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Hannover „Geheilte Seele“: Teresa Enkes neues Leben
Nachrichten Hannover „Geheilte Seele“: Teresa Enkes neues Leben
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00:15 29.09.2018
„Die Leute haben mich herzlich begrüßt“: Teresa Enke im Gespräch mit HAZ-Autor Felix Harbart – und mit Hund Yakari. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

An sich hat Teresa Enke sich nie besonders für Fußball interessiert. Nur für die „letzten zehn Meter vor dem Tor“, sagt sie, jenen Raum, den ihr Mann Robert jahrelang zu bewachen hatte. Denn wie man es auch dreht und wendet: Hier, im Strafraum, entscheidet sich in letzter Konsequenz, wie die Sache ausgeht. Ob ein Verein absteigt oder Meister wird, ob 50 000 Menschen in der Mehrzahl glücklich oder traurig nach Hause gehen, ob ihre Mannschaft weiter mitspielen darf im großen Geschäft, das der Profifußball heute ist. Und das letzte Wort bei all diesen Fragen hat eben, so oder so: der Torwart.

Teresa Enkes Mann Robert war der beste Torwart, der je in einem hannoverschen Tor gestanden hat. Ganz nebenbei war er in seiner Blütezeit auch der beste Torwart Deutschlands und damit auch einer der besten der Welt. Als Robert Enke sich am 10. November 2009 bei Neustadt am Rübenberge das Leben nimmt, nimmt daher auch die ganze Welt Anteil. „Für viele Menschen war es das erste Mal, dass sich jemand umgebracht hat, der mitten im Leben stand.“ So erklärt Teresa Enke sich diese Anteilnahme.

Und weil in diesen Novembertagen 2009 niemand versteht, warum ihr Mann nicht mehr leben wollte, muss es jemand erklären. „Ich wollte selbst darüber sprechen“, sagt die 42-Jährige heute. „Ich wollte nicht, dass irgendwelche Spekulationen aufkommen.“ Also gibt sie nur einen Tag nach dem Tod ihres Mannes eine denkwürdige Pressekonferenz im Stadion von Hannover 96. Sie redet über die Depressionen, mit denen Robert seit Jahren gekämpft hat, und über die Ängste, die er hatte, sollte seine Krankheit öffentlich werden. Dieser Auftritt macht Teresa Enke nicht nur auf einen Schlag im ganzen Land bekannt, er trägt ihr auch viel Bewunderung ein. Dabei war die Sache doch eigentlich ganz simpel, findet sie: „Ich war einfach eine Ehefrau, die nicht wollte, dass jemand anderes über ihren Mann spricht.“

Das alles ist neun Jahre her. Gut zwei Jahre lang lebt Teresa Enke nach Roberts Tod noch in ihrem gemeinsamen Haus in Neustadt-Empede, gemeinsam mit Tochter Leila und den vielen Hunden, die die Enkes über die Jahre aus südeuropäischen Tierheimen bei sich aufgenommen haben. Doch das Haus ist so groß und die Blicke der Menschen immer so traurig, mitfühlende Gesichter, wohin sie auch geht. Wegen Robert und wegen des Todes ihrer gemeinsamen Tochter Lara, die 2006 mit zwei Jahren an einem Herzfehler gestorben war. „Wir waren dem Verein und den Menschen in der Stadt immer sehr dankbar dafür, wie gut sie uns aufgenommen hatten“, sagt Teresa Enke heute. „Aber man kann ja nicht immer nur traurig sein.“

Köln hat meine Seele geheilt“

Also zieht sie irgendwann nach Köln. „Ich musste eine Veränderungen herbeiführen“, sagt sie, und man hört die Pragmatikerin wieder durch. Sie nimmt einen Job als Projektmanagerin beim TV-Hundetrainer Martin Rütter an und genießt die rheinische Mentalität der Leute. „Ich habe Köln viel zu verdanken“, sagt sie heute. „Köln hat meine Seele geheilt.“

Doch jetzt, wo die Seele geheilt ist, ist Teresa Enke wieder da. Beim Spaziergang am Maschsee erzählt sie vieles, entspannt und aufgeräumt. Über anderes schweigt sie lächelnd, bis recht bald der Regen kommt und das Gespräch im Courtyard-Hotel weitergeht.

Seit einem Jahr lebt sie mit ihrer Familie wieder in Hannover – viel mehr muss die Öffentlichkeit nicht erfahren, findet sie. So, wie sie vor neun Jahren Verständnis für das Informationsbedürfnis der Leute hatte, so möchte sie jetzt ihre Ruhe haben. So viel vielleicht: Natürlich hat sie wieder einen Hund, natürlich kommt auch Mischling Yakari aus einem Tierheim, einem mallorquinischen dieses Mal, und man kann getrost sagen, dass es ihr gut geht. Viele Leute in der Stadt hätten sie herzlich begrüßt, sagt sie, vor allem die Geschäftsleute in der Innenstadt. Und dabei muss sie lachen.

Demnächst geht sie zum ersten Mal seit damals wieder ins Stadion, zum Abschiedsspiel von Per Mertesacker. Das letzte Mal, als sie da war, stand Roberts Sarg im Mittelkreis, und 35.000 Menschen nahmen Abschied von ihm. Der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger hielt eine Rede, in der er forderte, dass der Fußball sich ändern, Schwächen zulassen müsse. „Was Sie durchlitten haben, können wir nur erahnen“, sagte der damalige Ministerpräsident Christian Wulff an Teresa Enke gewandt. „Der warmherzige Beifall hat gezeigt, dass wir bei Ihnen sind.“ Es gab viele Tränen und viele gute Worte, und am Ende war klar, dass diese Trauerfeier, so einzigartig und umstritten, keine schlechte Idee gewesen war.

Wie es sein wird, wieder ins Stadion zu gehen? Teresa Enke weiß es nicht, sie hat ein wenig Respekt davor. Aber es werden schließlich auch viele gute Bekannte da sein. Per Mertesacker eben, der mit Robert Enke befreundet war, die Cherundolos, andere Freunde. Es wird schon nett werden, hofft sie.

Im November 2009, am Tag nach Robert Enkes Tod, kommen Tausende zu den Stadiontoren, zünden Kerzen an und legen Blumen, Teddys, Torwarttrikots in die Novemberpfützen. Eltern erzählen, sie hätten noch in der Nacht darüber nachgegrübelt, wie man seinem Kind beibringt, dass Robert Enke gestorben ist. Am Abend ziehen mehr als 30.000 Menschen in einem Schweigemarsch trauernd zum Stadion. 30.000.

Was hat sich geändert?

Das Stadion ist da für viele Fans längst mehr geworden als nur ein Platz zum Fußballspielen. Noch mehr als je zuvor ist es ein Ort, an dem sich die Stadt ihrer selbst versichert, indem sie Robert Enkes gedenkt. Eines Mannes, den die Leute für Eigenschaften schätzen, die ihnen wichtig sind: Bescheidenheit, Freundlichkeit, Fleiß. Robert Enke wiederum schätzte in Hannover, dass hier alle hinter ihm standen: Der Club – und die Menschen. „Er brauchte Anerkennung und Sicherheit, und die hatte er hier“, sagt Teresa Enke. Heute heißt die Straße, an der das Stadion liegt, „Robert-Enke-Straße“, und sie könnte keinen besseren Namen tragen.

Es gibt Leute, die sagen, viel geändert habe sich nicht im Profifußball seither. Am vergangenen Wochenende pfiffen die Fans des FC Augsburg ihren Torwart Fabian Giefer aus, weil wieder einen Fehler gemacht hatte. Keine Präsidentenrede hat so etwas verhindern können, jedenfalls nicht lange.

Dennoch, sagt Teresa Enke, habe sich etwas bewegt. Seit dem Tod ihres Mannes kämpft sie mit ihrer in Barsinghausen sitzenden Robert-Enke-Stiftung dafür, dass Menschen wie ihrem Mann geholfen wird – speziell im Leistungssport. „Heute gibt es ein bundesweites Netzwerk für erkrankte Sportler, und auch in den Nachwuchsleistungszentren sind Sportpsychologen als eine Anlaufstelle Pflicht geworden“, sagt sie. „Als Robert krank wurde, wussten wir zunächst überhaupt nicht, an wen wir uns überhaupt wenden sollten – einen Psychologen? Den Hausarzt? Heute gibt es durch die Stiftung Unterstützung in solchen Fällen – es ist kein Tabuthema mehr.“

Das alles heiße nicht, dass der Fußball sich komplett ändern wird, aber das Verständnis für psychische Erkrankungen habe sich verbessert, meint Teresa Enke. „Der Fußball war ein Geschäft, und er bleibt ein Geschäft, daran wird man nicht viel ändern. Und das ist auch okay so.“

Und was die Welt außerhalb des Fußballs betrifft: Studien hätten gezeigt, dass der Tod ihres Mannes sehr dazu beigetragen habe, dass die Gesellschaft insgesamt sehr viel offener mit dem Thema Depression umgehe als zuvor. „Es ist ja leider oft so“, sagt Enke, „dass immer erst etwas Schlimmes passieren muss.“

So dreht sich für die Frau, die sich eigentlich nicht sehr für Fußball interessiert hat, auch weiter vieles um Fußball. Jahrzehnte, nachdem sie in ihrem fränkischen Elternhaus am Sonnabend nicht „Beverly Hills 90210“ schauen konnte, weil im Wohnzimmer stattdessen sehr zu ihrem Ärger die „Sportschau“ lief. Und neun Jahre, nachdem Robert sein letztes Spiel gemacht hat.

Sie lebt in der Stadt, in der ihre Tochter starb und die eine Straße nach ihrem Mann benannt hat, und kriegt doch die Vergangenheit und die Gegenwart ganz gut unter einen Hut. Es ist, wie es ist, sagt man in Köln, wo sie Seelen heilen. Und im Moment ist alles ganz gut.

Zum neunten Todestag des früheren 96-Torwarts sucht die Robert-Enke-Stiftung Geschichten von Menschen, die sich mit ihm verbunden fühlen. Deshalb ruft die Stiftung mit Unterstützung der HAZ zu einem Schreibwettbewerb auf. Motto des Wettbewerbs: „Mein emotionaler Moment mit Robert Enke“. Haben Sie Robert Enke einmal persönlich getroffen? Ist Ihnen ein Spiel besonders in Erinnerung geblieben? Oder hat sich Ihnen ein Augenblick eingeprägt, den Sie aus der Ferne verfolgt haben – etwa im Fernsehen? All das kann Thema Ihres Textes sein.

Ob Fließtext, Gedicht oder Liedtext – alle Formen sind erlaubt, allerdings maximal 3500 Zeichen lang. Die Texte müssen selbst verfasst, bislang unveröffentlicht und frei von Rechten Dritter sein. Der Titel des Textes sollte den Leitgendanken des Wettbewerbs aufgreifen, gerne kann auch ein Foto beigefügt sein. Sie können auch mehrere Texte einreichen – übrigens nicht unbedingt nur auf Papier oder als Textdatei. Werden Sie auch ruhig kreativ. Sie können Ihren Text auch auf einen Fußball schreiben oder ihn sonst wie inszenieren – alles ist möglich.

Die Jury, die den besten Text auswählt, könnte kompetenter nicht sein. Sie besteht aus Teresa Enke, Per Mertesacker und HAZ-Autor Ronald Reng, der eng mit Robert Enke befreundet war und eine viel gelesene Biografie über den Fußballer geschrieben hat. Der Siegertext erscheint zum Todestag von Robert Enke am 10. November in der HAZ. Zudem erhält der Gewinner ein persönliches Erinnerungsstück an den 96-Keeper aus dem privaten Fundus von Teresa Enke.

Sie können Ihren Text per E-Mail an info@robert-enke-stiftung.de oder per Post schicken. Adresse: Robert-Enke-Stiftung, Schillerstraße 4, 30890 Barsinghausen. Einsendeschluss ist der 31. Oktober.

Von Felix Harbart

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