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Hannover Lotta war ein Frühchen – zehn Jahre später ist sie „wie alle anderen“
Nachrichten Hannover Lotta war ein Frühchen – zehn Jahre später ist sie „wie alle anderen“
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00:18 05.12.2018
Lotta Trümper wird als Frühchen an der MHH geboren und ist heute eine ganz normale Zehnjährige, die gern Hockey spielt und die IGS in Garbsen besucht. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

Am Ende ist vielleicht die große Willenskraft der kleinen Lotta Trümper des Rätsels Lösung. Oder zumindest ein wichtiger Teil davon. Und wer wissen will, über wie viel Willensstärke die heute Zehnjährige verfügt, muss ihr nur beim Hockeyspielen zuschauen. Das auf den ersten Blick so schmal und zurückhaltend wirkende Mädchen trainiert beim Deutschen Hockey Club Hannover. Der Sport ist ihre große Leidenschaft. Auffällig ist auf dem Spielfeld wie am Spielfeldrand immer zunächst ihr ernster Blick. Aber wenn Lotta sich im Wettkampf durchsetzt, wenn sie selbst weite Strecken hoch konzentriert zurücklegt und den Ball an ihrem Schläger keine Sekunde aus den Augen lässt, dann merkt man deutlich, dass dieses Mädchen eine Kämpferin ist.

Möglicherweise hat ihr genau diese Fähigkeit am Anfang ihres Lebens in die Welt geholfen. Denn bei ihrer Geburt sind die Bedingungen mehr als schlecht. Lotta Trümper wird am 4. März 2008 in der Medizinischen Hochschule Hannover geboren, nach 23 Wochen und 4 Tagen, per Kaiserschnitt. 31 Zentimeter ist sie groß, als sie auf die Welt kommt, wiegt 735 Gramm. Neben ihrem Köpfchen sieht die Hand von Vater Stefan Trümper geradezu riesenhaft aus. Die statistische Überlebenschance eines so früh geborenen Säuglings wird nach Angaben von Bettina Bohnhorst, Leiterin der Früh- und Neugeborenenintensivstation der MHH, vor zehn Jahren noch so niedrig eingeschätzt, dass Eltern gefragt werden, ob sie ihre Kinder an Maschinen anschließen oder lieber in Ruhe sterben lassen wollen. Inzwischen behandele man Frühchen zwischen der 23. und 24. Woche häufiger, aber damals sei das sehr ungewöhnlich gewesen.

„Ich wollte dieses Kind nicht verlieren“

Lottas Mutter Julia erinnert sich noch genau an den Moment, als sie gefragt wird, ob sie nach der Geburt für ihr Baby die „Maximalversorgung“ will. Ein so früh geborenes Kind bewege sich an der Grenze der Überlebensfähigkeit sagen ihr die Ärzte. Wenn es überlebe, sei die Chance, dass es keine Behinderungen davontrage, sehr gering. „Ich habe gesagt, ich will dieses Kind“, erinnert sich Julia Trümper. Sie klingt auch nach so vielen Jahren noch gleichermaßen bewegt und bestimmt: „Ich wollte dieses Kind nicht verlieren.“

Dass es für die damals 31-Jährige Grundschullehrerin in dieser so existenziellen Frage nur eine Antwort gab, hat auch einen traurigen Grund. Lotta Trümpers Geschichte ist eng mit der ihres Bruders Pius verknüpft. Nur ein Jahr trennen die beiden. Auch Pius kommt zu früh auf die Welt, schon in der 22. Woche. Dazu ist er schwer krank, stirbt am Tag seiner Geburt. Lotta dagegen überlebt. Wenn Pius nicht gewesen wäre, gäbe es Lotta nicht, sagt Stefan Trümper und man hört immer noch den Schmerz in seiner Stimme. So habe der Tod seines Jungen wenigstens einen Sinn gehabt.

Julia Trümper wird schnell wieder schwanger, mit Zwillingen. Ein befruchtetes Ei verliert sie früh, aber das zweite bleibt: „Lotta wollte einfach zu uns kommen“, sagt Stefan Trümper. Beide Eltern sind froh, als sie hören, dass es diesmal ein Mädchen wird, der Schock über den Tod des Sohnes sitzt tief. Und lange Zeit wirkt es so, als sei diese Schwangerschaft unproblematisch. Aber Anfang der 23. Woche bekommt Julia Trümper plötzlich Wehen, muss in die MHH. Nach drei Tagen wird ihr Baby geholt.

Weiß Lotta, dass sie ein Frühchen ist? Aufmerksam verfolgt die Zehnjährige das Gespräch, aber so richtig mitreden will sie nicht. „Ja“, sagt sie schlicht. Und: „Ich bin aber eigentlich so wie alle anderen.“ Finden die Eltern das auch? Die Trümpers haben noch eine jüngere Tochter, Frida, einen kleinen Frechdachs, der im Gegensatz zur großen Schwester gerne mal über die Stränge schlägt. Lotta ist die Pflichtbewusste, Disziplinierte, die herausragende Schülerin, die für Mappen- und Heftführung wie für Fächer wie Deutsch, Musik oder Kunst sehr gute Noten bekommt. Hat es ihren Charakter beeinflusst, dass es eine Zeit gab, in der die Eltern große Angst um sie hatten? „Sie passt auf sich auf“, sagt Stefan Trümper: „Sie macht nichts Unvernünftiges, um sich und uns nicht zu schaden.“

„Mädchen haben bessere Chancen“

Frau Bohnhorst, woran liegt es eigentlich, dass manche Frühchen ihre schlechten Startbedingungen so gut wegstecken und andere nicht? Wissenschaftlich hieb- und stichfest untersucht ist das noch nicht. Das German Neonatal Network (GNN) in Lübeck erforscht gerade, welche Faktoren sich auf die langfristige Entwicklung von Frühgeborenen auswirken: Therapien, soziale oder genetische Faktoren. Aber man sieht es oft schon nach der Geburt, meistens ja doch einem Kaiserschnitt. Manche Kinder sind ganz vital und frisch, strampeln, geben Laute von sich. Andere kommen ganz schlapp zur Erstversorgung und müssen sofort beatmet werden.

Welche Schäden, Behinderungen, können Extremfrühchen unter 1000 Gramm davontragen? Grundsätzlich gibt es viele Risiken: chronische Lungenerkrankungen beispielsweise, zum Teil erhebliche Seheinschränkungen, Hirnschädigungen, die Entwicklungsdefizite zur Folge haben.

Welche Rolle spielt die Frage, wie viele Schwangerschaftswochen ein Kind bei der Geburt alt ist? Jede Woche mehr im Mutterleib senkt die Sterblichkeitsrate erheblich. Bei Kindern zwischen 23 und 24 Wochen liegt sie bei 70 Prozent. Zwischen 24 und 25 Wochen nur noch bei 20 Prozent und zwischen 26 und 27 Wochen nur noch bei 6 Prozent.

Wie sieht es beim Geburtsgewicht aus? Auch hier spielen schon kleine Unterschiede eine große Rolle. Statistisch gesehen sterben 55 Prozent der Frühchen unter 500 Gramm. Zwischen 500 und 749 Gramm sind es nur noch 30 Prozent und zwischen 750 und 999 Gramm nur noch 6 Prozent. Und: Mädchen haben bessere Chancen als Jungen. Warum das so ist, weiß man aber nicht.

Warum hat Lotta es geschafft? Möglicherweise half, dass sie kurz vor dem Notfallkaiserschnitt noch eine Lungenreifespritze bekam, sagt Frühchenspezialistin Bettina Bohnhorst. Das Ausmaß der Lungenreife sei überlebensentscheidend. Lotta war zudem eines der jüngsten Kinder, aber mit 735 Gramm vergleichsweise schwer. In der MHH gibt es Frühgeborene, die weniger als 500 Gramm wiegen, manche weniger als 300 Gramm. Auch das fällt ins Gewicht: „Beim Geburtsgewicht“, sagt Bohnhorst, „sind 100 Gramm so viel wert wie eine Woche“. Julia und Stefan Trümper erinnern sich zudem zwar subjektiv noch an viele Schrecksekunden, die beispielsweise, als Lotta blau anläuft, weil sie keine Luft mehr bekommt, oder die, als sie plötzlich einen Puls von über 200 hat. Aber aus medizinischer Sicht verläuft ihre Entwicklung gut: Lungenerkrankung, Netzhautprobleme: Sie erleidet keine der bei Frühchen häufigen Komplikationen.

Heute ist Lotta ein ganz normales Mädchen

Dazu kommt der unerschütterliche Optimismus der Eltern. „Wir haben alles Negative ausgeblendet. Wir haben uns daran festgehalten, dass es gut ausgehen kann“, sagt Stefan Trümper. Kaum ist die Tochter zu Hause, wird sie wie ein ganz normales Baby behandelt. Es gibt ein Foto, das mehr darüber sagt, als viele Worte. Einen übers ganze Gesicht strahlenden Papa auf dem Fahrrad sieht man darauf, mit einem Winzling auf dem Rücken, der mit großen Augen neugierig um die Ecke lugt. Überhaupt, Familienfotos: Lotta am Strand, Lotta mit Hund, Lotta mit Bobbycar, Lotta mit Klötzchenburg. Sie illustrieren, was Bettina Bohnhorst heute noch als ein kleines Wunder bezeichnet: eine normale Kindheit. Anfangs lernt Lotta manches später als andere, bekommt Frühförderung. Aber irgendwann geht sie mit den Altersgenossen im Gleichschritt mit. Trotzdem: Hat die Sorge um das so früh geborene Kind die Eltern verändert? Stefan Trümper hat bei beiden Töchtern drei Jahre Elternzeit genommen, der Physiotherapeut arbeitet mittlerweile auf einer halben Stelle. Er will, wie seine Frau, so viel wie möglich für seine Kinder da sein. „Man weiß einfach, was für ein großes Glück es ist, wenn ein Kind normal ist“, sagt er: „Man ist viel dankbarer für das Leben mit seinen Kindern.“

Eine Geschichte über Frühchen, die heute geboren wurden, lesen Sie hier.

Von Jutta Rinas

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