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Hannover So sieht der neue Landtag von innen aus
Nachrichten Hannover So sieht der neue Landtag von innen aus
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00:18 26.10.2017
Von Conrad von Meding
Modern und sehr hell: Der sanierte Landtag in Hannover. Die Ausrichtung des Plenarbereichs ist komplett gedreht – die Abgeordneten schauen jetzt zum Platz der Göttinger Sieben. Quelle: Clemens Heidrich
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Hannover

Herr Mairinger, Ihr Büro blocher partners in Stuttgart hat spektakuläre Projekte wie das Congress-Centrum Würzburg, das Deutsche Filmmuseum Frankfurt oder das Fan-Center des VfB Stuttgart gebaut. Was ist das Besondere daran, einen Landtag umzubauen?

Zunächst einmal gibt es nur 16 Länderparlamente - insofern ist die Aufgabe an sich exklusiv und reizvoll. Und dann ist das Bauen für ein Haus der Demokratie etwas ganz Eigenständiges: Man spürt bei einem solchen Werk ein besonderes politisches Klima.

Anfangs war das politische Klima ja von Streit geprägt. Große Teile des Parlaments wollten ursprünglich den Abriss. Ihr Büro kam erst etwas später hinzu. Wie haben Sie als Außenstehender diesen Prozess empfunden?

Wir waren sehr schnell nicht mehr Außenstehende, sondern Teil der Baukommission. Wir haben die politischen Debatten dabei hautnah mitbekommen. Als Architekt muss man sich generell immer sehr diplomatisch verhalten. Ein Projekt wie der Landtag erfordert ein besonders hohes Maß an Sensibilität und Kompromissbereitschaft aller Beteiligter.

Nun ist vom Plenarsaal, den Architekt Oesterlen 1962 geschaffen hat, nur noch die äußere Umfassungsmauer geblieben - und selbst die musste verändert werden. Ist das, was dort steht, überhaupt noch ein Denkmal?

Freilich ist der Landtag ein Denkmal! Das Bauwerk ist in seiner Gesamtheit mit dem historischen Leineschloss und dem Nachkriegs-Plenarsaal ein Denkmal, und so begreifen wir es. Wir haben den Umbau sehr eng abgestimmt mit den Erben des Architekten Oesterlen, wir haben die Konzeption auch den Freundes des Oesterlen-Baus vorgestellt, die zuvor in einer Initiative für den Erhalt gekämpft hatten. Wir haben die Fassaden und die Kubatur des Gebäudes erhalten und Habitus und Duktus bewahrt. Wir haben übrigens das Schloss Mannheim unter ähnlicher Prämisse umgebaut. Es war im Krieg ausgebrannt, hinter der barocken Fassade sind heute zeitgemäße Räume für die Universität, die zum Teil sogar öffentlich genutzt werden. Sie sind mit neuem Leben gefüllt - und wir wünschen uns, dass dies beim Niedersächsischen Landtag ebenfalls so geschehen wird.

Oesterlens Konzept sah allerdings eine Geschlossenheit des Parlaments vor: Hinter der Monumentalen Gebäudehülle befindet sich eine weitere Wandschale, in deren Mitte das Parlament tagt.

Das ist für die Architektur der Nachkriegszeit sicherlich richtig gewesen. Heute stellen sich ganz andere Anforderungen an ein Parlament, Transparenz, Offenheit sind gewünscht. Darüberhinaus ist die Anzahl der Parlamentarier seitdem gewachsen; es gab für den Umbau strenge Vorgaben an Raumprogramm und Haustechnik. Ich denke, es ist uns gut gelungen, das Gebäude weiterzuentwickeln. Es hat seine Würde behalten und ist dabei zeitgemäß nutzbar; an seinem Äußeren lässt sich weiterhin die Herkunft ablesen. Worauf wir stolz sind: Wir haben die Charakteristika des Oesterlen-Baus betonen können.

Inwiefern?

Oesterlen hat damals die sogenannte Niedersachsen-Treppe in die Portikus-Vorhalle gebaut: zwei sich kreuzende Treppen, die an den Giebel eines norddeutschen Fachwerkhauses erinnern. Sie kommen in der jetzt geschaffenen Vorhalle besonders zu Geltung. Und dann hat Oesterlen die architektonische Fuge zwischen dem historischen Schlossbau und dem Nachkriegs-Plenargebäude mit einer Glaswand betont. Wir haben diese Idee erweitert, die Glaswand erstreckt sich nun als Akzent bis zum Dach. Der Besucher erfährt eine neue Blickachse vom Foyer durch den Parlamentsraum bis zum Platz der Göttinger Sieben. Der Vorteil dieser Raumakzentuierung ist auch eine bessere Nutzbarkeit. Die Räume sind kombinierbar, in der Vorhalle kann es Ausstellungen und Veranstaltungen geben, die jedermann zugänglich sind. So können die Bürger den Parlamentsbau individuell erleben.

Zwischenzeitlich gab es große Rückschläge: als eine Klimafirma das Projekt mit Klagen verzögerte oder als klar wurde, dass die Außenmauern nicht stabil genug sind und vielleicht alles abgerissen wurden musste. Haben Sie zuweilen gezweifelt?

Nein, nie. Die Zusammenarbeit mit dem Land hat hervorragend funktioniert, auch mit der Denkmalbehörde konnten wir alles gut abstimmen. Die Außenmauern wurden verstärkt, und wir hatten riesiges Glück, dass wir den Steinbruch fanden, aus dem die Fassadenplatten stammten - so konnten wir nahtlos die fehlenden Natursteinplatten ergänzen.

An der Fassade erkennt man allerdings deutlich, was neu ist und was alt. Was schätzen Sie: Wie lange wird es dauern, bis die neuen Platten nicht mehr heller sind?

Wir sind keine Wahrsager, und das hängt vor allem von der Luftverschmutzung ab. In ein paar Jahren wird das wahrscheinlich nicht mehr auffallen.

Nun hat das alles ja sehr lange gedauert. 2014 war Baustart, das ist drei Jahre her, und noch immer ist nicht alles fertig. Das sind zwar keine Verhältnisse wie an der Elbphilharmonie oder beim Berliner Flughafen, aber: Geht so etwas nicht schneller?

Ach wissen Sie, eine Privatperson kann sicher schneller bauen. Bei Projekten wie dem Landtag müssen Sie jedoch europaweit ausschreiben. Sie arbeiten an einem Denkmal, bauen im Bestand und mitten in der Innenstadt, wo Lagerflächen für Baumaterialien knapp sind. Im Schlossgebäude ging zudem der Bürobetrieb weiter - das alles kostet Zeit und Organisation. Kurz gefasst: Wir sind sehr zufrieden mit dem Ablauf. Übrigens sieht alles danach aus, als wenn der Kostenrahmen eingehalten würde.

Am Freitag ist Eröffnung mit Hunderten Gästen. Gibt es so etwas wie Ihren Lieblingsort im neuen Landtag?

Einen echten Lieblingsraum habe ich nicht. Wir sind stolz darauf, dass wir mit unserem Team aus Architekten, Innenarchitekten und Kommunikationsdesignern ein Gebäude weiterentwickelt haben, von dem wir denken, dass es gelebte Demokratie ermöglicht und mit viel Licht, Leichtigkeit und Transparenz den Bürgern Niedersachsens gefallen wird. Vielleicht wird die Besucher eine Besonderheit überraschen: das neue Niedersachsenross. Das bisherige aus Gips, das an der Stirnseite des Plenarsaals hing, befindet sich nun im Forum an der Marktkirche. Wir haben eine Neuinterpretation aus Glas geschaffen, die in den Umrissen des Landes Niedersachsen die Figur des springenden Pferdes zeigt. Da sind wir auf die Reaktionen sehr gespannt.

Interview: Conrad von Meding

Zur Person

Wolfgang Mairinger ist seit 1996 Gesellschafter der Stuttgarter Architekturbüros Blocher Partners. Der 1960 geborene Planer betreut dort verantwortlich den Landtagsbau in Hannover. Von ihm stammen aber auch die Sanierungskonzepte etwa für die Universitäten Mannheim und Heidelberg oder der Umbau des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt. Das Büro Blocher Partners hat sich insbesondere mit dem behutsamen Umbau bedeutender Immobilien einen Namen gemacht.

Abriss? Umbau? Die 
Debatte läuft seit 2002

Vor 15 Jahren entflammte die Debatte darüber, wie der Landtag mit seinem maroden Plenargebäude umgehen soll. Nach jahrzehntelanger Vernachlässigung war der Sanierungsstau bei Haustechnik und Einrichtung groß, die Abgeordneten waren unzufrieden mit Raumnot und schlechter Luft. Zunächst gab es Entwürfe für eine behutsame Modernisierung, bevor dann unter Landtagspräsident Hermann Dinkla (CDU) plötzlich 2009 ein Abriss des denkmalgeschützten Nachkriegsgebäudes und ein Neubau beschlossen wurde. Den Zuschlag bekam ein seltsam tempelartiger Entwurf des Architekturprofessors Yi aus Köln.
Wellen der Empörung gab es darauf In Hannover – schließlich gehört der Plenarsaalbau aus der Feder des Architekten Dieter Oesterlen zum Nachkriegserbe der Stadt. Er steht als Gesamtwerk mit der Erneuerung des alten Leineschlosses unter Schutz. Bürger um den Bauhistoriker Sid Auffarth sammelten 2010 mehr als 40 000 Unterschriften gegen den Abriss.
Die Abriss- und Neubaupläne werden 2012 gestoppt – vor allem mit Verweis auf zu hohe Kosten. 2013 ruft Landtagspräsident Bernd Busemann einen Neustart aus. Das Stuttgarter Büro Blocher Partners erhält den Auftrag für den Umbau, begleitet vom Projektsteuerer Arcadis. Seit 2013 wird gebaut. Zwischenzeitlich gab es große Probleme mit der Statik und mit einer Firma für die Klimatechnik, die Arbeiten liegen einige Monate hinter dem Zeitplan. Der Kostenrahmen von 58,2 Millionen Euro werde wohl aber eingehalten.

med

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