Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Hannover So familiär ist die Voßstraße in der List
Nachrichten Hannover So familiär ist die Voßstraße in der List
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:19 04.08.2018
Thomas Immenroth vor seinem Mon Bonheur in der Voßstraße. Quelle: Villegas
Hannover

Sascha Bouché hat seinen Laden auf der Voßstraße mit weißer Folie zugeklebt. Er möchte nicht, dass jeder sofort reingucken kann. Laufkundschaft braucht er nicht, seine Kunden kommen aus ganz Norddeutschland zu ihm in die List. Und bis Dezember ist er ohnehin ausgebucht. Der Hannoveraner betreibt seit vier Jahren seine Tätowierstube Force Ink auf der Voßstraße 50. „Ich bin hierher gekommen, weil ich meine Ruhe und entspannte Leute haben wollte“, erklärt er seine Standortwahl.

Viel inhabergeführte Läden auf der kleinen Meile

In den vergangenen Jahren gab es immer mal wieder Sorge über den Leerstand auf der Voßstraße. Die Initiative Voßwärts wurde gegründet, Geschäfte taten sich zusammen, um für die Belebung ihrer Straße zu kämpfen. 2018 ist von einem Abwärtstrend auf der Voßstraße nichts zu spüren. Thomas Immenroth lehnt entspannt in dem Sofa vor seinem Laden. Seit Februar führt er das französische Bistro Mon Bonheur mit seiner Partnerin auf der kleinen Meile in der Nummer 53. Er ist zufrieden und hofft dennoch auf mehr Belebung „Ich würde mich freuen, wenn mein Café zu einem Treffpunkt in der Nachbarschaft wird“.

Anwohnerin Marlies Rodel, die in der „Lister Wundertüte“ nebenan nach Kleidung stöbert, schwärmt von seinem Restaurant: „Das Mon Bonheur ist traumhaft, dort gibt es gutes Essen. Auf der Voßstraße wird es wieder lebendiger, vor allem der Abschnitt vom Moltkeplatz bis zur Kreuzung Jakobistraße.“ Marion Stermann, die das Bekleidungsgeschäft für Kinder- und Damenmode führt, feiert am 2. August ihr 30-jähriges Bestehen in der Voßstraße 59. Bis vor zwölf Jahren verkaufte sie ausschließlich Kinderkleidung, bis sie feststellen musste: „Junge Mütter kaufen heute viel im Internet. Deswegen habe ich die Damenmode mit ins Sortiment aufgenommen.“ Früher sei ihr Geschäft ein Treffpunkt für Familien des Viertels gewesen. Heute würde es viel weniger Geschäfte auf der Voßstraße geben. Am Mittwoch nach dem Wochenmarkt habe man sich bei ihr getroffen, erzählt die Inhaberin. Für den Wandel des Einkaufsverhaltens hat sie eine Erklärung: „Seit die Mütter berufstätig sind, hat sich das geändert.“ Jetzt kämen die Frauen meist erst ab 16 Uhr zu ihr ins Geschäft – nach Feierabend.

„Noch nicht zu hip“

Maryam Azadi ist Friseurin und führt sein Anfang 2013 ihr Geschäft Le Salon Marie. Ihre Nachbarinnen von gegenüber sind zurzeit nicht da. Lubi vom Blumenladen sei im Urlaub, und Tanja von der Kosmetik komme auch erst nächste Woche wieder, erklärt die Iranerin. Viele Läden auf der Voßstraße sind inhabergeführt. Macht ein Besitzer Ferien, bleibt der ganze Laden gleich mehrere Wochen zu. Charakteristisch für die Straße – hier arbeiten viele Einzelhändler. Die Iranerin fühlt sich auf der Voßstraße sehr wohl: „Es ist alles sehr familiär hier. Meine Kunden verdienen gut und sind qualitätsbewusst. Sie sind pünktlich, sagen kaum ab und empfehlen uns weiter.“

Ihre Nachbarin Agatha von der Pasteria ist in den Ferien, wie ein handgeschriebenes Schild erklärt. Deswegen muss sich Tev Wilhelmsen seinen Cappuccino gerade woanders kaufen. Der Architekt ist seit drei Jahren gegenüber in der Nummer 43 mit seinem Architekturbüro zu Hause und befindet sich kurz vor der Abgabe eines wichtigen Projekts. Die günstige Ladenmiete habe ihn hergelockt, und die „nette Community“ würde ihn halten. „Es ist noch nicht zu dicht und zu hip“ auf der Voßstraße findet er. Der „Cappu“ von Agatha koste nur 1,80 Euro, weswegen er keine Kaffeemaschine für das Büro angeschafft habe.

Nicht zu hip? Vielleicht noch nicht. Neben Thomas Immenroth hat sich ein weiteres Szene-Gastronomie-Pärchen angesiedelt: Frank Ochotta und Designer Uli Hahn haben Ende 2016 ihr Restaurant La Rock in der Hausnummer 51 eröffnet. In dem Ex-Azzuro ist nicht nur das Interieur besonders. Auch die Karte lockt mit eigenwilligen Kreationen Gäste aus ganz Hannover an.

Nicht alle sehen die Entwicklungen auf der Voßstraße nur positiv. Ein Bewohner, der anonym bleiben will, sagt: „Die Voßstraße ist eine tote Straße. Es gibt dort Geschäfte, aber die funktionieren abends nicht. Hier gibt es einfach keine Laufkundschaft.“ Doch die Ansässigen sehen dafür andere Qualitäten. Karsten Ohlau, der seit zehn Jahren die Weinstube The Vintage 1786 in der Nummer 44 leitet, liebt sein Viertel. Er empfiehlt allen, sich aufs Kerngeschäft zu konzentrieren. Und Stammgast Dieter Adler ergänzt: „Das hier ist unsere Wohnstube. Die Voßstraße ist unser Kiez. Hier würde keiner tot in der Ecke liegen und es würde unbemerkt bleiben.“ Die Voßstraße hat für eine Großstadt durchaus familiäres Flair, und – von Gentrifizierung keine Spur.

Von Marleen Gaida

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Stau im Feierabendverkehr: Wegen einer ausgefallenen Ampelanlage an der Hildesheimer Straße gab es an der Kreuzung unter der Schnellwegbrücke am Mittwochnachmittag erhebliche Behinderungen.

01.08.2018

Auch die Bahn bietet jetzt die Tickets für den GVH im Internet und in der App an. Nutzer erhalten dann einen elektronischen Fahrschein für das Smartphone.

01.08.2018

Die Krankenkasse Actimonda will die Kosten für den Transport einer Krebspatientin von München nach Hannover in Höhe von 2200 Euro nicht zahlen. Bei der Frau war während eines Aufenthalts in Bayern Krebs im Endstadium festgestellt worden.

04.08.2018