Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Hannover Heinemann: „Luther kann auf die Nerven gehen“
Nachrichten Hannover Heinemann: „Luther kann auf die Nerven gehen“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 02.11.2017
Von Simon Benne
Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann (links) und Propst Martin Tenge. Quelle: Tim Schaarschmidt

Das Jahr des Reformationsjubiläums geht seinem Höhepunkt entgegen: Am 31. Oktober ist Reformationstag. Frage an den Katholiken: Was mögen Sie an Luther eigentlich ganz besonders, Propst Tenge?

Tenge: Er hat sich von Amtsautoritäten nicht einschüchtern lassen und auf den Punkt gebracht, dass man den Himmel nicht erkaufen kann. Der hat schon viel Gutes bewirkt.

Und was können Sie als Protestant an Luther so gar nicht leiden, Stadtsuperintendent Heinemann?

Heinemann: Ach, er konnte auch sehr ungestüm sein. Nicht nur in Bezug auf die Bauernkriege und den Umgang mit Juden hat er im Ton, vor allem aber in der Argumentation daneben gelegen, und er hatte nicht recht. Damit war er schon damals bei etlichen seiner Weggefährten umstritten. Natürlich ist er eine überragende Figur, doch er war oft auch sehr auf Weltuntergang gestimmt - das kann einem schon mal auf die Nerven gehen.

Hans-Martin Heinemann

Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann (64) ist lutherischer Theologe. Er leitet seit 2010 den Stadtkirchenverband, zu dem rund 200.000 evangelische Kirchenmitglieder gehören.

Wie fällt Ihre Bilanz des großen Jubiläumsjahres aus?

Tenge: Für mich war es ein Anlass, mich noch einmal stärker mit evangelischer Theologie auseinanderzusetzen. Dabei habe ich auch viel über den eigenen, katholischen Glauben gelernt. Bemerkenswert fand ich in diesem Jahr, dass es keine Abgrenzung seitens der Protestanten gab. Das hannoversche „Fest für alle“ im August konnten wir aktiv mitgestalten. Unsere Freundschaft hat sich vertieft.

Heinemann: Wir haben das Jubiläum gemeinsam als Christus-Fest begangen. Das wäre wohl auch in Luthers Sinne gewesen und gibt ein Grundanliegen der Reformation wieder.

Am Fronleichnamstag ist ein Teil der katholischen Messe sogar in der evangelischen Marktkirche über die Bühne gegangen.

Tenge: Ein unglaublich berührendes Erlebnis. Geplant war das so nicht. Bei unserem Open-Air-Gottesdienst setzte direkt nach dem Vaterunser ein Starkregen ein ...

Heinemann: ... und da haben wir dann die Türen geöffnet. Natürlich ist Fronleichnam kein evangelisches Fest. Aber es hat mich berührt, zu sehen, wie bewegt viele Menschen an diesem Tag waren, nicht nur katholische Christen.

Bei aller Einigkeit: Ein gemeinsames Abendmahl beider Konfessionen gibt es bislang nicht. Sie planen jetzt, eine gemeinsame „Hannoversche Erklärung“ dazu auf den Weg zu bringen.

Tenge: Es geht dabei darum, wie wir uns als Gäste in Gottesdiensten der anderen Konfession verhalten sollen. Da herrscht oft große Unsicherheit. Immer wieder erlebe ich, dass evangelische Christen, auch Pastoren, sich in katholischen Messen gegenseitig fragend anschauen: Sollen wir gehen oder nicht? Darüber sollten wir grundsätzlich reden und es nicht nur irgendwie spontan entscheiden.

Martin Tenge

Propst Martin Tenge (56) ist Hannovers oberster Katholik. Er leitet seit 2008 die Kirchenregion, zu der rund 155.000 katholische Kirchenmitglieder gehören.

Das katholische Kirchenrecht ist eindeutig: Protestanten dürfen nicht, es gibt keine Abendmahlsgemeinschaft.

Tenge: Wir wissen aber auch, dass die Praxis oft anders aussieht. Und eine solche Entscheidung sollte wohlüberlegt getroffen werden. Vielleicht kommen wir dazu, dass wir sagen: Wer bekennen kann, was die andere Konfession vertritt, kann dort auf Ebene einer Gewissensentscheidung das Abendmahl empfangen. Ich wünsche mir besonders für konfessionsverbindende Ehepaare eine echte Hilfestellung.

Hand aufs Herz: Sind Sie selbst schon bei der jeweils anderen Konfession zum Abendmahl gegangen?

Heinemann: Ja, allerdings nicht in Hannover. Von meinem Glauben her kann ich das gut tun. Wenn ich darauf verzichte, dann vor allem aus Respekt vor der Ansicht der Katholiken, dass ich es nicht tun sollte.

Tenge: Nein, weil ich respektiere, dass Protestanten ein anderes theologisches Verständnis des Abendmahls haben als wir.

Und wie halten es die Gläubigen?

Heinemann: Viele leiden unter der Trennung, besonders Menschen in konfessionsverschiedenen Ehen. Ich bin mir sicher, dass bei jedem Gottesdienst in der evangelischen Marktkirche auch Katholiken zum Abendmahl kommen. Wer bin ich, dass ich ihnen das Mahl verweigern sollte?

Tenge: Das gilt andersherum auch bei uns in der katholischen Basilika St. Clemens. Ich würde dort niemanden zurückweisen.

Termine zum Reformationstag

Die Termine am Reformationstag in Hannover finden Sie in unserer Übersicht.

Wie wollen Sie weiter vorgehen?

Tenge: Es ist geplant, eine gemeinsame Steuerungsgruppe zu gründen, die Mitte nächsten Jahres ein Papier entwickeln soll. Wenn es gut läuft, haben wir Ende 2018 eine Erklärung zum Abendmahl, die zumindest eine Orientierungshilfe für Betroffene sein kann.

Heinemann: Der Plan hat bereits jetzt zahlreiche Diskussionen ausgelöst. Das ist ein hochemotionales Thema. Gemeinsamkeit lässt sich nicht erzwingen. Aber Christus will, dass wir eins sind. Die Alten hatten noch gelehrt, uns scharf voneinander abzugrenzen. Das ist Gott sei Dank vorbei. Heute gilt es zu prüfen, wie weit wir aufeinander zugehen müssen, können und wollen.

Interview: Simon Benne

Die evangelische Kirche in Hannover

In Hannover wurde die Reformation 1533 eingeführt. Bis heute ist die evangelische Kirche die wichtigste Glaubensgemeinschaft in der Region. Hannover ist Sitz der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und gilt damit als „Hauptstadt des Protestantismus“. Etwa jeder dritte Einwohner der Region ist evangelisch. Die meisten gehören der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers an.
Historisch bedingt zählen 4075 Protestanten in Steinhude und Großenheidorn zur Landeskirche Schaumburg-Lippe. Allerdings stellen Protestanten nur in der Kommune Uetze noch die Bevölkerungsmehrheit. Auf dem Gebiet der heutigen Region Hannover gab es 1987 noch rund 640.000 evangelische Christen. Seither sank ihre Zahl um gut ein Drittel auf noch etwa 420.000.     

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Poetry-Slam, Musik und Andacht: Zum Reformationstag finden in Hannover zahlreiche Veranstaltungen und Gottesdienste statt. Außerdem gibt es Laternenumzüge, Halloween-Partys und sportliche Events. Alle Tipps und Termine in der Übersicht.

Simon Benne 30.10.2017
Hannover „Menschen verbinden Menschen“ - Neues Bündnis will Flüchtlingen helfen

Mehr als 2000 Paten für Flüchtlinge in Hannover werden gesucht: Eine neue Initiative will die Integration vorantreiben. Stadt und Stiftungen stellen für das Projekt fast 250.000 Euro bereit. „Menschen verbinden Menschen“ heißt das Bürgerbündnis.

Jutta Rinas 30.10.2017

Das Konzept für ein historisierendes Passagenbauwerk am Standort der bisherigen Markthalle ist geplatzt. Der Hamburger Investor hat kein Interesse mehr an dem Projekt. Die Stadt betont, dass sie stets gesprächsbereit gewesen sei - allerdings sei ihr der Name des Investors bis zuletzt nicht genannt worden.

Conrad von Meding 30.10.2017