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Hannover Nach Säureanschlag: Vanessa hat ihren Platz gefunden
Nachrichten Hannover Nach Säureanschlag: Vanessa hat ihren Platz gefunden
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00:17 30.10.2017
Unterwegs auf der Georgstraße: Vanessa Münstermann hat es geschafft, sich von den Blicken der Passanten nicht mehr verletzen zu lassen. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Die meisten Frauen erstarren, wenn sie Vanessa Münstermann sehen. Falls sie gerade gehen, gehen sie weiter, aber sie verändern ihre Kopfhaltung nicht mehr. Kein Muskel zuckt. Als hätten sie Vanessa Münstermann gar nicht wahrgenommen. Dabei tasten ihre Augen die junge Frau in Windeseile ab. Vor allem das Gesicht. Vor allem die Narben im Gesicht. Und das Glasauge in den Narben im Gesicht.

Und Vanessa Münstermann bemerkt es - und lächelt. Nachsichtig. Tapfer. Geduldig. Trotzig. Ein bisschen von allem. Der Blick aus ihrem rechten Auge, dem Auge, mit dem sie noch gucken kann, sagt: Es ist, wie es ist.

Gefrorene Gesichter

Auf der Georgstraße zwischen Steintor und Kröpcke trotten, hasten, schlendern die Leute, und die Blicke der Frauen, die Vanessa Münstermann mit ihren gefrorenen Gesichtern angucken, sagen: Oh Gott, hoffentlich stößt mir so was nicht zu. Die meisten Männer, die Vanessa Münstermann bemerken, schauen sofort wieder weg. Ihre Blicke sagen: Ich habe gar nichts gesehen. Ich muss nicht höflich sein und nicht hilfsbereit, es ist überhaupt nichts passiert.

Es ist aber etwas passiert. Am Morgen des 15. Februar 2016. Vanessa Münstermann war seit drei Tagen 27. Es war noch dunkel. Sie war kurz mit ihrem Hund draußen, einer Beagle-Dame. Dann stand ihr Exfreund Daniel F. vor ihr. Als sie ihn kennengelernt hatte, hat sie gedacht, er sei ihr Schicksal. Damit hatte sie recht.

Er hatte sich mit der Zeit als unberechenbar herausgestellt, mal gewalttätig, mal kindisch, in jedem Fall nicht erwachsen. Sie hatte Schluss gemacht. Und deswegen übergoss er sie nun mit Schwefelsäure.

Vor dem Spaziergang durch die Innenstadt macht die Fotografin Aufnahmen am Tatort am Okerweg in Leinhausen. Vanessa Münstermann zeigt das Gebüsch, aus dem Daniel F. gekommen ist, zeigt den Papierkorbdeckel, auf dem er nach der Attacke das Säureglas abgestellt hat, ein grauer Ring hat sich in das Metall gefressen. Sie wirkt beinahe kühl dabei. Warum? Sie habe keine Empfindung für den Ort, sagt sie. Als habe ihre Seele den grausamen Moment abgespalten und weggelegt. Für später vielleicht.

Was dem Angriff folgte, kann man sich, wenn man es nicht erlebt hat, kaum vorstellen. Künstliches Koma, Operationen ohne Ende. Und derart viel Schmerz, dass er eigentlich in ein so junges Leben noch gar nicht reinpasst.

Leicht war es vorher auch nicht. Vor der Attacke war Vanessa Münstermann eine hübsche, traurige junge Frau. Die Frau, die sie geboren hat - das Wort „Mutter“ wäre hier fehl am Platz - ließ sie im Krankenhaus zurück. Sie wuchs bei Adoptiveltern auf, die sich irgendwann trennten. Sie wusste nie so recht, wohin mit sich. Es war etwas Unbestimmtes an ihr, in ihr. Das ist jetzt nicht mehr so.

Weitere Berichte über Vanessa Münstermann finden Sie hier.

Das Glasauge ist heute dunkelblau. Keine nachgemachte Iris, keine nachgemachte Pupille, einfach blaues Glas. Vanessa Münstermann hat auch eines in Schwarz und eines in Silber, ihr Okularist arbeitet an einem aus Spiegelglas. Sie will kein Glasauge tragen, das kaschiert, dass ihr linkes Auge die Säureattacke nicht überstanden hat. Sie will sich nicht verstecken. Sie hat entschieden, dass sie alle Operationen macht, die medizinisch notwendig sind. Und die kosmetischen lässt sie weitgehend bleiben. Sie trägt ihre Narben als das, was sie sind: ein Teil von ihr. Einmal war sie zu einem Vortrag in einer Schule. Etwas abseits sagte ein Halbwüchsiger zu einem anderen: „Hast du die hässliche Fresse gesehen?“ Sie ist rübergegangen und hat gesagt: „Zeigt mir die Fresse, ich will sie auch sehen.“ Sie weicht nicht aus. Keinen Zentimeter.

Säureformel als Tattoo

Vanessa Münstermann hat einen Verein gegründet, er heißt „AusGezeichnet“. Sie berät Menschen, die entstellt sind durch Säureangriffe oder Krankheiten, in Deutschland und Indien und Brasilien und Nigeria. Sie sammelt Spenden, sie packt Pakete mit Narbensalbe und Medikamenten. Sie ist stolz, dass sie das kann. Dass sie ihren Platz gefunden hat. Irgendwann demnächst wird sie bei Günther Jauch sein, Ende 2018 erscheint eine Biografie von ihr. Aus ihrem Kragen lugt ein Tattoo mit der Schwefelsäureformel.

Wir gehen zur Markthalle, trinken dort einen Kaffee. Vanessa Münstermann erzählt von der anfänglichen Sorge, keinen Mann mehr abzubekommen. Davon, dass ihr dann sehr viele Männer sehr eindeutige Angebote gemacht haben - Männer, die unbedingt mit einer Versehrten ins Bett wollten. Inzwischen hat Vanessa Münstermann wieder einen Freund. Er war ihre erste große Liebe, sie waren zwei Jahre zusammen. Seit einem halben Jahr sind sie wieder ein Paar.

„Aber Daniel wird immer da sein, wenn ich in den Spiegel schaue“, sagt sie. Wahrscheinlich stimmt das. Doch ebenso wahrscheinlich ist, dass Daniel F. in seinem Leben nicht eine einzige Sekunde mehr haben wird, in der er sich nicht in seinem tiefsten Innern dafür schämt, wie er ist. Er hat versucht, seine frühere Freundin zu zerstören. Was er tatsächlich zerstört hat, ist seine eigene Menschlichkeit. Sie dagegen ist an all dem gewachsen.

Manche Leute, die in der Markthalle hinter Vanessa Münstermann entlanglaufen und sich unbeobachtet fühlen, starren sie dann doch unverhohlen an. Die Fotografin, die von draußen durch die Scheibe fotografiert, kann das sehen. Die Menschen achten nur auf die verletzte Haut. Sie bemerken nicht, dass Vanessa Münstermann eine schöne Frau ist. Nicht trotz der Narben. Sondern mit den Narben. Es ist kein oberflächliches Hübschsein, es ist mehr. Die Schönheit steckt in ihrer Ausstrahlung, ihrer Energie, ihrer Herzlichkeit. In ihrem ganzen Wesen. Sie steckt im Lachen in ihrem rechten Auge.

Irgendwie steckt sie sogar im Glasauge. Weil es ehrlich ist.

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