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Hannover Hat Hannover ein Rassismus-Problem?
Nachrichten Hannover Hat Hannover ein Rassismus-Problem?
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06:00 09.08.2018
Die AWO demonstriert in Hannover anlässlich der Internationalen Wochen gegen Rassismus. Quelle: AWO
Hannover

Wenn Mahjabin Ahmed von dem Vorfall berichtet, stockt ihre Stimme. „Ich kann noch immer nicht glauben, dass das wirklich passiert ist“, sagt die Frau aus Bangladesch, die seit 26 Jahren in Hannover lebt und arbeitet. Zusammen mit ihrer kleinen Tochter schaute sie sich in einem dänischen Möbelhaus um und kam mit den Verkäufern ins Gespräch. Plötzlich fehlte die Tochter, panisch rannte Ahmed hinaus und sah gerade noch, wie das Kind auf die befahrene Straße zusteuerte. „Ich schrie vor Angst“, erzählt sie. Passanten drehten sich um und verzogen die Gesichter. Sie solle endlich still sein, hier in Deutschland brauche jeder seine Ruhe, meinten sie. „Ich weinte und verstand die Welt nicht mehr“, sagt Ahmed. Bisher habe sie geglaubt, solche Szenen seien Einzelfälle. „Aber jetzt höre ich jeden Tag solche Geschichten“, sagt sie. Ahmed engagiert sich bei der Migrantenselbsthilfe Miso.

Rassistische Vorfälle angestiegen

Diskriminierende und rassistische Vorfälle haben in Hannover stark zugenommen. Das geht aus einer Anfrage der HAZ an die Verwaltung hervor. 107-mal haben sich Menschen wegen entsprechender Vorfälle im vergangenen Jahr hilfesuchend an die städtische Antidiskriminierungsstelle (ADS) gewandt. Gegenüber dem Jahr 2014 entspricht das nach Angaben von Stadtsprecherin Michaela Steigerwald einer Steigerung von rund 67 Prozent, gegenüber 2007 hat die Zahl in Hannover sogar um rund 150 Prozent zugenommen.

ADS: Gesellschaftliches Klima hat sich verändert

Dass sich immer mehr Betroffene melden, hat nach Angaben der ADS überdies nicht nur mit verstärkter Öffentlichkeitsarbeit, mit der Aufklärung von Betroffenen über ihre Rechte, zu tun. Auch das gesellschaftliche Klima habe sich seit 2015 verändert, heißt es: „Wir stellen fest: Die Hemmschwelle dessen, was gesagt werden darf, ist gesunken“. Es habe sich beispielsweise ein iranischer Familienvater gemeldet, der immer wieder Zettel mit Beschimpfungen in seinem Briefkasten gefunden habe, schildert die ADS einen Vorfall. Weitere Beispiele: eine Migrantin, die auf offener Straße angespuckt worden sei, eine „Scheißausländer“-Schmiererei auf der Fensterscheibe, ein Migrant, der plötzlich an der Fensterscheibe seiner Wohnung einen Aufkleber gefunden habe: „Islamists not welcome“ oder eine Wohnungsanzeige, die sich explizit nur an deutsche Studenten richtete. Immer häufiger hätten Betroffene, wenn sie sich bei der Antidiskriminierungsstelle meldeten, bereits eine Vielzahl an Rassismuserfahrungen hinter sich. Typisch sei zudem Alltagsrassismus, der das Leben der Betroffenen erheblich belaste. Dazu gehörten abschätzende Blicke und herabwürdigende Bemerkungen in der Öffentlichkeit.

Das geht Mehmet H. nicht anders. Er will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen, weil er Angst vor Repressionen hat. Mehmet H. hat türkische Wurzeln, lebt seit vielen Jahren in Hannover und arbeitet für ein öffentliches Unternehmen. Das Erdogan-Regime in der Türkei sieht er äußerst kritisch und macht daraus keinen Hehl. Dennoch werde er oft als Erdogan-Anhänger betrachtet und respektlos behandelt, erzählt er. Die Karriereleiter in seiner Firma hochzuklettern sei für ihn schwieriger als für deutsche Kollegen, meint er.

SPD-Politikerin sieht auch Migranten in der Pflicht

SPD-Ratspolitikerin Hülya Iri, ebenfalls mit türkischen Wurzeln, ist in Hannover aufgewachsen. „Alltagsrassismus habe ich noch nicht erlebt“, sagt sie. Dennoch hört sie aus ihrem Bekanntenkreis immer mehr Beschwerden. „Vor allem in den sozialen Medien sinken die Hemmschwellen“, meint Iri. Die Menschen schämten sich kaum noch für rassistische Statements. Aber auch Migranten sieht sie in der Pflicht. „Eltern sollten ihre Kinder so erziehen, dass sie sich gut integrieren“, sagt Iri. Die Gesellschaft dürfe nicht auseinanderdriften.

„MeTwo“ zeigt Alltagsrassismus

Wie viel Diskriminierung es in Deutschland immer noch gibt, hat in den vergangenen Tagen die „MeTwo“-Aktion des deutsch-türkischen Studenten Ali Can in den sozialen Medien gezeigt. Weit über die Grenzen Deutschlands hinweg posten Menschen mit Migrationshintergrund derzeit unter dem Hashtag #MeTwo ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus. Die Kennung steht für zwei Identitäten, für zwei Herzen, die in der Brust vieler Migranten schlagen. Auch Menschen aus der Region wie der in Jordanien geborene und seit 2009 in Hannover lebende Dramaturg, Hartmut El Kurdi, oder die aus dem westafrikanischen Guinea stammende und heute in Garbsen lebende Grünen-Politikerin Djenabou Diallo Hartmann beteiligten sich. Ausnahmen sind positive Tweets wie der des in Hannover lebenden, muslimischen Theologen Samet Er. „Samet, du wirst den Abschluss schaffen. Wenn es sein muss, helfe ich dir bis zum Abitur“, sagte einst mein Hauptschullehrer. Mit dem Namen - Herr Schmidt. Nun bin ich Doktorand. Danke!“, schreibt er auf Facebook.

Einen Migrationshintergrund haben bei der städtischen Antidiskriminierungsstelle fast die Hälfte aller Beschwerdeführer (45,7 Prozent). Mehr Diskriminierungen gab es nur wegen Behinderungen oder Krankheit oder wegen des Geschlechts. Daten über die Nationalitäten der Opfer erhebt die Stelle nicht. Die reale Herkunft oder Staatsangehörigkeit der Betroffenen spiele in der Regel aber auch gar keine Rolle, heißt es. Die Betroffenen würden als nicht-deutsch, als fremd wahrgenommen, das reiche schon für rassistische Ausschlüsse und Praktiken.

Von Jutta Rinas und Andreas Schinkel

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