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Hannover Warum Zirkusdirektor Bernhard Paul den Clown gab
Nachrichten Hannover Warum Zirkusdirektor Bernhard Paul den Clown gab
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00:16 23.09.2017
Von Daniel Alexander Schacht
Im Salonwagen: Das Fahrzeug gehört zu den 80 historischen Fahrzeugen von Roncalli, es dient als privates Wohnzimmer von Bernhard Paul. Quelle: Dröse
Hannover

Der Flohmarkt am Hohen Ufer und die Markthalle - „Das sind meine Lieblingsorte in Hannover“, sagt der Gründer und Chef des Circus Roncalli. Kein Wunder, denn ein Sammler ist er selbst seit vielen Jahren. Und ein Kaffeehausliebhaber, natürlich, als gebürtiger Österreicher. Weshalb er auch auf Tournee stets sein eigenes Kaffeehaus dabeihat. Es ist, zusammen mit einem guten italienischen Restaurant, in seinem ältesten Sammlerstück untergebracht – einem Zirkuswagen des einstigen Circus Blumenfeld von 1880.

Menschen aus 22 Nationen

An diesem Morgen führt uns unser kleiner Stadtspaziergang durch die Roncalli-Stadt zu Füßen der Waterloosäule. Zu der Wagenburg gehören außer dem 38 Meter hohen Zelt, dem Kassenfahrzeug, dem öffentlichen Restaurant- und dem privaten Salonwagen der Familie Paul insgesamt 80 historische Zirkuswagen. Darunter sind kleinere, die die Schneiderei und die Garderoben direkt hinter der Manege beherbergen. Und größere wie der Kassenwagen davor oder die Wohnwagen der Zirkusleute dahinter. In dieser Stadt wohnen Menschen aus 22 Nationen, vom Künstler bis zum Kellner, eine eigene Welt.

Und warum wird man Zirkusdirektor? „Vielleicht“, sagt Bernhard Paul, „weil man in kein Raster passt.“ Und in seinem Fall auch, indem man einer frühen Faszination folgt. „Ich hatte rote Haare, war Brillenträger – da wurde ich bei Cowboy- und Indianerspielen der anderen Kinder geschnitten“, erinnert Paul sich an seine Kindheit im niederösterreichischen Städtchen Wilhelmsburg. „Als ich sechs war, verirrte sich ein Zirkus dorthin, ich freundete mich mit dem Sohn des Dummen Augusts an, durfte mit zu den Zirkusleuten“, erzählt Paul. „Da wurde ich zum ersten Mal akzeptiert, wie ich bin, und wusste: Das ist meine Welt.“

Auf dem Weg dorthin erweisen sich Umwege bisweilen als Abkürzungen: Bernhard Paul sollte die Baufirma seines Onkels übernehmen, studierte Hoch- und Tiefbau, bis ihm sein Professor sagte, dass sein eigentliches Talent im Zeichnerischen liege. Er schaffte es auf die Höhere Grafische Lehr- und Versuchsanstalt in Wien. Er lebte in einer Künstlerkommune, spielte in einer Rockband, studierte mit Manfred Deix und Gottfried Helnwein zusammen. Als Artdirector des österreichischen Nachrichtenmagazins „Profil“ brachte er beide auf dessen Titelblätter, später wechselte er in die Werbung. „Dann kamen die Jahre, wo alle vom Aussteigen redeten – und da bin auch ich ausgestiegen: in den Zirkus.“

Wie das geht? „Das geht nur mit der Naivität des Menschen, der einfach keine Ahnung hat“, sagt Paul und fügt kopfschüttelnd hinzu: „Sonst würde man es gar nicht anfangen.“ 1976 gründete er, damals noch mit André Heller, der freilich „keine drei Monate dabei“ gewesen sei, den Circus Roncalli. Geholfen hätten ihm dabei alle Stationen seines Bildungs- und Berufslebens – bei der grafischen Gestaltung der Plakate wie bei der Konstruktion des Zelts, dessen bewegliche Spitze inzwischen in aller Welt als „Roncalli-Kuppel“ kopiert werde. „Eigentlich“, sagt Bernhard Paul, „habe ich Zirkusdirektor studiert.“ Ein schwieriger Weg war es gleichwohl von der ersten Tournee durch Österreich 1977 über den Neustart 1980 in Köln bis zur stattlichen Zahl von 15 Programmen, das aktuelle – „40 Jahre Reise zum Regenbogen“ – eingeschlossen.

„Die Gestaltung ist ein steter Seiltanz, man muss sich immer wieder neu erfinden und sich zugleich treu bleiben.“ Und dazu gehören nicht nur Clownerie und Klamauk, Artistik, Glanz und Glamour. „Der Zirkus ist die älteste multikulturelle Künstlergesellschaft der Menschheitsgeschichte“, sagt Paul. „Als Direktor ist man da zugleich Bürgermeister einer Kleinstadt, Dorfpsychologe, Eheberater.“ Und das sind nur die Tourneeaufgaben. Zwischendurch wechselt Paul von Hannover nach Düsseldorf, wo es noch das Varieté Roncalli Apollo gibt, dann hat er in Moskau eine international besetzte Zirkusjury geleitet, jetzt ist er wieder in Hannover, bevor er in Köln, wo der Zirkus auch sein Winterlager hat, weiter auf die Eröffnung eines Zirkusmuseums hinarbeitet, das seine opulente Zirkussammlung zeigen soll.

An ein Aufhören ist also für den 70-Jährigen nicht zu denken, obwohl seine drei Kinder, teils im Management, teils in der Manege, für die Nachfolge bereitstehen. „Auf eigenen Wunsch“, wie der Vater betont. „Die Kinder sagen, wir lebten hier im Paradies, warum sollten wir das verlassen?“ Da blüht offenbar eine generationenübergreifende Liebe zum Zirkus. Und immerhin: Wenn das Zirkusmuseum im nächsten Jahr seine Pforten öffnet, will Bernhard Paul auch selbst wieder als Dummer August in der Manege auftreten.

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