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Hannover Der harte Kampf gegen Barrieren
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00:20 09.08.2018
„Barrierefrei ist klar definiert: Keine Schwelle, kein Zentimeter“: Andrea Hammann vor einer Behindertentoilette in der Altstadt. Quelle: Petrow (Archiv)
Hannover

Sie wollen mit der Bahn fahren? Dann nehmen Sie sich Zeit. Zumindest, wenn Sie keine Treppen zum Bahnsteig hochsprinten können. Andrea Hamann weiß, wovon sie spricht. Die hauptamtliche Beauftragte für Behinderte der Stadt Hannover sitzt im Rollstuhl – und wird nicht müde, Behörden und Gesellschaft mit ihren Forderungen nach barrierefreien Zugängen unter Druck zu setzen. Auch weil Barrierefreiheit längst nicht nur Behinderte betrifft – sondern ebenso Menschen mit Rollatoren oder auch mit Kinderwagen.

„Ganz schlimm ist es, wenn ein Fahrstuhl mehrere Stockwerke bedient. Da müssen Sie schon einmal drei, vier Fahrten abwarten, bis für Sie genügend Platz ist“, berichtet die Rollstuhlfahrerin über eigene Erfahrungen. Hannoveraner sind eigentlich ganz gut dran. Sagt auch Andrea Hammann. Weil Teilhabe an immer mehr Stellen möglich ist. „Wenn wir ein Projekt planen, dann gleich für alle.“ Und so gibt es in der Flotte der Leihfahrräder eben auch ein Dreirad, akustische Hilfsmittel und Gebärdendolmetscher.

Das klingt nett. „Ist in vielen Bereichen aber gesetzlich vorgeschrieben.“ Ein Umstand, der von Architekten aber noch immer gern übersehen wird. Sie wird nicht müde: „Barrierefrei ist in der DIN-Vorschrift 18040 Teil 1 und 2 klar definiert: ohne jede Schwelle, kein Zentimeter.“ Das gelte für Bordsteine wie für Balkontüren. „Wer mit einem Rollator über eine Schwelle auf den Balkon will, muss ihn anheben.“ Eine Anstrengung, die für gebrechliche Menschen oft unmöglich ist. „Über Rampen mit hubbeligem Pflaster kann sich ein Mensch am Rollator kaum darüberbewegen.“

Andrea Hammann treibt diese Missachtung um. „Normalerweise haben DIN-Vorschriften empfehlenden Charakter. Doch die für den barrierefreien Bau sind sie tatsächliche Vorschrift.“ Befindet sich also ein behindertengerechtes Klo hinter einer schwergängigen Tür, ist es nicht barrierefrei. „Es gibt im hannoverschen Hauptbahnhof genau eine einzige Behindertentoilette. Und die war über Monate geschlossen, weil der passende Klodeckel fehlte.“

Mobilität ist für Andrea Hammann die Grundvoraussetzung für Teilhabe. Beim Blick in die Zukunft ein schwieriges Thema. „Die Anbieter für den Öffentlichen Personennahverkehr rüsten nach. Und zum Glück wächst die Zahl der Hochbahnsteige. Die Silberpfeile der Üstra und die neuen Wagen sind barrierefrei.“ Zugleich aber verweigern alle neuen Formen des Car-Sharing bis hin zum „Schienenersatzverkehr“ bei gestrandeten Bahnen den Transport von Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind.

Hannover sieht Hammann im Grunde ganz gut gerüstet für den demografischen Wandel. In Zahlen lässt sich dies nur schwer ausdrücken. „Wir kennen die Zahl der Schwerbehindertenausweise. Das sind hier mehr als 50.000.“ Doch nicht jeder beantragt den Ausweis. „Die Dunkelziffer der Betroffenen ist viel größer.“ Schaffen Stationen wie der Kröpcke diesen Ansturm? „Grundsätzlich bräuchten wir immer und überall mehr Aufzüge.“ Einfach, weil jeder sie nutzt – und damit im Zweifel blockiert. Und weil sie eben auch kaputtgehen. „Wenn man vom Kröpcke zum Aegi ausweichen muss, ist das für einen beeinträchtigten Fußgänger oder Rollstuhlfahrer eine enorme Strecke.“ Andrea Hammann wird weiter an diesem harten Brett bohren. Teilhabe bleibe ein Prozess. „Vor zehn Jahren waren wir froh über eine Rampe am Hintereingang. Das ist heute nicht mehr vorstellbar.“ Hier zumindest hat der fortwährende Druck auf Behörden und Gesellschaft etwas gebracht.

Mehr zum Thema Mobiltät auf https://uebermorgen.haz.de/

Von Rebekka Neander

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