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Hannover Suchtkranke in der City: Das können wir aus den Neunzigern lernen
Nachrichten Hannover Suchtkranke in der City: Das können wir aus den Neunzigern lernen
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00:15 29.11.2018
Drogenszene Tivolistrasse Hannover Quelle: HAZ
Hannover

Wie die Bilder sich ähneln. Elendsgestalten in der City, inmitten gutbürgerlicher Passanten. Die Blicke, oft apathisch, geprägt von Sucht. Die Körper, ausgemergelt. Die Kleidung, schwarz vor Schmutz, manchmal von Urin durchtränkt. Aber in den Neunzigerjahren waren es in Hannover nicht Obdachlose und Trinker aus Osteuropa, die in der Innenstadt einen erbärmlichen Anblick boten.Wer in dieser Zeit den Hauptbahnhof durchquerte, wurde mit dem Elend der offenen Drogenszene konfrontiert. Hannover war damals eine Drogenhochburg. 3000 Menschen in der Landeshauptstadt und weitere 2000 Menschen im damaligen Landkreis galten zeitweilig als rauschgiftsüchtig. Mit beklommenen Gefühl stolperte man am Bahnhof an Massen von Süchtigen vorbei: Junkies, stets auf der Jagd nach dem nächsten Schuss. Im Fußgängertunnel an der Fernroder Straße herrschten unzumutbare Zustände. Hunderte Heroinabhängige hausten in unvorstellbarem Dreck. Im Winter zog es Süchtige und Bettler bei eisigen Temperaturen in die Passerelle und in U-Bahn-Stationen der Üstra. Geschäftsleute und Passanten fühlten sich bedroht. Manche hatten Angst allein in die Stadt zu gehen.

Situation am Hauptbahnhof droht zu eskalieren

Es ist mittlerweile Teil der Stadtgeschichte, dass die Verwaltung unter dem damaligen Sozialdezernenten Thomas Walter die Situation in den Griff bekam. Und es lohnt sich, daran zu erinnern wie. Denn heute, fast 20 Jahre später, droht die Situation rund um Hauptbahnhof, Raschplatz und Innenstadt wieder zu eskalieren. Wieder ist es so, dass sich Armut und Elend in ungewohnt heftiger Weise ins gutbürgerliche Stadtbild drängen. Die Treppen hinter dem Bahnhof und am Aufgang zur Lister Meile werden nicht umsonst Trinkertreppen genannt, so viele alkoholkranke Menschen aus Osteuropa versammeln sich dort. Obdachlose sorgen immer häufiger für Aufsehen, weil sie rund um den Bahnhof und in der City mit Einkaufswagen, Matratzen, Stühlen und Müll auf abenteuerliche Weise campieren. Auch unter den Brücken nahe dem Hauptbahnhof sieht man sie immer wieder mit zerlumpten Habseligkeiten liegen.

Dem Gefühl der Verunsicherung der Bürger begegnet die Stadt inzwischen mit Sicherheits- und Ordnungsdiensten. Von den Neunzigern kann man lernen, dass das allein nicht reicht. Es war damals eine Kombination aus Sanktionen und Sozialarbeit, die die offene Drogenszene drastisch reduzierte. Die 1995 gegründete Einsatzorganisation Offene Drogenszene (EOOD) der Polizei beispielsweise verhängte konsequent gegen Dealer Platzverweise, Aufenthaltsverbote und Zwangsgelder und machte Hannover damit in kurzer Zeit für sie unattraktiv.

Hannover war bundesweit mit Modellprojekten führend

Teil des Erfolgs waren aber auch innovative Modellprojekte. Hannover war bundesweit eine der ersten Städte, die die kostenlose Abgabe von Heroin an Abhängige startete. Diese Art von Sozialpolitik, von Hardlinern wie Niedersachsens Innenminister Gerhard Glogowski (SPD) als „Dealen des Staates“ kritisiert, fand Befürworter wie Hannovers damaligen Polizeipräsidenten Hans-Dieter Klosa. Hannover war 1997 zudem bundesweit die dritte Stadt, die mit dem Fixpunkt einen Ort schuf, in dem Süchtige sich unter hygienischen Umständen Drogen spritzen konnten. Diese akzeptierende Drogenhilfe ist heute in der Drogenhilfestation „Stellwerk“ etabliert. 1991 gab es in Hannover 63 Drogentote, die Landeshauptstadt stand damit bundesweit mit an der Spitze. 2017 lag die Zahl der Drogentoten Hannovers nur noch bei zwölf.

Die Ratspolitik knüpft jetzt an diese Tradition an und fordert von der Verwaltung ein neues Konzept für Suchtkranke. Es braucht den Mut von damals, alte Denkschablonen hinter sich zu lassen, um neue Chancen für die City zu eröffnen, zum Beispiel bei der Frage: Wo sollen Trinker und Obdachlose hin? In ihrem Auftrag an die Verwaltung sorgt sich die Mehrheitsfraktion, die „Vertreibung“ der Ärmsten der Armen aus der Innenstadt könne dazu führen, dass das Elend sich stattdessen in Wohngebieten ballt. Aber wohin mit ihnen? Der Trinkraum „Kompass“ war im Winter 2017 zeitweise massiv überfüllt. Die Zahl der schwerst alkoholkranken Osteuropäer steigt. Wohnraum in der Innenstadt fehlt. In den Neunzigern halfen – man glaubt es heute kaum - eine Unterkunft weit draußen in Lahe und ein Shuttlebus für Junkies. Was auf alternative Kreise zynisch wirkte und bei Pragmatikern die Frage aufwarf, ob Süchtige mitmachen würden, funktionierte von Anbeginn an gut. Als die Stadt den Bereich der alten Tivolistraße am heutigen Fernroder Straße zumauerte, um der Verelendung ein Ende zu bereiten, nahmen die Junkies die neue Zuflucht mit dem Titel Out of Rosenheim dankbar an. Mehrmals am Abend konnten sie sich in Shuttlebussen der Johanniter-Unfallhilfe in die neue Notunterkunft fahren lassen. Am nächsten Morgen fuhr der Pendelbus für Heroinsüchtige sie in die Innenstadt zurück. Die 50 Schlafplätze waren von Beginn stets voll belegt. Die Unterkunft, heute U.D.O genannt, hat sich bis heute bewährt.

Fernroder Tunnel am Hauptbahnhof zugemauert

Manchmal hilft es auch, Angebote für Süchtige an einen Ort zu konzentrieren. Das haben die 1996 eingerichtete Unterkunft in Lahe und die 1997 eingerichtete Fixerstube an der Hamburger Allee bewiesen: Befürchtungen der Anwohner, dass die Beschaffungskriminalität durch die Konzentration der Junkies exponentiell in die Höhe schießen würde, bestätigten sich nie. Es könnte sich noch als falsch erweisen, dass das Mehrheitsbündnis eine Notschlafstelle für Drogenabhängige in dem Gebäude vor dem Stellwerk abgelehnt hat. Aus Sicht des Suchthilfebeauftragten Frank Woike hätte hier die Chance bestanden, den Abhängigen, die sich nach den Öffnungszeiten am Stellwerk tummeln, einen Schlafplatz und zugleich Hilfen zur Stabilisierung ihres Lebens zu bieten. Dagegen argumentierte die SPD, es sei nicht zielführend, Drogenabhängige in einer Ecke der Innenstadt zu konzentrieren, das verschärfe Probleme mit der Beschaffungskriminalität. Stand jetzt ist: Die Süchtigen zieht es in die öffentliche Tiefgarage unter dem Fachgerichtszentrum in der Leonhardtstraße, um Heroin oder andere Drogen zu konsumieren.

Genau gegen solche Missstände war die Notschlafstelle gedacht. 

Auch Wohnboxen aus Holz sollen helfen

Das vom Mehrheitsbündnis geforderte „Konzept für Suchtkranke in der Innenstadt“ soll einer weiteren Verelendung entgegenwirken und den Betroffenen helfen, neue Perspektiven zu entwickeln. Es soll die Sicherheits- und Ordnungsdienste ergänzen, mit deren Hilfe die Stadt der wachsenden Trinker- und Obdachlosenszene in Hannover bereits begegnet. Das Konzept soll federführend vom Sozialdezernat entwickelt werden. Andere Dezernate, freie Träger wie die Diakonie oder Step sowie das Land sollen einbezogen werden.

Insgesamt 250 000 Euro stellt das Mehrheitsbündnis im Doppelhaushalt 2019/2020 bereit, damit „schnellstmöglich“ mit der Umsetzung des Konzeptes begonnen werden kann. Beinhalten soll es zum Beispiel ein Hygienecenter mit Toiletten, Duschen und Möglichkeiten zum Kleidungstausch und zur Wäsche. Mithilfe sogenannter Little Homes, kleiner Wohnboxen aus Holz mit Matratze, Regal und Campingtoilette, könnten Obdachlose ein neues Dach über dem Kopf bekommen. Das Mehrheitsbündnis erwartet von dem Konzept aber auch Vorschläge für den Umgang mit Obdachlosen in der City. Dazu gehöre unter anderem eine stadtweite Einigung darüber, wo die Aufenthalte von Suchtkranken künftig geduldet werden und wo nicht.

Das Konzept wird flankiert von einer Fülle weiterer Initiativen zur Bekämpfung von Wohnungslosigkeit und Sucht. So sollen die Öffnungszeiten im Stellwerk auf das Wochenende ausgedehnt werden. Mit 25 000 Euro sollen der Mecki-Laden, mit jeweils 20 000 Euro die Caritas Kältebrücke und der Johanniter Kältebus und mit 35 000 Euro die Caritas Straßenambulanz gefördert werden. 5000 Euro soll es ab 2019 für Fahrkarten für Wohnungslose geben.jr

 

Von Jutta Rinas

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