ausgleich beigetragen. Bei einem unreifen jungen Mann wie H. sollten pädagogische Erwägungen Vorrang vor dem Wunsch nach Bestrafung haben, sagte Nitz: „Wenn er den jetzigen Weg der Resozialisierung weitergehen kann, bietet das die beste Gewähr, dass er nie wieder straffällig wird.“

Von Michael Zgoll

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