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Hannover Stadt verkauft Bunker an der Rupsteinstraße
Nachrichten Hannover Stadt verkauft Bunker an der Rupsteinstraße
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00:15 13.08.2018
Wenn sich die schwere Tür am Eingang zum Bunker schließt, wird es schlagartig dunkel –und ein wenig bedrückend. Quelle: Philipp Von Ditfurth
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Hannover-Kleefeld

Auf einmal ist es schlagartig dunkel. Die schwere Tür ist ins Schloss gefallen. Zwei Meter dicke Betonwände sperren die Welt aus – und das Tageslicht. Nur eine alte Glühbirne zuckt und hüllt die steinernen Gänge in schwaches, gelbes Licht. „Das ist keine 08/15-Immobilie“, sagt Jonas Kirchberg von der Stadt Hannover. Wer könnte ihm da widersprechen? Wer stand schon einmal in einem alten Luftschutzbunker, der einst Hunderten Hannoveranern eine Zuflucht bot, als der Bombenalarm schrillte?

Der knapp 43 Meter lange, 16 Meter breite und 13 Meter hohe Koloss an der Rupsteinstraße wirkt heute hingegen wie ein Fremdkörper mitten im Wohngebiet. Auch die grünen Ranken können den steinernen Zeitzeugen unweit der Haltestelle Ulhornstraße, an der auch die Stadtbahnlinie 5 hält, nicht verstecken. „Ich gehe hier jeden Tag vorbei. Gern würde ich da mal reingucken“, gesteht Anja Bernhard, die nur wenige Straßen weiter wohnt. „Aber das Gebäude wirkt irgendwie auch ein wenig gruselig. Man weiß ja, wofür es mal gedacht war.“

Bunker steht seit 1944 im Wohngebiet

Der Bunker wurde 1944 gebaut. In der Stadt Hannover wurden insgesamt 47 Luftschutzbunker gebaut. Eigentlich waren sogar 53 steinerne Kolosse für den Schutz der Hannoveraner angedacht gewesen. Aber nicht alle konnten fertig gestellt werden. Hinzu kamen sechs Bunker in Misburg, drei Bunker in Langenhagen und zwei Bunker in Vinnhorst. Der Bunker an der Rupsteinstraße gehört der Stadt Hannover, die ihn in den vergangenen Jahren vor allem als Lagerraum genutzt hat. An die Ängste und Sorgen, die die Menschen im Bunker während der dramatischen Bombennächte empfunden haben müssen, erinnert im Inneren nichts mehr. Fast komisch wirken hingegen selbst gemalte Schilder mit Aufschriften wie „Heute bitte draußen rauchen“ oder der Hinweis „Bitte hinsetzen“ an der hölzernen Tür zu den Toiletten. Der Krieg ist gedanklich weit weg, selbst wenn die dunklen Gänge einem ein bedrückendes Gefühl einhauchen.

Für den Betonriesen mit drei Geschossen soll es jetzt schon bald eine neue Zukunft geben. „Im März 2012 wurde die Zivilschutzbindung für die Schutzbauten der Landeshauptstadt Hannover aufgehoben“, erklärt Kirchberg. Das heißt: Die Stadt ist jetzt nicht mehr verpflichtet, zum Schutz der Bevölkerung Luftschutzbunker für den kriegerischen Ernstfall vorzuhalten. Nicht alle Bunker, die in Hannover zu finden sind, gehören derweil der Stadt – ein Teil ist auch noch Eigentum des Bundesanstalt für Immobilienaufgaben.

Musik und Karneval im Bunker

Aber was fängt eine Stadt mit so vielen leeren Luftschutzbunkern bloß an? Genau: gar nichts. In der Regel werden die Gebäude inzwischen von Vereinen genutzt. In Misburg dient ein Bunker beispielsweise als Musikübungsraum. In Badenstedt hat sich ein Mobilfunkbetreiber das Gebäude gesichert. In Ricklingen trifft sich ein Karnevalsverein im Bunker, und dank des Vereins Vorbei hat in Oberricklingen inzwischen ein echtes Bunkermuseum geöffnet – samt Führungen.

Der Bunker an der Rupsteinstraße soll in den nächsten zwei Jahren verkauft werden. „Es wird ein Wertgutachten geben“, sagt Kirchberg. „Dann werden die Bunker üblicherweise im Höchstpreisverfahren verkauft.“ Allerdings: Wer sich für die Geschichte des Zweiten Weltkrieges interessiert und schon immer einmal so ein Gebäude besitzen wollte, braucht sich gar nicht erst zu bewerben. „Einen Verkauf, nur damit jemand einen Bunker sein Eigen nennen kann, wird es nicht geben“, betont Kirchberg. Die Stadt schaue genau darauf, welches Konzept ein interessierter Käufer für die Nachnutzung verfolge.

Diese Bunker sind noch im Besitz der Stadt Hannover

Diese 16 Bunker sind noch im Besitz der Landeshauptstadt: Am Seelberg (Misburg Nord), Deisterplatz (XX), Grenzweg (Vahrenwald), Hagenbleckstraße (Badenstedt), Kückstraße (Mittelfeld), Wolfskamp (Mittelfeld), Mecklenheidestraße (Stöcken), Nordfelstraße (Ricklingen), Olbersstraße (Bothfeld), Osterforth (Bothfeld), Rotermundstraße (Vahrenwald), Wallensteinstraße (Oberricklingen), Weidendamm (Nordstadt), Welfenplatz (List), Woermannstraße (Badenstedt) und Rupsteinstraße (Kleefeld). Wer sich für Hannovers Bunker interessiert, dem sei ein Besuch der Internetseite www.luftschutzbunker-hannover.de empfohlen. Der Hannoveraner Guido Janthor hat dort in jahrelanger Recherchearbeit eine beeindruckende Sammlung mit Informationen zu allen Bunkern und ihren Standorten erarbeitet.

Vom Kriegs- zum Neubau

An Ideen für eine Nachnutzung dürfte es wohl nicht fehlen. Allerdings ist eines gewiss: Der Umbau eines Bunkers ist richtig teuer. Denn Bestandsschutz genießen die alten Gebäude im Gegensatz zu manchem Wohnhaus aus dieser Zeit nicht. „Mit der Aufgabe der Nutzung als Bunker werden die Gebäude bauordnungsrechtlich wie ein Neubau behandelt“, erklärt Kirchberg. Das bedeutet, dass der umgebaute Bunker am Ende auch den aktuellen Auflagen zum Brandschutz, zu Rettungswegen und zur energetischen Sanierung genügen muss. In jedem Fall, so rät der Experte, sollten Interessenten vor dem Kauf eine Bauvoranfrage stellen, um zu klären, ob ihre Idee am Ende auch genehmigungsfähig ist.

„Das wäre doch ideal für ne Disko oder ein Abenteuerhotel“, überlegt ein 16-Jähriger, der auf dem Weg nach Hause kurz vor dem Bunker Halt macht. „Zum drin Wohnen ist es ja wohl ein wenig zu dunkel“, scherzt er – und hat recht. Wenn sich am Ende der kleinen Führung in die Geschichte Hannovers die schwere Tür wieder öffnet, lässt das blendende Sonnenlicht einen die Augen zusammenkneifen. Durchatmen. Kein schriller Alarm ist zu hören – nur die Stadtbahnen um die Ecke ruckeln und schuckeln gemütlich auf den Schienen dahin.

Das große Multimediaprojekt der HAZ-Volontäre

Das abenteuerliche Quietschen, wenn die Bahnen um die Kurven fahren, die Ansage der nächsten Station – das sind Alltagsmelodien für jeden, der regelmäßig die Stadtbahn nutzt. Die HAZ-Volontäre (Redakteure in Ausbildung) erzählen ihre Fahrt mit der Stadtbahnlinie 5 –mit ihren 29 Haltestellen in ganz unterschiedlichen Stadtteilen eine der längsten im Üstra-Netz. An kaum einer anderen Linie lassen sich hannoversche Geschichten besser erzählen, finden sich so interessante Gebäude, skurrile Ereignisse und engagierte Menschen.

Die HAZ-Volontäre erzählen deren Geschichte, eine von jeder Haltestelle, als Serie in der gedruckten HAZ und als Multimediastory im Internet –mit Videos, Audios und Bildern. Unter haz.li/linie5 können Sie einmal durch die Stadt von Stöcken nach Anderten fahren – mit einem Zeitraffervideo aus der Fahrerkabine. Das ist eine Perspektive, die Fahrgäste sonst nicht erleben.

Von Carina Bahl und Nils Oehlschläger

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