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Hannover Tödliche Faustschläge auf Limmerstraße: Angeklagter gesteht Tat
Nachrichten Hannover Tödliche Faustschläge auf Limmerstraße: Angeklagter gesteht Tat
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00:16 12.04.2019
Der Totschlags-Prozess gegen Muharrem C. (links mit Mappe vor dem Kopf) begann unter großem Medieninteresse. Quelle: Rainer Droese
Hannover

 Unter großem Medieninteresse hat am Dienstag der Schwurgerichtsprozess gegen den Mann begonnen, der am 8. Oktober 2018 in der Limmerstraße einen Passanten durch Faustschläge umbrachte und nun wegen Totschlags angeklagt ist. Der 28-jährige Muharrem C. gestand die Tat, einer seiner Verteidiger gab eine längere Erklärung ab. Auf der Nebenkläger-Bank saß ein Bruder des getöteten Ilja T. mit seinem Rechtsanwalt; die Eltern des Opfers werden von einem anderen Anwalt vertreten, waren aber nicht persönlich anwesend.

Ein 27-jähriger Psychologiestudent, der die Auseinandersetzung der beiden Männer in Linden-Nord unmittelbar miterlebt hatte und mehrfach versucht hatte, die Streithähne an jenem Montagnachmittag auseinanderzubringen, wurde von der Erinnerung an das schreckliche Geschehen übermannt. Er brach in Tränen aus, so dass die Verhandlung für mehrere Minuten unterbrochen werden musste.

Der Angeklagte war jüngst aus der Untersuchungshaft entlassen worden – was für ihn schon den Gang zum Landgericht zum Spießrutenlauf werden ließ. Quelle: Rainer Droese

Der Student erinnerte sich noch an viele Details des Streits von Muharrem C. und des späteren Opfers in der Limmerstraße. Demnach fuhr der Angeklagte mit seinem E-Bike Richtung Küchengarten, als ihm T. – offenbar abgelenkt durch sein Handy – auf Höhe Nedderfeldstraße vor sein Rad lief, so dass C. ausweichen musste. Die Männer brüllten sich an, T. trat gegen das E-Bike des Jüngeren, dieser beschimpfte den Fußgänger und spuckte ihn an. Die beiden tänzelten in Boxermanier umeinander herum, ohne dass es zu ernsthaften Treffern kam.

Mehrmals, so der Zeuge, habe er geglaubt, seine Schlichtungsbemühungen hätten Erfolg, doch immer wieder flammte der Streit auf, verlagerte sich Richtung Leinaustraße bis vor einen Gemüseladen. C. habe sich besonders erbost gezeigt, dass seine relativ hochwertigen Kopfhörer auf den Boden gefallen waren und dabei beschädigt wurden.

Schläge mit enormer Wucht

Nach der Erinnerung des Studenten wirkte T. zunehmend eingeschüchtert und wollte die Auseinandersetzung beenden. Doch C. sei immer wütender geworden, habe das spätere Opfer als „Hurensohn“ beschimpft, ihm gedroht „Ich überroll’ Dich mit meinen Jungs“ und ihn schließlich aufgefordert: „Jetzt box’ wie ein Mann.“ Dann habe der 28-Jährige vier- bis fünfmal zugeschlagen: Mit enormer Wucht und Präzision, immer auf den Kopf des Älteren. Auch als dieser schon zusammengesackt war, habe C. noch einen Treffer platziert. Das Opfer blutete massiv aus der Nase, so dass sich auf der Fahrbahn schnell eine Pfütze aus Blut bildete, röchelte noch einige Male und blieb dann regungslos liegen. Ilja T. starb drei Tage später aufgrund einer massiven Hirnschwellung an einer zentralen Lähmung, ohne noch einmal das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.

Die Anwälte Harald Lemke-Küch (l.) und Fritz Willig (r.) vertreten die Nebenkläger. In ihrer Mitte sitzt ein 39 Jahre alter Bruder des Opfers. Quelle: Rainer Droese

Der Angeklagte saß monatelang in Untersuchungshaft, war aber in der Vorwoche auf freien Fuß gesetzt worden, da das Gericht keine Fluchtgefahr sah. Laut der Erklärung von Verteidiger Torben Müller konsumiert der in Hannover geborene C. – etwa 1,70 Meter groß, leicht untersetzt, mit Halbglatze – seit seinem 17. Lebensjahr Kokain und Cannabis. Er arbeitete bei einer Firma im Schichtdienst, bezog als Sattler Autositze. Doch von seinem Verdienst von rund 2000 Euro blieb nicht viel übrig: Nach eigenem Bekunden gab er pro Woche 300 bis 350 Euro für Drogen aus. In den Monaten vor der Tat habe C. unter besonderem Stress gestanden, so Müller, weil seine Ehefrau eine Frühgeburt hatte und der Schwiegervater schwer erkrankt war. Aufgrund des Stresses mit der Familie und seines Drogenkonsums sei der Angeklagte oft gereizt gewesen. C. bedauere die Tat „aufrichtig und zutiefst“, teilte der Verteidiger mit. Zu einer persönlichen Entschuldigung konnte sich der 28-Jährige aber nicht durchringen.

Warnung vom Kickbox-Trainer

Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Rosenbusch nach Kampfsporterfahrungen erklärte C., dass er zwischen 2013 und 2015 intensiv Kickboxen betrieben habe. Es gibt auch ein Werbevideo eines Studios, auf dem der 28-Jährige in Aktion zu sehen ist. Der Trainer habe ihn gewarnt, so der Angeklagte, das beim Kickboxen Erlernte jemals auf der Straße anzuwenden. Ihm sei klar gewesen, dass man einem Gegner mit Tritten und Schlägen die Nase brechen kann, „aber ich wusste nicht, dass man damit jemanden umbringen kann“.

Schon am Dienstag zeichnete sich ab, worum sich der juristische Disput in den nächsten Verhandlungstagen drehen wird. Die Staatsanwaltschaft sowie die Nebenkläger-Anwälte Harald Lemke-Küch und Fritz Willig wollen offenkundig nachweisen, dass der Angeklagte den Tod seines Kontrahenten zumindest billigend in Kauf nahm und insofern wegen Totschlags (Mindeststrafe fünf Jahre) zu verurteilen wäre. Die Verteidiger Prof. Helmut Pollähne und Torben Müller dürften zum Ziel haben, eine Verurteilung ihres Mandanten wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge zu erwirken – hier liegt die Mindeststrafe bei nur drei Jahren.

Von Michael Zgoll

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