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Hannover Stadt: Heim handelte nicht nachlässig
Nachrichten Hannover Stadt: Heim handelte nicht nachlässig
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00:48 26.04.2018
Das Willy-Platz-Seniorenzentrum in Bothfeld Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

 Das städtische Willy-Platz-Seniorenzentrum hat vor ein paar Tagen Besuch von Mitarbeitern der Heimaufsicht bekommen. Sie kamen außer der Reihe. Anlass war der Kollaps einer 87 Jahre alten Bewohnerin einige Tage zuvor. Gertrud Groß musste mit einem Rettungswagen in dehydriertem Zustand ins Clementinenhaus gefahren werden, nach nur zwei Tagen Aufenthalt in der Kurzzeitpflege. Laut Protokoll hatte die nieren- und herzkranke Frau an einem dieser Tage mehr als sieben Stunden lang nichts zu trinken bekommen.

Die Heimaufsicht gehört zur Stadt Hannover, wie auch das Seniorenzentrum selbst. Die Prüfer sahen sich Aufzeichnungen an und sprachen mit Pflegepersonal. Die entscheidende Frage war die nach der Verantwortung des Heims: Hatte man Gertrud Groß vernachlässigt und damit ihre Gesundheit gefährdet? Ein Ergebnis der Untersuchung fasste jetzt Sozialdezernentin Konstanze Beckedorf zusammen: „Im gesamten Aufenthaltszeitraum nahm die ehemalige Bewohnerin entsprechend der ärztlichen Verordnung Getränke zu sich. Über einen Zeitraum von sieben Stunden wurde dies lediglich nicht ordnungsgemäß dokumentiert.“ 

Warum es trotz ausreichender Trinkmenge zum Kollaps der Seniorin kam, wird weiter untersucht. Die Heimaufsicht will mit der behandelnden Ärztin im  Clementinenhaus reden und Arztberichte einsehen. Stand bisher ist: Die Stadt sieht bis zum jetzigen Zeitpunkt kein nachlässiges Handeln des Heimes – und damit letztlich nicht verantwortlich für den Kollaps seiner Bewohnerin. Insgesamt prüfte die Aufsicht Trinkprotokolle von weiteren 40 Bewohnern, Anlass zur Kritik fand sie nicht. 

 Bewohnervertretung listet Mängel auf

Die HAZ hatte über den Fall von Gertrud Groß berichtet. In der Folge wurde bekannt, dass bereits zuvor die Pflege in dem Bothfelder Haus beanstandet wurde. Die Bewohnervertretung listete in einem Rechenschaftsbericht vom Oktober 2017 etliche Punkte auf. „Bewohner müssen sich auf ständig wechselnde Pflegekräfte einstellen“, sagt der damalige Vorsitzende Kurt Jahr. Mehr Aufgaben müssten von immer weniger Stammpersonal bewältigt werden. Es komme vor, dass während einer Schicht im ganzen Haus nur ein oder zwei Pflegekräfte für 90 Bewohner anwesend seien. Mitunter falle das Duschen aus und Nägel würden nicht geschnitten. 

 Kurt Jahr, dessen sehr betagte und demente Mutter seit einigen Jahren im Willy-Platz-Heim lebt, lobte in dem Rechenschaftsbericht die „engagierte Stammbelegschaft“ für ihre Arbeit, stellte jetzt aber zugleich fest: „Alle Mitarbeiter stehen so stark unter Leistungsdruck, dass für das Menschsein der Bewohner keine Zeit bleibt.“ 

Sozialdezernentin Beckedorf hat sich in den vergangenen Tagen mit diesen Vorhaltungen befasst und die Kritik zurück gewiesen. Ihr Fazit: „Nein, diese Vorwürfe im Bericht treffen nicht zu." Städtische Heime beschäftigen zwar Leiharbeitskräfte, um Ausfälle bei der Stammbesetzung auszugleichen, aber nur zwischen sechs und sieben Prozent aller Beschäftigten in den Häusern seien von Zeitarbeitsfirmen eingekauft. Gesetzliche Vorgaben an Personalausstattung seien erfüllt, nicht auf dem Papier, sondern im Alltag. Der Heimaufsicht zufolge wurden auch keine Hygienemängel festgestellt. 

Allerdings gestand Beckedorf zu, dass wegen des knappen Personalschlüssels die Bezugspflege nicht immer optimal gewährleistet ist. Für demente Menschen ist es wichtig, nach Möglichkeit immer von denselben Pflegern betreut zu werden.  Fällt Stammpersonal aus, etwa wegen Krankheit oder anderen Einsätzen am Arbeitsplatz, müsste Bezugspflege jedoch von Leiharbeitskräften übernommen werden.

 Personalschlüssel nach Pflegegrad

Für die Sozialdezernentin stellt sich dabei eine grundsätzliche Frage: „Auch die städtischen Alten- und Pflegezentren leiden unter dem bekannten Mangel an Pflegefachkräften. Dass die Bundesregierung 8000 neue Stellen schaffen will, reicht längst nicht aus.“ Das Verhältnis von Mitarbeitern zu Bewohnern bestimmt der Pflegegrad. Das Willy-Platz-Heim plant mit diesem Schlüssel: Im Pflegegrad eins kommen auf jeden Bewohner 7,058 Mitarbeiter, beim Pflegegrad 5 sind es 1,895. 

Nach der Kritik am Willy-Platz-Heim meldeten sich auch Angehörige und Bewohner, die das Haus in ein falsches Licht gerückt sehen. Die aktuelle Bewohnervertretung reagierte mit Unverständnis auf Vorhaltungen, Als Beleg für die Qualität des Bothfelder Seniorenzentrums gilt ihnen auch die gute Benotung des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung, die das Haus mit der Note 1,1 bewertete. In Fachkreisen ist der Wert dieser Benotungen allerdings grundsätzlich umstritten. Zu Wort meldete sich auch Bärbel Henning, deren demente Mutter im Haus gepflegt wurde: „Ich war zufrieden. Die Mitarbeiter haben getan, was unter den gegebenen Umständen möglich war.“  

 

Von Gunnar Menkens

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