Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Hannover So denken Trucker über das Übernachtungsverbot in Lkws
Nachrichten Hannover So denken Trucker über das Übernachtungsverbot in Lkws
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:56 04.12.2018
„Wer soll das kontrollieren?“: Lkw-Fahrer Michael Rosenke sieht die Pläne der EU kritisch. Quelle: Moritz Frankenberg
Hannover

Der Fahrzeuglärm auf der A2 rauscht gleichmäßig, doch die Dunkelheit auf dem Rastplatz kommt rasend schnell. Mit dem Sonnenuntergang wird es voll auf der Raststätte am Lehrter See. Immer mehr Lkw-Gespanne manövrieren in die Parklücken. Michael Rosenke aus Berlin weiß, wozu das führt: „Ab 16, 17 Uhr wird det jeden Tag knackevoll uff den Rastplätzen“, berlinert der 65-jährige Trucker. Die Fahrer müssen sich zeitig einen Stellplatz suchen, wenn sie ihre gesetzlichen Ruhepausen einhalten wollen. Elf Stunden sind innerhalb eines Tages Pflicht, so schreibt es das Fahrpersonalgesetz vor. An den Wochenenden sind es 45 Stunden – obwohl es seit vergangenem Jahr in Deutschland verboten ist, diese 45 Stunden in seinem Führerhäuschen auf einem Rastplatz zu verbringen.

Die Auslastung auf den Raststätten sorgt dafür, dass es ein Wettrennen um die Plätze gibt: Wer zu spät kommt, muss weiterfahren und verstößt somit gegen die Ruhezeiten. Mit jedem gefahrenen Kilometer steigen Müdigkeit und Unfallgefahr – ein gefährlicher Kreislauf. Rosenke hat schon erlebt, wie die Polizei Lkw-Fahrer zur Weiterfahrt gedrängt hat, wenn diese Außerhalb der gekennzeichneten Stellplätze standen. „Neun Stunden fahren und dann schnell etwas suchen“, so kennt Rosenke den Alltag. Der soll sich nun europaweit ändern.

Das Ende des „Nomadentums“?

Am Dienstag haben sich die Verkehrsminister der EU-Staaten auf ein Gesetzespaket geeinigt, dass die zwei Millionen Fernfahrer in der Europäischen Union schützen und ihre Arbeitsbedingungen verbessern soll. Dazu gehört ein Entwurf, laut dem Lkw-Fahrer ihre wöchentliche Ruhezeit nicht im Bett ihres Fahrzeugs verbringen dürfen, sondern in Hotels oder Pensionen untergebracht werden sollen. Die Unterkünfte sollen von den Speditionen bezahlt werden. Der österreichische Verkehrsminister Norbert Hofer, der den Vorsitz der Ministerrunde führte, betonte, die Fahrer bekämen auch das Recht, spätestens nach vier Wochen einmal nach Hause zu kommen. „Das heißt, das ist das Ende dieses Nomadentums. Das heißt auch, die Missstände dieser überfüllten Parkplätze werden abgeschafft.“

So sieht der Schlafplatz in einem Lkw aus. Quelle: Moritz Frankenberg

Rosenke winkt mit einem dicken Zigarillo in der Hand ab. Die Zahl der Fahrer, die sich an das in Deutschland geltende Übernachtungsverbot halte, sei erfahrungsgemäß gering. Zumal sich die Fahrer, die häufig in ihren Lkws übernachten, häuslich eingerichtet haben. Nur zum Duschen sind sie auf die Raststätten angewiesen. Seit die Ruhezeiten von regulär 45 Stunden nicht mehr in der Fahrerkabine verbracht werden dürfen, wurde er nicht mehr überprüft. Benjamin Sokolovic, Geschäftsführer vom Gesamtverband Verkehrsgewerbe Niedersachsen (GVN) pflichtet bei: „Wir haben in Deutschland sehr fleißige Beamte, aber in der Summe nicht die Kontrolldichte, um Verstöße festzustellen“, sagt er. „Ob eine europäische Lösung eine Änderung herbeiführt ist wünschenswert, aber fraglich.“

Fahrer in desolatem Zustand?

Entsprechend lasch würden sich viele, vor allem osteuropäische, Kollegen an das Gesetz halten, erzählt Rosenke. Nicht selten würde über das Wochenende großzügig Alkohol in den Fahrerkabinen getrunken. In einem entsprechend desolaten Zustand seien die Trucker zum Dienstantritt am Montag.

Rosenkes osteuropäische Kollegen geben sich weniger auskunftsfreudig: Die meisten Fensterscheiben der Lkws mit polnischen, slowakischen oder bulgarischen Kennzeichen sind zugezogen. Ein Fahrer aus der Slowakei, der zunächst angibt Deutsch zu verstehen, ändert seine Meinung, als er hört, dass es um die Einhaltung der Fahrzeit geht. Nein, er versteht die Sprache doch nicht. Ein Trucker aus Polen grinst bei der Frage, wie oft er und die Einhaltung seiner Fahrzeiten in Deutschland kontrolliert werden. Dann zeigt er mit Daumen und Zeigefinger eine Null und sagt: „Zero.“

„Zwei Millionen Fahrer, zwei Millionen Schlafmöglichkeiten“

Sollte das EU-Parlament, dem Vorschlag zustimmen und dem Pausenverbot während der Wochenruhezeit ein Ende machen, sieht Sokolovic vom Gesamtverband Verkehrsgewerbe ein weiteres Problem: „Wenn die Arbeitsbedingungen von etwa zwei Millionen Kraftfahrern in Europa verbessert werden sollen, brauchen wir auch zwei Millionen geeignete Schlafmöglichkeiten. Ist die vorhandene Infrastruktur mit Unterkünften, Shuttle-Service, Sicherheit für LKW und Fracht überhaupt ausgerichtet?“ Laut einer Mitteilung will die Landesregierung Niedersachsen genau das bis 2025 voranzutreiben. Und plant den Bau weiterer 1800 Lkw-Parkplätze entlang der stark befahrenen Autobahnen, um die Situation auf den Rastanlagen zu entschärfen. Bis dahin bleiben Stellplätze, wie am Lehrter See, ein Campingplatz für Trucker.

Von Manuel Behrens

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Das Krankenhausunternehmen Diakovere bittet zum Neujahrsempfang ins Henriettenstift und ehrt zahlreiche Auszubildende für besondere Projekte und Ideen.

07.12.2018
Hannover Verschleppte Baugenehmigungen - Ratspolitik erhöht Druck auf Baudezernenten

Nach Beschwerden über verschleppte Baugenehmigungen in Hannovers Bauamt regt sich Unmut in der Ratspolitik. Innerhalb der CDU wird erwogen, den Rücktritt des Baudezernenten zu fordern.

04.12.2018

Die Feuerwehr ist am Dienstagnachmittag zu einem Brand in einem Anbau der Niedersachsenhalle des Hannover Congress Centrums ausgerückt. In einer Zwischendecke des Gebäudes war ein Schwelbrand entstanden.

04.12.2018