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Hannover Lamborghini-Raser kommt mit Geldstrafe davon
Nachrichten Hannover Lamborghini-Raser kommt mit Geldstrafe davon
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20:21 13.09.2017
Von Michael Zgoll
Kam mit einer Geldstrafe von 300 Euro davon: Der Bruder des Hauptangeklagten. Dieser hatte sich mit einer Virus-Infektion krank schreiben lassen und war nicht vor Gericht erschienen. Quelle: Dillenberg (Archiv)/Villegas
Hannover

Es passiert am Ostersonnabend 2016: Ein Lamborghini Murciélago biegt von der Schmiedestraße links in die Karmaschstraße ab, kommt beim heftigen Gasgeben ins Schleudern und dreht sich um die eigene Achse. Eine Radfahrerin wird verletzt, vier Autos sind erheblich beschädigt. Mittwoch wurde der Fahrer, der 38-jährige Peter Paul H., vom Amtsgericht wegen fahrlässiger Körperverletzung, Unfallflucht und Fahrens ohne Führerschein zu einer Geldstrafe von 70 Tagessätzen à 10 Euro verurteilt. Außerdem erteilte Richter Michael Siegfried dem Seelzer ein dreimonatiges Fahrverbot.

Siegfried bescheinigte H. ein „hohes Maß an Fahrlässigkeit“; alle Beteiligten hätten Glück gehabt, dass beim Herumschleudern des gelben 579-PS-Boliden nicht mehr passiert sei. Ebenfalls verurteilt wurde Simon H., der in Langenhagen lebende Bruder des Unfallfahrers. Er muss eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu 10 Euro für das Vortäuschen einer Straftat zahlen. Der 37-Jährige hatte behauptet, am Steuer der Luxuskarosse gesessen zu haben. Tatsächlich aber wollte Simon H. seinen Bruder schützen, der keinen gültigen Führerschein besaß und nach dem Unfall in einen weißen Porsche gestiegen war. Dieser war vor dem Lamborghini hergefahren.

Der Fahrer des Murciélago (Höchstgeschwindigkeit 340 Kilometer pro Stunde) hatte sich zum Prozess am Dienstag krankgemeldet. Laut Attest befiel Peter Paul H. eine Virusinfektion, er ist zehn Tage krankgeschrieben. Wie sein Verteidiger Jürgen Dammeyer erklärte, habe der Hauptschüler keinen Beruf erlernt, arbeite aber derzeit für 500 Euro pro Monat als Bote. H.s Bruder, sagte Verteidiger Harald Schremmer, habe weder Schulabschluss noch Beruf und sei Hartz-IV-Empfänger.

„Da waren Dick und Doof im Lambo unterwegs“

Ob es stimmt, dass die Männer vor der Unfallfahrt im Steintorviertel gefilmt wurden, blieb offen. Auch zu den Halterinnen von Lamborghini und Porsche, die nicht mit der Polizei kooperierten, wurde wenig gesagt. Fest steht nur, dass das Unfallfahrzeug (Neuwert 140 000 Euro) 2015 für 56.000 Euro an einen Mann verkauft wurde, dem der Wagen zum Zeitpunkt des Unfalls gehörte.
Der Lamborghini wurde bei dem Unfall zerstört. Einer Ärztin, die mit ihrem Rad auf der Karmarschstraße Richtung Markthalle unterwegs war, riss der schleudernde Wagen den Lenker aus der Hand, sie erlitt eine Prellung. Doch weil die 27-Jährige Todesängste ausstand, bekam sie in der Folgezeit dauerhafte Angstzustände und kann nicht mehr selbst Auto fahren. Zerstörungen in Höhe von 20.000 Euro verursachte der Sportwagen an einem Fiat 500, einem Siebener-BMW, einem B-Klasse-Mercedes und einem E-Bike.

Zum Gerichtstermin waren zwölf Zeugen geladen. Weil Peter Paul H. fehlte und eine Aussetzung des Prozesses drohte, wurden Verständigungsgespräche geführt. Infolgedessen räumten die Verteidiger in zwei dürren Sätzen die Anklagevorwürfe ein; eine Entschuldigung gab es von niemandem. Anwalt Dammeyer betonte, dass sich Porsche- und Lamborghinifahrer entgegen ersten Mutmaßungen kein illegales Straßenrennen geliefert hätten. Er stellte seinen korpulenten Mandanten, der nur einen Fahrfehler begangen habe, und dessen Bruder als völlig naiv dar: „Da waren Dick und Doof im Lambo unterwegs.“

Die beiden Angeklagten sind nicht vorbestraft, aber schon vielfach wegen Verkehrsdelikten aufgefallen. Peter Paul H. besitzt seit 2012 keinen Führerschein mehr, hatte diesen bereits 2006 für zwei Jahre verloren. Und sein jüngerer Bruder scheint auch nicht viel von Verkehrsregeln zu halten: Simon H. musste seinen Führerschein vor drei Monaten abgeben.

Kommentar: Nicht gerecht

Das Geldstrafen-Urteil gegen die Männer, die in der Karmarschstraße einen PS-Boliden zu Schrott fuhren und dabei fast einen Menschen totgefahren hätten, mutet empörend milde an. Dabei handelte der Richter nur die Vorgaben des Gesetzbuches ab: Die Brüder sind nicht vorbestraft (Verkehrsverstöße zählen nicht), dank ihrer Geständnisse konnte der Prozess verkürzt werden, und (körperlich) schwer verletzt wurde niemand. Das aber war, erstens, schlicht Glück. Und zweitens: Was ist mit den psychischen Folgen für die betroffene 27-Jährige?

Viele spannende Fragen blieben unbeantwortet: Warum röhren zwei angebliche Geringverdiener mit einer Luxuskarosse durch die City? Haben sie Verbindungen ins Steintor-Milieu, und gehört es zu ihrem Lebensstil, mit Autos zu protzen? Bei möglicherweise viel höheren Einkünften müssten die zugrunde gelegten Tagessätze entschieden höher ausfallen.

All das spielte am Mittwoch keine Rolle. Das Gericht musste von einem schlichten Fahrfehler ausgehen. Nur wenn der Unfall Folge eines illegalen Rennens gewesen wäre, hätte der Fahrer mit einer Haftstrafe rechnen müssen. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass hier Recht und Gerechtigkeit ein ganzes Stück weit auseinander klaffen.

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