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Hannover Hannover zahlt Obdachlosen die Rückkehr in die Heimat
Nachrichten Hannover Hannover zahlt Obdachlosen die Rückkehr in die Heimat
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13:57 23.02.2018
Deniz, hier auf einer Bank am Weissekreuzplatz in Hannover, lebt seit sieben Monaten auf der Strasse. Quelle: Foto: Katrin Kutter
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Hannover

Die stetig steigende Obdachlosigkeit stellt die Stadt offenbar noch vor weitaus größere Probleme als bislang bekannt. Das geht aus einer Informationsdrucksache hervor, die am Montag Thema im städtischen Sozialausschuss war. Als höchst problematisch wird hier der Zustrom der Armutszuwanderer aus Osteuropa genannt. Seit 2014, seit in der EU für Länder wie Rumänien oder Bulgarien, aber auch für Polen, Litauen oder Lettland die Arbeitnehmerfreizügigkeit gilt, kommen immer mehr von ihnen auch nach Hannover, um einen Job zu finden.  Das Problem: Misslingt ihre Arbeitssuche, werden EU-Ausländer anders als wohnungslose Deutsche und anerkannte Flüchtlingen nicht vom deutschen Sozialhilfesystem aufgefangen. Sie landen sehr oft und oft ohne jede Perspektive auf der Straße.

Recherchen der HAZ haben jetzt ergeben, dass die Stadtverwaltung darauf bereits seit Längerem regiert, in dem sie den Betroffenen eine Rückreise in die Heimat finanziert. Das bestätigte Stadtsprecherin Konstanze Kalmus jetzt auf Nachfrage. Allein 2017 nahmen nach Angaben der Verwaltung bereits rund 111 obdachlose Menschen diese Möglichkeit in Anspruch. 2015 und 2016 waren es jeweils sogar noch etwas mehr, nämlich jeweils rund 140 Personen. Unter den obdachlosen Rückkehrern sind nach Angaben der Bahnhofsmission Hannover vor allem Rumänen und Bulgaren, aber auch viele Menschen aus Polen und Lettland. Die hannoversche Hilfsorganisation betreut obdachlose Menschen aus Osteuropa bei der Rückkehr in ihre Heimat. Konkrete Angaben zu den Kosten für die Rückreisetickets machte die Leiterin der Bahnhofsmission, Andrea Weber, nicht. Bei Eurolines kostet eine Fahrkarte von Hannover nach Bukarest oder Sofia um die 100 Euro. 

In Berlin haben die „Rückkehrer“ unter den obdachlosen Osteuropäern im vergangenen Jahr für Aufsehen gesorgt.  Nachdem die Situation dort in illegalen Camps immer wieder eskaliert war, griff der Bezirk Neukölln hart gegen illegal campende Obdachlose in Parks durch. Er ließ diese räumen und organisierte überdies in enger Zusammenarbeit mit der Caritas Bus-Reisen für Obdachlose aus Osteuropa. Abschiebeähnliche Zustände warfen Kritiker daraufhin Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) zu. Diese betonte allerdings, dass die Rückreisen der Obdachlosen auf Freiwilligkeit beruhten.

In Hannover wird nach Angaben von Konstanze Kalmus vor allem Menschen zur Annahme einer solchen bezahlten Rückfahrmöglichkeit geraten, die „keine Arbeit haben, wenig bis gar kein Deutsch sprechen und für die in Hannover keine Perspektiven ersichtlich sind“. Die Obdachlosen reagierten sehr unterschiedlich auf dieses Angebot. Vor allem Menschen, die gezielt nach Hannover gekommen seien weil ihnen hier ein Job oder eine Wohnung versprochen worden sei, seien bereit wieder zurückzureisen. Dies geschehe oft in einem Zeitfenster von zwei Wochen bis hin zu zwei Monaten, wenn den Menschen deutlich werde, dass sie ohne Sprachkenntnisse und Unterkunft kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten. Menschen, die schon länger in Deutschland lebten, seien eher selten bereit zurückzureisen, hieß es vonseiten der Stadt weiter. Eine gezielte Aufforderung zur Rückreise erfolge nicht.

Die Zahl der Obdachlosen in Hannover ist in der Vergangenheit so stark gestiegen, dass die Stadt mittlerweile dazu übergeht, ehemalige Flüchtlingsheime in Obdachlosenunterkünfte umzuwidmen. Derzeit ist dies offenbar in sechs Flüchtlingsheimen geplant.

 

Obdachlosigkeit war Montag das Thema im Sozialausschuss. Zwei Hilfsangebote soll die Verwaltung dem Ausschuss zufolge prüfen. Erstens: Kann das Angebot des Kältebusses nach Berliner Modell ausgeweitet werden? Bislang fährt er zweimal wöchentlich Übernachtungsplätze an, bietet Decken, heiße Suppe. Zudem sollen Stadt und Region bis Juni ein Wohnangebot nach dem Prinzip „Housing First“ entwickeln. Wohnungslose bekommen eine Bleibe, auch wenn sie keine zusätzlichen Hilfsangebote annehmen. In Hannover leben rund 4000 Wohnungslose, die bei Freunden oder in städtischen Einrichtungen schlafen. Dazu kommen 400 Obdachlose auf der Straße. 

Von Jutta Rinas und Andrea Brack Pena

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