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Hannover Autoren stellen Buch über Ärztin Bach vor
Nachrichten Hannover Autoren stellen Buch über Ärztin Bach vor
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02:42 25.09.2018
Die Autoren: Gabi Stief und Hans-Peter Wiechers lesen aus ihrem Buch „Der Mordverdacht“. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

Die Frau mit den kurzen schwarzen Haaren kannte Mechthild Bach. Als Krankenschwester an der Langenhagener Paracelsus-Klinik hatte sie oft mit der Krebsärztin zusammengearbeitet. Mit der Medizinerin, die 13 Menschen mit Überdosen an Morphium und Beruhigungsmitteln getötet haben soll. 2003 wurde Bach angezeigt, 2011 nahm sie sich noch vor dem Ende des langwierigen Gerichtsprozesses das Leben, weil sie keine Hoffnung mehr auf einen Freispruch hatte. Bachs frühere Kollegin ist an diesem Abend gekommen, weil sie etwas richtigstellen will. „Frau Dr. Bach“, sagt sie, „war eine sehr menschliche Ärztin. Sie hat mit jedem ihrer Patienten Mitleid gehabt. Sie hat vielen geholfen, wieder gesund zu werden, und auch für diejenigen, denen sie nicht mehr helfen konnte, hat sie ganz Großes geleistet.“

Dass der Fall Bach noch immer viele Menschen beschäftigt, zeigt sich am Montagabend im ausverkauften Kellerclub daunstärs in Langenhagen. Vor rund 100 Gästen stellen die beiden langjährigen HAZ-Redakteure Gabi Stief und Hans-Peter Wiechers ihr Buch vor, in dem sie die Geschehnisse rund um den Gerichtsprozess von Mechthild Bach noch einmal neu aufrollen. Unter den Zuhörern, das wird schnell deutlich, sind ehemalige Mitarbeiter und Patienten Bachs, aber auch andere Menschen, die überzeugt sind, dass die Internistin zahlreiche Krebspatienten in ihrer letzten Lebensphase fachlich kompetent betreut, ihnen beigestanden und ihre Schmerzen wirksam gelindert hat. Eine Pionierin der Palliativmedizin, die im damaligen Medizinbetrieb auf fatale Weise missverstanden wurde?

Das Schwurgericht war 2011 anderer Meinung: In zwei der angeklagten Tötungsfälle zog es eine Verurteilung wegen Mordes in Betracht. „Der Mordverdacht“ – so haben Stief und Wiechers ihr Werk genannt. Und sie stellen klar, dass sie sich als Buchautoren entschieden haben, bewusst für Bach Partei zu ergreifen – anders als es in der objektiven Berichterstattung eines Reporters aus dem Gerichtssaal möglich ist. „Es ist eine Reportage, die Stellung bezieht“, sagt Wiechers, der für die HAZ lange als Gerichtsreporter gearbeitet hat.

Stief, Expertin für Sozial- und Gesundheitspolitik, hat aus dem ersten Bach-Prozess, der 2008 begann, für die HAZ berichtet. Sie sagt, der Fall sei beispiellos für eine „massive Vorverurteilung“ durch die Krankenkassen, die Anzeige erstatteten, die damalige Bezirksregierung, die umgehend ein Berufsverbot über die Ärztin verhängte, und die Medien, die mit Schlagzeilen wie der „Der Todesengel“ titelten. Auch mit den Gutachtern der Anklage gehen die beiden Autoren hart ins Gericht. Dabei spielen nicht nur subjektive Sichtweisen eine Rolle: Bach musste fünf Jahre auf ihren Prozess warten, weil einer der Experten seine Stellungnahmen nicht vorlegte. „Ein Unding und ein juristisches Unikum“, sagt Bachs Anwalt Matthias Waldraff, der später auf dem Podium Platz nimmt und für die Autoren ein wichtiger Ansprechpartner war.

Stief und Wiechers versuchen auch, den Menschen Mechthild Bach zu ergründen. Sie zeichnen das Bild einer einst erfolgreichen Ärztin, die immer für ihre Patienten da war, das eigene Privatleben hintanstellte und dabei offenbar die Pflicht vernachlässigte, ihr medizinisches Handeln vorschriftsgemäß zu dokumentieren. „Einzelkämpfertum“, nennt es Stief. Es gab aber auch einige wenige Menschen, denen Bach sich anvertraut hat. Ihr engster Freund sitzt im daunstärs in der letzten Reihe: der Langenhagener Musikdirektor Ernst Müller, der auch Bachs Patient war. Er hat keinen Prozesstag versäumt. An einen Freispruch, das er den Autoren verraten, habe er aufgrund des Prozessverlaufs seit Langem nicht mehr geglaubt. Doch Bach habe er nie von seinen Zweifeln erzählt. Und Zeitungsartikel über den Fall hat er gesammelt hat, weil Bach darüber irgendwann einmal ein Buch schreiben wollte.

Ihr Buch verstehen Stief und Wiechers auch als eine Form der Rehabilitation für die Ärztin – und als ein Plädoyer für eine Medizin, die ein würdevolles Sterben ermöglicht. Aktuelle Themen wie Sterbehilfe und Patientenverfügung seien durch den Fall Bach ebenso berührt wie die Entwicklung der Palliativmedizin, sagt Stief. „Glücklicherweise hat sich hier inzwischen viel getan.“ Als Bach praktizierte, habe es in der gesamten Region Hannover offiziell keine einzige Einrichtung gegeben, auf denen Todkranke gezielt mit einer schmerzlindernden Behandlung versorgt werden konnten. Erst 2005 wurde die erste Palliativstation im Friederikenstift eingerichtet. Heute gibt es in Stadt und Umland vier solcher Stationen, zudem 21 ambulante Teams und drei Hospize. „Und“, sagt Stief, „die Gabe von Morphium ist in diesen Einrichtungen üblich.“

„Der Mordverdacht“, zu Klampen Verlag, 128 Seiten, 14 Euro

Von Juliane Kaune

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