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Hannover Nach Rücktritt von Vorstand: Besuch in einer Ditib-Moschee
Nachrichten Hannover Nach Rücktritt von Vorstand: Besuch in einer Ditib-Moschee
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00:15 04.12.2018
Muslime verlassen nach dem Freitagsgebet die Ditib-Moschee in der Stiftstraße in Hannover. Quelle: Irving Villegas
Hannover

Man muss schon zu ihnen in die Moschee in der Stiftstraße kommen, wenn man mit den Mitgliedern der Ditib-Gemeinde über den überraschenden Rücktritt ihres Landesvorsitzenden Yilmaz Kilic ins Gespräch kommen möchte. Am Telefon oder per E-Mail erreicht man da nur wenig. Kein Kommentar zum Rücktritt von Kilic.

Dabei würde man gerne wissen, was türkischstämmige Muslime in Hannover und Angehörige des größten muslimischen Interessenverbandes in Deutschland über die jüngsten Entwicklungen an der Landesspitze der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion e. V. (Ditib) denken. Reicht also „der lange Arm Ankaras“, wie es oft heißt, über die Moscheevereine bis nach Hannover? Nutzt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die Ditib, um in Deutschland Einfluss auszuüben? Wie sehen die Mitglieder der Ditib-Moschee in Hannover das alles?

Dem türkischen Präsidenten unterstellt

Kilic jedenfalls hatte am vergangenen Sonntag als Grund für seinen Rücktritt die zunehmende Gängelung der Verbandsarbeit durch die Religionsbehörde der Türkei und die Deutschlandzentrale der Ditib in Köln genannt. Die Ditib ist dem türkischen Präsidenten Erdogan unterstellt und entsendet in der Türkei ausgebildeten Imame in die Moscheen nach Deutschland – und bezahlt sie auch. So auch in die Stiftstraße in Hannover.

Der Rücktritt Kilics schlug die ganze Woche lang Wellen in der Landespolitik. Am Telefon wollte der hannoversche Ditib-Vorsitzende dazu aber nur wenig bis gar nichts sagen – Mehmet Zengin erklärte nur, dies stehe ihm nicht zu. Unklar blieb, wem gegenüber Zengin meinte, kein Mandat für eine Einschätzung der Lage zu haben: Dem Landesverband? Der eigenen Gemeinde? Der türkischen Regierung? Eine am Dienstag an die Moschee geschickte E-Mail mit der Bitte um ein Gespräch mit einem Imam blieb bis Freitag unbeantwortet.

Also geht man nach dem Freitagsgebet der Muslime zur Moschee in die Stiftstraße. Die Männer vor dem unscheinbaren weißen Haus, das etwas verborgen hinter dem Anzeiger Hochhaus und der Kestner Gesellschaft liegt, sind freundlich. Aber über Politik wollen auch sie zunächst nicht so recht reden. Der Rücktritt Kilics sei kein Thema in der Moschee. Einer meint sogar, er höre davon das erste Mal.

„Keine politischen Gespräche“

Ein Kommentar zum Rücktritt? Lieber nicht. Im Teeraum ihrer Moschee, berichten sie, hänge ein Schild: „Keine politischen Gespräche“, stehe darauf. Ob man es sehen wolle? Ja, aber man kann es nicht lesen. Es ist auf türkisch verfasst. Ob sich die Männer bei Lahmacun, Tschai und Ayran an das Verbot halten – auch das erfährt man nicht. Sie sprechen ausnahmslos türkisch. „Islam und Politik sollten getrennt sein“, hatte einer der Männer auf der Straße gesagt. Und: „Wir möchten hier keinen Einfluss aus der Türkei.“

Ob Erdogan das auch so sieht? Der türkische Präsident habe das Wählerpotenzial der in Deutschland lebenden Türken sehr wohl im Auge, sagt der Mann. Aber in der heutigen Predigt des Imams sei es um ganz andere Dinge gegangen: „Es sprach vom Geben, wie wichtig Nachbarschaftshilfe ist und Bedürftigen zu unterstützen.“ 700 Gläubige hätten zugehört. „Unser Imam macht keine Politik.“

Unter Kilic lief es nicht

Murat Akdas, 46 Jahre alt, ist der einzige, der überhaupt einen Namen nennt. Er hat auch eine klare Haltung zum Rücktritt Kilics: „Ob der eine oder andere Vorsitzender ist, ist doch egal. Hauptsache es läuft.“ Und unter Kilic lief es nicht, findet der Mann. „Wir hatten große Erwartungen an ihn, aber er hat nichts erreicht. Wir wollen eine neue Moschee hier in Hannover, aber Herr Kilic hatte andere Interessen.“ Welche? Bleibt offen.

Den schon lange unerfüllten Wunsch nach einem repräsentativen Gebetshaus verknüpfen die Männer dann aber doch mit der großen Politik. Die Stadt, sagen sie, lege der Ditib Steine in den Weg – „wir bekommen keine Baugenehmigung“. Vermutlich fürchte man Ablehnung aus der Bevölkerung. Jedenfalls, so wollen sie beobachtet haben, sei das Verhältnis zur Stadtspitze schlechter geworden, seit das Verhältnis zwischen Berlin und Ankara frostig wurde. „Wir haben den Eindruck, das hat mit der großen Politik zu tun.“

„Heute lieber nicht“

Einen Imam bekommt man nicht zu Gesicht. Auf die Frage, ob er da und zu sprechen wäre, erntet man Schulterzucken. Der Vereinsvorsitzende Mehmet Zengin ist ebenfalls unauffindbar. Ein vergnügter Herr mit grauem Bart, vielleicht der Stellvertreter, erklärt, er sei nicht berechtigt, eine Stellungnahme abzugeben. „Wir wissen nicht, warum Herr Kilic zurückgetreten ist. Aber warum hat er so lange mit seinem Rücktritt gewartet, wenn es ihm nicht gefallen hat?“ Auf die Frage, ob man ihn fotografieren dürfe, antwortet der Mann: „Heute lieber nicht. Ich war nicht beim Friseur.“ Zum Abschied drückt er die Hand. Sehr lang und sehr fest.

Von Karl Doeleke und Gunnar Menkens

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