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Hannover Nach Kindesentzug hat die Mutter weiter Angst um ihre Töchter
Nachrichten Hannover Nach Kindesentzug hat die Mutter weiter Angst um ihre Töchter
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00:15 01.10.2018
Katharina Schmidt ist froh, ihre Töchter wieder bei sich zu haben - und sie hat Angst vor dem Vater. Quelle: Michael Zgoll
Hannover

Meinte Kais B., bei der Familienrichterin auf verlorenem Posten zu stehen? Hat sich bei dem Mann, der seine beiden Töchter knapp drei Jahre lang nicht aus der tunesischen Stadt Kasserine nach Deutschland ausreisen ließ, so etwas wie Einsicht entwickelt? Auf jeden Fall hat der 40-Jährige am Mittwoch in einer Verhandlung beim Amtsgericht Hannover seinen Antrag zurückgezogen, mit seinen elf und neun Jahre alten Töchtern einen – begleiteten – Umgang pflegen zu dürfen. Zwar könnte er diesen Antrag jederzeit erneut stellen, doch dürfte er damit zumindest in naher Zukunft keinen Erfolg haben. „Die Kinder brauchen Ruhe, müssen weiter Vertrauen zu ihrer Mutter aufbauen“, sagt Anwältin Margarete Fabricius-Brand, die die Ärztin Katharina Schmidt (39) aus Hannover vertritt. Die beiden Mädchen hätten gegenüber ihrem Verfahrensbeistand klar formuliert, dass sie nicht wieder zurück nach Tunesien wollen. Zudem stecke ihnen eine Drohung ihres Vaters immer noch in den Knochen: Er habe – vermutlich 2016 – per Brief gedroht, sich das Leben zu nehmen, sollten sie jemals wieder nach Deutschland zurückkehren.

Dramatische Heimkehr

Die Tragödie um das Festhalten der Mädchen in Kasserine begann im Sommer 2015. Damals hatte Katharina Schmidt ihre Kinder in die Heimat ihres damaligen Ehemanns reisen lassen. Doch aus dem vermeintlichen Kennenlern-Aufenthalt von einem halben Jahr wurde ein fast dreijähriger Zwangsaufenthalt der Kinder bei der Familie von B.; diverse Male reiste die Mutter nach Nordafrika, bemühte Politik und Justiz und konnte schließlich auf Urteile von deutschen wie von tunesischen Gerichten verweisen, die ihr das alleinige Sorgerecht für Maryam und Hanna zuerkannten. Doch erst im Mai 2018 schaffte es die Ärztin unter dramatischen Umständen und mit Unterstützung der deutschen Botschaft, die Kinder wieder nach Deutschland zu bringen.

Der Vater wurde derweil mehrfach wegen Kindesentziehung verurteilt, saß ab März 2016 mehr als zwei Jahre im Gefängnis. Im November 2018 steht am Landgericht Hannover ein neuer Prozess an; Verteidiger Michael Hahne hat Berufung gegen das letzte Amtsgerichtsurteil aus April 2018 – elf Monate Haft ohne Bewährung – eingelegt. Im Juni, kurz nachdem die Kinder wieder nach Hannover zurückgekehrt waren, hatte man B. vorerst aus der Haft entlassen.

Mädchen waren „total entwurzelt“

Der Vater habe in der Verhandlung beim Familiengericht erklärt, sagt Anwältin Fabricius-Brand, er wollte die Kinder nicht freigeben, weil er Angst hatte, sie sonst niemals wiederzusehen. Doch von wirklicher Einsicht, was er den Mädchen durch den Zwangsaufenthalt in Tunesien angetan habe und was das Beste für ihren weiteren Lebensweg sei, sei er weit entfernt. Auch der Vertreter des Jugendamtes habe konstatiert, so die Anwältin, B. habe seine Töchter „total entwurzelt“. Die Jüngere sprach besser arabisch als deutsch, als sie im Mai heimkehrte, beide Mädchen waren abgemagert, wirkten verunsichert und traumatisiert.

Inzwischen besucht die elfjährige Maryam die 6. Klasse einer weiterführenden Schule in der Region Hannover, ihre neunjährige Schwester eine 4. Grundschulklasse. Die Kinder würden sich wunderbar entwickeln, sagt Katharina Schmidt, und sie selbst sei total glücklich, Maryam und Hanna wieder bei sich zu haben. Doch ist die Mutter latent ängstlich, dass Kais B. wieder auftaucht und ihr die Kinder wegnimmt, deshalb verrät sie dem Vater auch nicht ihre Adresse. „Besonders groß sind meine Sorgen, wenn die Mädchen außer Haus sind“, schildert die 39-Jährige ihre tagtäglichen Nöte.

Kais B.s Anwalt Hahne hatte vor wenigen Monaten versichert, dass die Mutter nichts von dem Vater ihrer Kinder zu befürchten habe und dass dieser nur auf legalem Wege versuchen werde, seine Töchter wiederzusehen. Doch Margarete Fabricius-Brand traut B.s Worten nicht. Sie versucht schon seit Monaten, von ihm die Kinderpässe der Mädchen ausgehändigt zu bekommen, hat in dieser Sache schon mehrfach mit Anwalt Hahne korrespondiert. Doch wo die alten Dokumente aus 2015 sind und ob in Nordafrika neue gefertigt wurden – sie weiß es nicht. „Meine Mandantin befürchtet“, so die Familienrechtlerin, „dass der Vater die Kinder erneut nach Tunesien bringen will, weil er nach wie vor der Meinung ist, dass sie dort besser aufgehoben sind.“ Sollte dies passieren, hätte Katharina Schmidt massive Probleme, die Mädchen erneut aufzusuchen: Laut ihrer Anwältin ist sie in Tunesien wegen zweifacher Kindesentführung angeklagt und müsste bei einer Einreise mit ihrer sofortigen Verhaftung rechnen.

Chronologie einer gescheiterten Ehe

2002: Katharina Schmidt und Kais B. lernen sich kennen, er arbeitet bei McDonald’s, sie studiert Medizin. 2007 heiratet das Paar.

August 2015: In der Ehe kriselt es schon kräftig, als Kais B. und die zwei Töchter – mit Einverständnis der Mutter – nach Tunesien reisen. Er behauptet später, die Familie habe dauerhaft übersiedeln wollen, Katharina Schmidt beharrt darauf, die Kinder sollten die Heimat des Vaters nur für sechs Monate kennenlernen.

März 2016: Kais B. kommt nach Hannover, um in einem Sorgerechtsverfahren auszusagen – und wird verhaftet.

September 2016: Das Amtsgericht verurteilt den Vater wegen Kindesentziehung zu einem Jahr Haft ohne Bewährung. Obwohl die Mutter das Sorgerecht hat, weigert sich Kais B., seine Familie in Tunesien anzuweisen, Maryam und Hanna nach Hannover heimkehren zu lassen.

März 2017: Eine Berufungskammer am Landgericht verdoppelt die Haftstrafe auf zwei Jahre.

April 2018: Kais B. wird vom Amtsgericht in einem Folgeverfahren zu elf weiteren Monaten Haft verurteilt.

Mai 2018: Die Mutter schafft es, ihre Töchter aus Tunesien nach Deutschland zu bringen – ohne Zustimmung des Vaters.

Juni 2018: Kais B. wird aus der Haft entlassen.

Von Michael Zgoll

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