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Hannover Pferd & Jagd in Hannover: 1000 Pferde und Reiter sind mit dabei
Nachrichten Hannover Pferd & Jagd in Hannover: 1000 Pferde und Reiter sind mit dabei
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00:21 09.12.2018
Franziska Dwehus bereitet ihr Pferd auf den Auftritt in der Manege Baroque vor. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Melie Philippot ist glücklich. Das dicke Stirnband über die Ohren und die Jacke bis zum Kinn hochgezogen, steht die zierliche Frau im eisigen Nieselregen und fegt den letzten Dreck vom Asphalt. Ihr kleiner Transporter im diffusen Licht der Hallenstrahler daneben ist schon aufgeräumt. Gleich wird er seinen endgültigen Standplatz finden im „Fahrerlager“, dem Heer unzähliger Wohnwagen, Hänger und Transporter im Dunkel der einbrechenden Nacht. Letzte Routine-Handgriffe des Tourneetheaters. Ankommen, einchecken, ausladen, wegräumen, Luft holen. Und doch strahlt sie. „Dass Diego heute hier ist, ist mir wirklich wichtig.“ Das hat viele Gründe.

Diego hat – wie fast alle seiner vierbeinigen Mitbewohner der kommenden Tage – seine Box auf Wunsch bekommen. Zu verdanken hat Philippot dies Ulrike Sparber, der „Ulli“, wie sie sich mit warmem Lachen unter dicker Wollmütze vorstellt. Die gebürtige Wienerin und ihr aus Tirol stammender Mann Gerhard sind die Stallmeister. „Die Ulli“ weiß ihre Kunden zu nehmen. Und deren Vierbeiner. Mit zwei Hengsten ist die Französin Philippot angereist. Hengst heißt: Möglichst wenige direkte tierische Nachbarn und möglichst wenig Trubel. Sparber und Philippot beugen sich über einen Quadratmeter, auf einem Klapptisch geklebter Pappe. Im Hintergrund der bereits dicht belebte Abreiteplatz: Zwischen Lektionen der hohen Dressur liegt da zuweilen auch ein Pferd einfach mal auf dem Boden herum.

Alles, was auf Sparbers Plan Gelb markiert ist in dem Gewirr von Kästchen, Ziffern und Bleistift-Gekräusel, ist belegt. Fündig werden die beiden Frauen irgendwo im Nordosten der Doppelhalle 14/15: Zwei Boxen gegenüber, die Nachbarboxen leer oder mit Material gefüllt. Sparber macht eine Notiz, hofft „dass ich später noch lesen kann, was ich geschrieben habe“. Einen Moment später erleichterndes Knarzen aus dem Funkgerät. Sparbers Mitarbeiter Michael Stüber hat Philippot zu den Boxen geführt. „Alles ok!“

Einhorn-Rodeo und Steckenpferd-Parcours

Das Programm der Messe Pferde & Jagd ist vielfältig. Mehr als 1000 Pferde aus aller Welt treten auf. Neu in diesem Jahr ist der Pferd & Jagd-Campus in Halle 16. Hier vermitteln Pferdetrainer, wie man sein Tier fair und respektvoll ausbildet. Nach der Vorführung können die Zuschauer mit den Trainern ins Gespräch kommen. Rund herum sind Fooodtruck s aufgebaut, beim Einhorn-Rodeoreiten kann man seine Sitzfestigkeit testen. Am Sonnabend, 8. Dezember, kommt um 11 Uhr Dressur-Ikone Nicole Uphoff zum Campus, um 14 Uhr der französische Pferdezüchter Jean-Francois Pignon, der über Pferd-Mensch-Kommunikation spricht.

Für die große Gala-Show Nacht der Pferde, die am Freitag und Samstag jeweils um 19 Uhr beginnt und bei der auch der bekannte Showreiter Lorenzo auftritt, sind noch einige wenige Restkarten erhältlich. Sie können aber nur am Kassenhäuschen in der Hallo 25 gekauft weden. Die Tickets kosten zwischen 32 und 49 Euro.

„Kids aufs Pferd" lautet das Motto für den Reiternachwuchs in Halle 17: Es gibt Ponyreiten und für die ganz Kleinen einen Steckenpferd-Parcours. Um Reiten als Schulsport geht es am Freitag um 11 Uhr. Interessant für Kinder sind auch die Greifvögel in Halle 19, Adler, Habicht und Co zeigen Flugshows.

Die Pferd & Jagd läuft noch bis Sonntag, geöffnet ist von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet 13,50, ermäßigt 12,50 Euro. Kinder und Jugendliche von sechs bis 17 Jahren zahlen 10,50 Euro. dö

Diego ist der kleine, große Star in Philippots Show. Für ihn ist die „Nacht der Pferde“ eine Premiere. Melie Philippot indes war vor 7 Jahren schon einmal hier. Damals mit Diegos Vater. Auch der stahl seinem riesigen Kollegen, dem Bretonen-Hengst Quizas, als knuffiger Schelm die Show. Vor zwei Jahren aber wurde dieser Übermut dem winzigen Shetty zum Verhängnis, erzählt Philippot draußen im kalten Dezemberwind: Der kleine Hengst büxte aus, um mit den Großen über die Koppel zu toben. Dabei geriet er unter deren Hufe. Schädelbruch. Keine Chance. Philippot hält sich für einen Moment an ihrem Besen fest. Jetzt trippelt Diego fröhlich durch die Späne hinter seiner speziellen Miniatur-Boxentür. Grund genug, glücklich zu sein.

Soweit sind die acht jungen Frauen zwei, drei Boxen-Quadranten weiter noch nicht. Sie traben – ohne Pferd – die Stallgasse hoch und wieder runter, scheinbar kreuz und quer, um dann doch lachend zu kapitulieren. Nein, die Dressur-Quadrille der „Interessengemeinschaft Edelbluthaflinger“ sitzt noch nicht so ganz. Muss sie aber. Schließlich will am Sonntag auch der Ehrenvorsitzende des Verbandes, die Fußballerlegende Horst Hrubesch, persönlich den von ihm mitgegründeten Verband besuchen. Arbeitstempo Teeerab! Wird schon.

Auch Alexandra Knabbe gleich um die Ecke ist noch nicht entspannt. Ihr Blick hängt an ihrem „Texaner“. Der aus Spanien stammende Hengst „Tejano“ ist erst seit drei Tagen in Deutschland. Dass er trotzdem hier ist, könnte in den Ohren der Organisatoren ein ermutigendes Klingeln erzeugen. „Der Stall hier ist wirklich toll“, sagt Knabbe: Die Boxen sind groß. Die Gassen dazwischen großzügig.

„Kein Zelt!“ Auch Jessica Nuvolonis erster Kommentar zur trockenen Stallhalle ist voller Erleichterung. Die Pflegerin schiebt einen umfunktionierten Büro-Wagen über den zur Sicherheit mit Teppich und Kilometern per Hand aufgebrachten Klebebandes belegten Hallenboden. Auf dem Wagen ein großes Fass mit Wasser. 16 Pferde muss sie jetzt tränken, da summieren sich Wege. Nuvolonis Schützlinge gehören einem Star: „Lorenzo“ wird in der „Nacht der Pferde“ mit seiner Freiheitsdressur beeindrucken. Stargast zu sein, scheint den Vierbeinern jedoch nicht bewusst zu sein. Tiefenentspannt dösen sie in ihren Boxen. Vielleicht auch ein wenig der Anreise geschuldet. In Ungarn stand der riesige Transporter vor der Halle zuletzt. Am Sonntag geht es zurück nach Frankreich.

Ihren Neuling „Tejano“ hat Barock-Reiterin Knabbe ganz bewusst eingepackt. „Hier können wir mit den jungen Pferden so etwas ausprobieren.“ Erst danach traue sie sich, mit dem Hengst und ihrer Präsentation der barocken Reitkunst auch zur Konkurrenz zu fahren. „Der Stall der Equitana in Essen ist im Zelt und so eng, dass nicht zwei gegenüberliegende Boxen zeitgleich geöffnet werden können.“ Knabbes Hengst steigt an diesem, seinem ersten Abend in Hannover immer wieder und lehnt sich bedrohlich gegen die mit Kunststoffplane bespannte Boxenwand. Knabbe hat vorsichtshalber Elektrodraht parat und reibt sich noch an ihrer Hotel-Buchung. „Vielleicht schlafe ich doch sicherheitshalber im Transporter draußen vor der Halle.“ Sie entscheidet sich dagegen. Und behält damit recht.

Denn am Morgen danach fällt Ulli Sparbers Urteil der ersten Nacht im fast vollbesetzten Stall fröhlich knapp aus: „Keine Partys, kein Pferd unterwegs.“ Noch so ein Grund, glücklich zu sein.

Scheine, Boxen, Ballen

Der Stallbetrieb in Zahlen:

Bis zu 800 Boxen werden in den Hallen 14 und 15 bereitgehalten. Nicht alle sind während der gesamten Zeit belegt. Die Organisatoren sind sehr stolz darauf, dass auch jedes nur für einen Tag anreisende Pferd eine eigene kostenlose Box bekommen kann. „Kein Pferd muss wie bei den meisten Turnieren, den Tag auf dem Transporter verbringen“, sagt Sandra Busse. Sie ist die Gesamtverantwortliche für das Showprogramm.

Für die Boxen stehen 2448 Ballen Späne mit einem Gesamtgewicht von 53,8 Tonnen bereit. Die Erstausstattung der Box geht aufs Haus der Messe. Für die weiteren Tage müssen die Pferdeeigentümer pro Ballen 8 Euro bezahlen. Mit 6 Euro schlägt jeder Heu-Ballen zu Buche: Zwischen 2 und 3 Tonnen, so Busse, haben die Veranstalter eingekauft. Jedem Pferd steht pro Tag ein Ballen zur Verfügung. Alle weiteren Futtermittel bringen die Tierhalter selbst mit. Mehrere Wasserstellen in der Halle stehen rund um die Uhr zur Verfügung. Getränkt werden muss allerdings von Hand per Eimer. Zwischen 23 Uhr und 6 Uhr herrscht Stallruhe. Übernachten dürfen in den Hallen nur die für die Messe beauftragten Stallmeister. Für besondere unruhige oder ausbruchfindige Pferde gibt es auf Nachfrage ein Strom-Set: Damit kann jede Box mit einem eigenen Elektrodraht ausgestattet werden. Auf 11 Seiten wurden alle Regeln, Rufnummern und Abläufe für Mensch und Tier zuvor verschickt. Für den Notfall dient ein dicker Betonpfeiler in der Halle als überdimensionales „Wer was wann wo?“

Während der Gesamtzeit der Messe inklusive Vorbereitung fallen geschätzt 55 Tonnen Stallmist an. Sie werden gesondert auf einer Deponie in Sarstedt später entsorgt. Für die Teilnehmer haben die Organisatoren insgesamt 1100 Durchfahrtscheine ausgegeben. Dazu zählen neben den Pferdetransportern auch alle Wohnwagen und Privatfahrzeuge, die die Teilnehmer auf dem Gelände bei Bedarf unter dem Holzdach am Hermes-Turm parken dürfen.

In den Messehallen sowie in der Stall-Halle liegen in diesen Tagen 1792 Tonnen Reitboden und Sand. Dies entspricht der Ladung von 64 Lastkraftwagen.

Wachwechsel am Halleneingang

Wachwechsel: Bis 2016 waren Heiner Leinemann (von links), Dirk Schütz und Udo Müller für die Stallmeisterei verantwortlich. In mehr als 20 Jahren haben sie Freundschaften geschlossen. Unter anderem mit Joachim Schlösser (rechts), der mit seinen Friesen-Pferden seit Jahren zum Show-Programm gehört. Quelle: S. Neander

Eben ist es wieder passiert. Heiner Leinemann musste höflich, aber dankend ablehnen. Nein, er wisse nicht, welche Box für das Pferd am Strick des freundlichen Mannes reserviert sei. Da müsse man schon die Stallmeister fragen. Dass Leinemann dafür gehalten wird, hat viele Gründe: Zwischen 1995 und 2016 war der einst international erfolgreiche Springreiter mit seinen Kollegen Dirk Schütz und Udo Müller für die Organisation in den Messe-Stallhallen verantwortlich. Das Trio, das sich seinerzeit durch ein freundliches Knäuel privater Verstrickungen in der gemeinsamen Heimatstadt Burgdorf zusammenfand und fortan Jahr um Jahr den privaten Jahresurlaub dem Messebetrieb anpasste, ist offiziell nun „im Ruhestand“. Vom jährlichen Besuch der über die Jahrzehnte gewachsenen Messe-Familie lässt es sich jedoch nicht abbringen.

Der Gespräch mit ihnen, schnell umringt von anderen Dauer-Teilnehmern der Messe, ist ein Ritt durch die Jahrzehnte. Und ein bisschen lassen sich Wachstum der Messe und die steigende Professionalität des Showprogramms auch zwischen Heu und Wasserstelle ablesen. Oder an der Interpretation, was unter Gemütlichkeit zu verstehen ist. Die Faktenlage liest sich trockener: Seit rund 10 Jahren gibt es für die Stallhallen eine strikte Nachtruhe zwischen 23 Uhr und 6 Uhr. „Tierschutz“, sagt Leinemann. Daran meldet auch niemand Zweifel an. Eine mehr als Verdopplung der Pferdezahl samt ihrer zweibeinigen Betreuer fordern Tribut. Jeder Besucher hat Wünsche. Und nicht jeder fühlt sich an die Festzelt-Garnituren der routinierten Dauer-Teilnehmer gleichermaßen eingeladen.

Ulrike und Gerhard Sparber, die mit ihrer Firma 2017 offiziell die Nachfolge in der Stallmeisterei antraten, nehmen den Wachwechsel mit freundlich zugewandter Groß-Turnier-Routine. Als Hufschmied Mathias Straßner, eben zu einem Notfall angerückt, darum bittet, sein Auto „für einen Moment“ im Eingangsbereich stehen lassen zu dürfen, fragt Ulrike Sparber nach dem Grund der Verzögerung. „Suppe essen bei den Haflingern“ lautet die Antwort. Sparber lacht. Straßner parkte sein Auto dann doch lieber gleich ordnungsgemäß draußen.

Von Rebekka Neander

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