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Hannover Schul-Theaterstück provoziert türkische Schüler
Nachrichten Hannover Schul-Theaterstück provoziert türkische Schüler
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00:15 22.10.2017
Bedrohliche Szenen: Auf der Bühne setzen Schüler ihre Lehrerin unter Druck. Quelle: Kämmerer
Hannover

"Wer hat die Reifen von meinem Auto aufgeschlitzt?“ Die Stimme von Lehrerin Sonia Kelich (Laetitia Mazzotti) klingt schrill, als sie in vier trotzig-aggressive Gesichter blickt. In der Hand hält sie eine Pistole, die zuvor einem Schüler aus der Tasche gefallen ist. Ab jetzt läuft der Unterricht zu Schillers „Die Räuber“ unter anderen Vorzeichen.

Es gibt harte Szenen im Stück „Verrücktes Blut“, das die Theater-AG am Gymnasium Goetheschule von Freitag an aufführt. Nichts für schwache Nerven. Es knallen Kraftausdrücke und Pistolenschüsse durch den Raum, verbale und körperliche Gewalt scheint in der Schule, um die es in diesem Stück geht, an der Tagesordnung zu sein. Zu sehen sind plakative, mitunter stark überzeichnete Szenen um eine Gruppe sozial in Schieflage geratener Jugendlicher mit Migrantionshintergrund.

Die Thematik ist eine Herausforderung - für alle Beteiligten. Im Vorfeld der Inszenierung habe es durchaus Probleme gegeben, berichtet Holger Warnecke, Lehrer für Darstellendes Spiel und Regisseur des Stücks. Schüler mit zumeist türkischem Migrationshintergrund hätten sich durch das Stück herabgesetzt gefühlt, sagt Schulleiter Michael Schneemann. Mit der Folge, dass die zehn männlichen Schüler vor der ersten richtigen Probe geschlossen aus dem Projekt ausgestiegen seien.

„Ein sehr kurzer Textauszug aus dem Stück und zwei Fotos von der Berliner Uraufführung - auf einem war eine Frau mit einem Kopftuch zu sehen - reichten aus“, sagt Regisseur Warnecke. An der Inszenierung interessierte Schüler seien im Vorfeld von anderen Jugendlichen intensiv mit der Frage konfrontiert worden, wieso sie bei einem Stück mitarbeiten wollten, das „nicht die Realität zeigen“ und „den Koran mit Füßen treten“ würde. Der Pädagoge betont: „Das alles geschah ohne jegliche Kenntnis des gesamten Stücks.“ Sie hätten Zeitprobleme, und es sei eben ein problematisches Thema - so hätten die Schüler begründet, dass sie nicht mehr mitmachen wollten, berichtet Warnecke.

Eine Lehrerin wird gewürgt

Er und Schulleiter Schneemann können diesen Schritt nicht nachvollziehen. „Es gibt bei uns niemanden unter den Schülern, der sich so verhält, wie es auf der Bühne gezeigt wird“, betont Schneemann. Trotzdem hätten sich einige durch das Stück offenbar provoziert gefühlt. Intensive Diskussionen innerhalb der Lehrer- und der Schülerschaft hätten die Probleme schließlich aus der Welt geräumt, versichert der Schulleiter.

Gespielt wird das von Nurkan Erpulat und Jens Hillje geschriebene Stück „Verrücktes Blut“ jetzt ausschließlich von Mädchen. „Wir hatten anfangs ein Problem, weil wir nicht wussten, wie wir weitermachen sollten“, sagt Warnecke. „Die Mädchen hatten allerdings mit dem Stück kein Problem, sie trennen Literatur von Realität.“

Auch diejenigen, die Rollen als pubertierende Jungen übernommen haben, spielen mit intensiver körperlicher Präsenz. Nach fast 250 Stunden Proben wirken der leicht eiernde Gang und die Rappergestik ebenso authentisch wie das raue Grölen und Pöbeln. Lara Diana Derderke etwa spielt den besonders aggressiven Musa mit einer Energie und Präsenz, dass man ihr den Kerl sofort abnimmt.

Musa ist es auch, der in einer Szene die Lehrerin zu Boden wirft, sich auf sie setzt, würgt - und damit eine ebenso fragwürdige Reaktion der Lehrerin hervorruft. Auf solche Szenen folgen Passagen, in denen die Schüler in feinstem Hochdeutsch Schiller zitieren oder besinnliche Volkslieder intonieren.

„Das ist das Tolle an dem Stück, dass alles in Frage gestellt wird. Hier wird gesagt, dass jeder Täter auch mal Opfer gewesen ist, das finde ich wichtig. Entscheidend ist ja die Frage, wie uns das Publikum sieht“, sagt Julia Bernhardt, die die Mariam spielt. Die Antwort darauf wird ab morgen in der Aula der Goetheschule gegeben.

Aufführung

„Verrücktes Blut“: Premiere ist am Freitag um 20 Uhr in der Goetheschule in Limmer, Wunstorfer Straße 14. Weitere Aufführungen am 21., 24., 27. und 28. Oktober sowie am 1. und 3. November, jeweils um 20 Uhr, Einführung um 19.30 Uhr. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 5 Euro. Weitere Aufführungen im November im Alten Magazin.

Von Sonja Steiner

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