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Hannover Sind die Erstsemester nicht mehr selbstständig genug?
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00:16 14.10.2018
Dozent Thomas Jambor bereitet Studienanfänger mit einem Vorkurs Mathematik auf das Informatikstudium vor. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

Wenn Dozent Tomas Jambor in seiner Vorlesung gerade ein kompliziertes mathematisches Problem erklärt, wundert er sich manchmal. Er sieht Studenten, die sich gebannt mit ihrem Handy beschäftigen. „Sie denken nicht darüber nach, dass sie eigentlich nicht wirklich anwesend sind, wenn sie nebenbei Nachrichten verschicken.“ Jambor erwartet selbstverständlich, dass seine Zuhörer das Smartphone in der Tasche lassen, und weist zu Beginn des Semesters auch darauf hin. „Ich käme mir aber albern vor, das jeden Tag zu wiederholen. Die Studenten sind schließlich erwachsen.“

Das Detail mit den Smartphones zeigt gewisse unmerkliche Verschiebungen im Uni-Alltag. Wenn diesen Donnerstag das Wintersemester an der Leibniz-Universität mit einer Begrüßungsfeier startet, haben zahlreiche Studenten bereits zwei, drei, manchmal sogar vier Wochen an der Hochschule verbracht. Besonders, wenn es im Studium um Mathematik, Technik oder Naturwissenschaften geht, schalten die Fakultäten gerne eine kostenlose Aufwärmphase vor. Allein in der Fakultät für Mathematik und Physik haben in den vergangenen Jahren oft rund 1600 Erstsemester schon vor Studienstart gebüffelt. Genaue Zahlen dazu gibt es nicht. „Wir erreichen nicht jeden, aber einen guten Anteil unserer Studienanfänger“, schätzt Professorin Anne Frühbis-Krüger, die Vorkurse in Mathe auch für andere Fakultäten koordiniert.

Rechnen ohne Taschenrechner

Nun sind Vorkurse für Mathe oder Naturwissenschaften mindestens seit den Achtzigerjahren üblich, als bereits einmal mit der Bildungsexpansion größere neue Studentengruppen an die Universitäten strömten. Jambor ist aber überzeugt, dass sie jetzt umso notwendiger sind. In Großstädten wie Hannover machen mehr als 50 Prozent der Schüler Abitur und viele schlagen auch den Weg an die Uni ein. Die Erstsemester sind aktuell deutlich jünger als früher, sie starten nach verkürztem Abitur und Wegfall der Wehrpflicht manchmal schon mit 16 oder 17 Jahren mit dem Studium.

Der Dozent leitet selbst die Mathematik-Vorkurse an der Fakultät für Elektrotechnik und Informatik und fängt dann bei „Null“ an, wie er sagt: Bruchrechnen, Geometrie, Integral- und Vektorrechnung. Jambor wiederholt in Vorlesungen und seine Tutoren in Arbeitsgruppen mit den Studenten den gesamten Schulstoff. Dass Abiturienten manches aus der Schulzeit vergessen haben, sei verständlich, meint er. Aus der Schule seien die Studienanfänger es jedoch auch gewohnt, mit dem Taschenrechner zu arbeiten. „Es ist aber notwendig, dass sie auch mal ohne Gerät auskommen, denn wir möchten, dass sie Aufgaben durchdringen und verstehen, was dahinter steckt.“

Motivieren statt abschrecken

Als der 45-Jährige selbst im Jahr 2000 mit dem Studium startete, ging auch er in einen Vorkurs. Jambor hatte damals den Eindruck, dass dieser Kurs abschrecken und ihm bewusst zeigen sollte, was er alles nicht konnte. „Das will ich anders machen, wir sind da, um zu helfen.“ Der Dozent bietet deshalb im ersten Semester zur Motivation einen Vorkurs E-Technik an, in dem er mit den Anfängern Schaltkreise baut. „Plötzlich erkennen sie, was in einer Schaltung passiert. Das ist lernpsychologisch wichtig, denn es ist anders, etwas zu messen als es nur zu berechnen.“ Aus der Schule kennen die Studenten das meist nicht.

Einen sanften Einstieg ins Studium will auch Mathematikprofessorin Anne Frühbis-Krüger bereiten. In den Mathematikvorkursen sollen die Teilnehmer gleichzeitig auch verstehen, wie sie eine Vorlesung in ihrer Übungsgruppe nachbereiten, wie sie die richtigen Mitstudenten für ihre Arbeitsgruppe finden und selbstständig lernen. „Die Schule hat ein viel langsameres Tempo und relativ kleine Lerngruppen.“ Im Hörsaal herrscht dagegen eher klassischer Frontalunterricht. „Es erfordert viel mehr Selbstständigkeit, sich die Kernpunkte danach an Hand der Übungen zu erarbeiten.“

Mathe für Anfänger

Vorkurse zur Vorbereitung auf das Studium laufen an der Leibniz-Universität vor allem in mathematisch-technisch-naturwissenschaftlichen Studiengängen. Vereinzelt bieten aber auch die Philosophische Fakultät, die Fakultät für Architektur und Landschaft und die Juristische Fakultät freiwillige Vorkurse zu speziellen Themen wie Sprachen oder Software an.

Für Studienanfänger, die sich unsicher fühlen, veranstaltet die Studienberatung außerdem fächerübergreifend Mathematik-Kurse. „Besonders Studieninteressierte, die eine Ausbildung oder ein Auslandsjahr gemacht haben, haben sich das gewünscht“, sagt Koordinatorin Swantje Ludwig. Der Kurs dauert drei Wochen und kostet 93 Euro. Die Teilnehmer machen die Themen mit, die sie nach eigener Einschätzung brauchen.

Werden die Vorkenntnisse schlechter?

Wenn sich die Bedingungen in den Schulen ändern, spüren Anne Frühbis-Krüger und ihre Kollegen das recht genau. Seit die Schüler im Mathe-Abitur bei einem Teil der Aufgaben wieder ohne Taschenrechner auskommen müssen, sind sie im Rechnen wieder sicherer geworden, berichtet die Professorin. Umwälzungen im Schulsystem wie in den vergangenen zehn Jahren spiegeln sich immer mal wieder im Kenntnisstand der Studienanfänger: Der Wissensstand innerhalb eines Abiturientenjahrgangs klafft dann stärker auseinander. Denn an jede Änderung müssen Lehrer ihren Unterricht zunächst anpassen, beim Lehrerwechsel verpassen manche Klassen manche Themen komplett. „Subjektiv haben viele von uns das Gefühl, dass die Vorkenntnisse schlechter werden“, berichtet Frühbis-Krüger. Untermauern ließe sich dies jedoch nicht. Auch die Lerninhalte an den Schulen haben sich nach Beobachtung der Mathematiker in den vergangenen 20 Jahren stark gewandelt. „Dinge, die wir als selbstverständlich voraussetzen, werden so nicht mehr vermittelt.“

Jambor fällt das auf, wenn er Vorkurse zum Sommersemester anbietet. Dann starten vor allem ausländische Studenten, die größten Gruppen kommen aus China und Tunesien. „Sie haben eher sprachliche als fachliche Probleme. Bei den Deutschen ist es genau anders herum.“ Was auch die Ursachen sein mögen, meint Prof. Frühbis-Krüger: „Fest steht, dass Studenten effektiv Probleme beim Übergang an die Uni haben. Und wir arbeiten daran, dass wir nicht unterwegs eine Generation verlieren.“

Interview: „Vorher aufs Studium vorbereiten“

Sören Isleib, Wisenschaftler am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) in Hannover, forscht zu Studienerfolg und Studienabbruch.

In der öffentlichen Debatte wird immer mal wieder bezweifelt, dass Studienanfänger heutzutage tatsächlich fit fürs Studium sind. Ist das gerechtfertigt?

Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keine Belege dafür, dass die Studierfähigkeit im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte abgenommen hat. Die Anzahl der Studenten hat sich aber als Folge von politischen Entscheidungen, wie etwa der Öffnung der Hochschulen für Schulabgänger von Fachoberschulen und Berufsoberschulen, deutlich ausgeweitet. Im Jahr 1980 betrug die Studienanfängerquote noch knapp 20 Prozent eines Jahrgangs. Ab 2000 stieg sie auf über 30 Prozent und lag zuletzt im Jahr 2017 bei 56 Prozent.

Aber was bedeutet es, wenn über die Hälfte eines Jahrgangs studiert?

Die reine Anzahl sagt erstmal nichts über die kognitiven Fähigkeiten der einzelnen Studienanfänger aus. Wir beobachten aber, dass junge Leute, die über Fachoberschule oder Berufsoberschule an die Hochschulen gelangen, häufiger Schwierigkeiten haben ins Studium hineinzufinden, weil an ihren Schulen berufspraktische Inhalte häufig im Vordergrund stehen, diese an der Hochschule aber eher nicht gefordert sind. Gymnasien bereiten wesentlich stärker auf ein wissenschaftliches Studium vor.

Wie sollte der Studienstart aussehen, damit das Studium erfolgreich verläuft?

Junge Leute sollten ein Fach studieren, das die eigenen fachlichen Interessen und Kompetenzen widerspiegelt. Allein die Höhe des zu erwartenden Einkommens sollte nicht entscheidend für die Wahl sein. Ich rate außerdem, sich vorher Finanzierungsmöglichkeiten und die genauen Studieninhalte anzuschauen. So gut wie jede Hochschule bietet mittlerweile Vorkurse an. In den ersten Wochen ist es wichtig, bei Fragen aktiv auf Dozenten und Mitstudenten zu zugehen.

Sollten die Hochschulen den Studienerfolg stärker unterstützen?

Viele Hochschulen bieten bereits Unterstützung an. Häufig werden Vorkurse aber viel zu wenig in Anspruch genommen, womöglich gerade von denen, die davon profitieren würden. Außerdem gibt es die Möglichkeit, die Studieneingangsphase zu strecken und Prüfungen erst ins zweite Semester zu legen. Einige Hochschulen machen das, um die Leute nicht gleich wieder zu verlieren

 

Von Bärbel Hilbig

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