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Hannover Verträgt Hannover noch mehr Street-Art?
Nachrichten Hannover Verträgt Hannover noch mehr Street-Art?
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00:18 20.09.2017
Bunt statt grau: Die Graffiti-Künstler ParizOne und MrDheo haben im Auftrag von Gundlach 2016 eine Fassade an der Celler Straße gestaltet. Quelle: Clemens Heidrich
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Hannover

Eindringlich fixiert der Indianerhäuptling die Passanten am Johanneskamp in Bemerode. Mit der linken Hand hält er ein mit Farbe überzogenes Holzstück vor sein buntes Gesicht, seine rechte Hand umfasst einen kleinen Schminkspiegel. Er sieht seinem Betrachter direkt in die Augen, während er sein Gesicht verziert - als habe man ihn in einem intimen Moment ertappt. Er und sein Volk wollen wohl besser ungestört bleiben.

Vor allem in Szenestadtteilen wie Linden oder der Nordstadt prangen Graffiti und andere Wandmalereien an den Gebäuden. Im vergangenen Jahr sind eine Handvoll XXL-Wandgemälde dazugekommen. Die Immobilienfirma Gundlach hatte internationale Künstler zum Street-Art Summer eingeladen. Mehrere Fassaden an Gundlach-Gebäuden leuchten seitdem in kräftigen Farbtönen. Neben dem Bemeroder Indianer von Dale Grimshaw überdeckt die Fassadenkunst nun auch graue Wände am Engelbosteler Damm, an der Wülfeler Straße und mitten in der Innenstadt an der Schmiedestraße.

Hannover wird bunter

Der Straßenkunst werden in Hannover gerade ein paar Türen geöffnet. Die lokalen Künstler sind deshalb aber nicht euphorisch. Das zeigte sich in der vergangenen Woche in der Galerie Kubus. Das städtische Büro für Junge Kultur hatte zum Runden Tisch „Urban Art“ eingeladen, rund 30 Gäste waren gekommen - die meisten in Kapuzenpullovern, Baseballcaps und Skateschuhen. „Wir wollen euch ganz aktiv dazu aufrufen, Forderungen an die Stadt zu stellen“, sagt Büroleiter Bernd Jacobs. Sein Ziel ist es, der Street-Art in Hannover mehr Orte zu geben, an denen es gestattet ist, sich zu entfalten. Und damit ist mehr gemeint, als Graffiti zu sprühen: Sticker, Skulpturen und Video-Projektionen seien weitere Beispiele für die vielen Gestaltungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum. Da die Mitarbeiter der Stadt jedoch „szenefern“ seien, hole man sich Rat direkt bei den Experten.

Nicht jeder freut sich über bunte Bilder an Hausfassaden, das ist den Künstlern klar. Daher müsse man sich nicht darum bemühen, von allen gemocht zu werden. „Wir brauchen kein besseres Image“, sagt einer der Sprayer. „Wir haben schon ein Image, und das bleibt auch so.“ Vielmehr einigte man sich darauf, dass sich die Szene künftig selbst organisiert, um mit der Stadt über die Kunst im öffentlichen Raum zu verhandeln. Und die erste Forderung ist auch schnell gefunden: Die Künstler wollen mehr Flächen haben, auf denen sie legal arbeiten können.

Wenig Freiraum für Künstler

Seit eine der beiden Mauern am Glocksee-Gelände in der Calenberger Neustadt abgerissen wurde, sei der Raum für legale Straßenkunst erheblich geschrumpft, beklagen die Künstler. Dort ist es nicht verboten, die Wände zu bemalen. Nun bliebe neben der halben Glocksee-Galerie nur noch der alte Bunker an der Celler Straße. Durchkonzipierte Projekte, wie sie zuletzt die Baufirma Gundlach durchführen ließ, hält die Szene nur bedingt für reizvoll. Zum einen seien dort größtenteils Künstler aus dem Ausland zum Zuge gekommen. Zum anderen wolle man frei und spontan arbeiten, möglichst an sichtbaren Orten und nicht versteckt auf Hinterhöfen oder in Bahntunneln. Wer glaubt, mehr Wände für legale Straßenkunst verhinderten kriminelle Schmierereien, liegt möglicherweise falsch: Ein Teil der Street-Art werde wohl immer illegal, anarchisch und provokant bleiben, heißt es unter den Künstlern. Mehr Freiflächen könnten aber dabei helfen, dass die Sachbeschädigungen an Gebäuden zurückgingen.

Kunst gegen Schmiererei

Wer seine eigene Hauswand vor unerwünschten Graffiti schützen möchte, bemalt sie am besten gleich selbst. Die Baufirma Hanova hat damit bei einem ihrer Gebäude am Allerweg gute Erfahrungen gemacht. Bis zum dritten Stock reicht das Bild, auf dem ein Mann und eine Frau aus der hannoverschen Skyline ragen. „Das Graffito haben wir von einem Künstler im August 2014 anbringen lassen, da diese Wandfläche permanent besprüht wurde“, sagt Prokurist Frank Ermlich. „Seither wird sie nicht weiter besprüht.“ Nur ein paar Meter weiter wird es wieder bunt. An einer Mauer deuten Schraubenschlüssel, Fahrradkette und Reifen an, was sich dahinter befindet. „In Absprache mit der Fahrradwerkstatt wollten wir darauf hinweisen, dass man hinter diesem Zaun mit Hilfe, aber auch selbstständig, Fahrräder reparieren kann“, sagt Sabine Opiela vom Netzwerk Lebenskunst. Auch sollte das Bild, das junge Künstler aus dem Jugendzentrum in der Posthornstraße dort anbrachten, einfach nett anzuschauen sein. Opiela zumindest findet es gelungen: „Das Blau ist ein schöner Kontrast zu den grauen Häuserwänden.“ Und unerwünschte Schriftzüge musste sie dort auch noch nicht entfernen.

Wie viel urbane Kunst verträgt Hannover noch? Wenn es nach Opiela geht, ruhig noch ein bisschen mehr. „Ich kann mir schon vorstellen, dass es der ein oder anderen Wand in Linden guttun würde“, sagt sie. Auch bei Hanova prüft man derzeit, ob noch ein paar der eigenen Gebäude zur Leinwand werden sollen. „Wir können uns gut vorstellen, weitere prominente Flächen mit Street-Art zu versehen“, sagt Prokurist Ermlich.

Bei Gundlach sind nach dem Street-Art Summer vorerst keine größeren Projekte geplant. Man sei aber „generell offen“ dafür, mit Straßenkünstlern darüber zu sprechen, die ein oder andere Wand freizugeben, sagt Sprecher Frank Scharnowski. Eine der Fragen, die geklärt werden müssen, sei aber, wie die Anwohner das finden.

Um das Übermalen streitet auch die Sprayerszene: Vielen Jüngeren fehle der Respekt vor der Graffitikunst, beklagen einige der Teilnehmer des „Urban Art“-Treffens. Aufwendige Motive würden immer wieder mit krakeligen Kürzeln übersprüht und so zerstört.

Das könnte die Street-Art-Szene auch beim nächsten Treffen umtreiben. Das Datum will das Büro für Junge Kultur auf seiner Facebook-Seite veröffentlichen. Dann sollen die Künstler auch erste Vorschläge mitbringen, welche Wände in Hannover sie legal bemalen wollen.

Von Nils Oehlschläger

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