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Hannover "Welchen Knopf muss ich drücken, damit ein Orgasmus rauskommt?"
Nachrichten Hannover "Welchen Knopf muss ich drücken, damit ein Orgasmus rauskommt?"
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00:15 11.10.2018
Ulf Gronau, Leiter der Pro Familia-Beratungsstelle Hannover, im HAZ-Gespräch über das 50-jährige Jubiläum. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Die Pro-Familia-Beratungsstelle Hannover wird 50 Jahre alt. Ein Gespräch mit Leiter Ulf Gronau über militante Abtreibungsgegner, das erste Mal bei Teenagern und Sex im Alter.

Herr Gronau, Pro Familia Hannover wird in diesem Jahr 50 Jahre alt. 1968, im Gründungsjahr, gab es die Antibabypille gerade einmal sieben Jahre ...

Ja, und sie wurde, wenn überhaupt, dann nur verheirateten Frauen verschrieben, Frauen zumal, die zumeist schon Kinder hatten und über 30 Jahre alt waren. Unverheiratete Frauen bekamen sie nicht. Viele Ärzte waren sehr skeptisch gegenüber dem neuen Verhütungsmittel.

Wie kam es gerade in dieser Zeit zur Gründung der hannoverschen Beratungsstelle?

Studentinnen des AStA der Pädagogischen Hochschule Hannover wollten eine Testreihe starten, um herauszufinden, welche Ärzte die Pille freigeben und welche nicht. Also trafen sie sich in der Hochschule. Es gab aber so viele Fragen der Studentinnen, dass dort in einem Zimmer der AStA auch erste Beratungen stattfanden: völlig improvisiert, von Ehrenamtlichen durchgeführt. Wenig später wurde die Pro-Familia-Beratungsstelle in der Hildesheimer Straße 34 dann mit Hilfe des Paritätischen gegründet.

Wie kam das neue Angebot an?

Es gab eine Gynäkologin und eine Arzthelferin, die anfangs zwei Stunden in der Woche ausschließlich Studierende berieten. Nach einem Jahr war die Beratungsstelle wegen des großen Andrangs schon für alle Bevölkerungsgruppen geöffnet. 1971 gab es bereits 1256 Beratungen. Zwei Drittel waren ledige Frauen, der Rest waren Paare und Männer.

Wie viele sind es heute?

Wir haben 2017 2433 Beratungen zu unseren Themen rund um Schwangerschaft, Sexualität und Familienplanung durchgeführt. Darunter waren 660 Schwangerschaftskonfliktberatungen.

Wegen der Schwangerschaftskonfliktberatungen setzen Abtreibungsgegner Pro-Familia-Beratungsstellen zurzeit bundesweit unter Druck: In Frankfurt halten christliche Lebensschützer seit Monaten betend Mahnwachen vor einer Beratungsstelle mit Plakaten mit Bildern von Föten und Slogans wie „Ich bin für das Leben“ ab. Auch in München, Wiesbaden oder Pforzheim gibt es solche Aktionen. Wie sieht das in Hannover aus?

So etwas gibt es hier, Gott sei Dank, bislang nicht. Wir bekommen manchmal Briefe, mittlerweile eher E-Mails, in denen wir angegriffen werden. Auch Mörderbeschimpfungen kommen vor, aber eher selten. Bei Veranstaltungen wurden schon mal von Betkreisen Plastikföten verteilt. In den Achtzigern waren Übergriffe drastischer. Da gab es Versuche, per Einbruch, an Daten der Frauen, konkret: an das Anmeldebuch, heranzukommen. Das gelang aber nicht.

Pro Familia ist vor allem wegen der Schwangerschaftskonfliktberatung bekannt ...

... aber das macht bei weitem nicht den größten Teil unserer Beratungen aus. Wir begleiten und unterstützen schwangere Frauen in schwierigen sozialen Lebenslagen bis zur Geburt.

Was machen Sie noch?

Wir sind Ansprechpartner für Jugendliche, übrigens schon seit Anbeginn: „1+1 = ratlos“ hieß das Angebot der hannoverschen Beratungsstelle damals.

Heute haben Sie unter anderem eine Onlineberatung: www.sexundso.de. Was für Fragen haben Jugendliche, die sich dort melden?

Jungen haben vor allem praktische Fragen. Ist mein Penis groß genug?, ist die Top-Frage. Oder: Wie befriedige ich mich selbst? Oder: Wie wird der Sex auch für meine Freundin schön? Salopp gesagt, dreht sich viel um die Frage: Welchen Knopf muss ich drücken, damit ein Orgasmus rauskommt?

Das können sich Jugendliche heute doch schon mit ein paar Klicks im Internet beantworten. Sie können die Zeitschrift ’Bravo’ kaufen. Auch im Fernsehen ist sexuelle Aufklärung gang und gäbe. Warum melden sie sich online bei „Sexundso“?

Es gibt Jugendliche, denen das Internet reicht. Aber viele werden durch das Überangebot eher verwirrt. Bei uns können sie bezogen auf ihren eigenen, persönlichen Fall ihre Fragen stellen.

Was wollen Mädchen wissen?

Die haben oft eher emotionale Fragen: Was muss ich tun, um einen Jungen von mir zu überzeugen? Ist er der Richtige für das erste Mal? Oder ganz generell: Woher weiß ich, wann es Zeit für das erste Mal ist?

Stimmt es, dass Pornografie schon bei Unter-14-Jährigen heute Thema ist?

Ja, das stimmt. Das Thema taucht heute im Gegensatz zu früher regelmäßig ganz von selbst in unseren Schulveranstaltungen auf.

Ab welchem Alter?

Wir reden manchmal schon in siebten Klassen darüber. Allerdings muss man genau nachfragen. Es kann auch sein, dass ein Kind sagt, ich habe einen Porno gesehen und in Wahrheit handelt es sich um eine nächtliche Werbung im Fernsehen, in der nackte Frauen vorkommen.

Was macht es mit Kindern, dass pornografische Bilder heute so leicht zugänglich sind?

Manchen macht es Angst, manche setzt es unter Leistungsdruck, weil sie glauben, können zu müssen, was sie da sehen. Einige, die viel allein vor dem Computer sitzen, werden tatsächlich in ihren sexuellen Phantasien beeinflusst. Wichtig ist, dass man den Kindern vermittelt: Pornos haben nichts mit der alltäglichen, lustvoll gelebten Sexualität zu tun. Und: Glaubt nicht alles, was ihr seht.

Wie meinen Sie das?

Es gibt Kinder, die uns fragen, kann man wirklich einen Kopf in eine Vagina stecken? Wir haben extra eine Broschüre erstellt, die mit solchen Pornomythen aufräumt.

Sie beraten seit vielen Jahren auch Erwachsene zum Thema Sexualität. Was hat sich gegenüber den Anfängen von Pro Familia Hannover in diesem Kontext verändert?

Neu ist, dass auch die ältere Generation sich viel häufiger traut, offen über Sex reden. Wir haben Menschen der Generation 50, 60, 70, 80+ in unserer Beratung. Auch Menschen, die in Altenheime gehen, wollen keine asexuellen Wesen sein, sondern möglicherweise auch im Altenheim noch einen neuen Partner kennenlernen. Altenpfleger sind darauf oft überhaupt nicht eingestellt. Wir bilden sie fort.

Was würden Sie sagen: Können die Leute heute offener als früher über ihre Sexualität reden? Leben wir in einer Gesellschaft ohne sexuelle Tabus?

Wir sind viel mehr als früher umgeben vom Thema Sexualität: im Internet, in der Werbung, in der Wissenschaft. Aber wenn es um wirklich persönliche Fragen geht, überlegen sich die Menschen immer noch sehr genau, mit wem sie über sexuelle Fragen reden – und meist kommt nur ein sehr kleiner Kreis in Frage.

Von Jutta Rinas

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