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Hannover Sollte Chico die Familie vor dem Vater schützen?
Nachrichten Hannover Sollte Chico die Familie vor dem Vater schützen?
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00:17 10.04.2018
„Es gab einen Hinweis, der eine Begutachtung des Tieres erforderlich gemacht hätte“: Chico fiel im Jahr 2011 schon einmal auf. Quelle: Rainer Droese
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Hannover

 Es war Chico – so viel steht seit Freitagnachmittag fest. Seine Besitzer, eine 52 Jahre alte Frau im Rollstuhl und ihr schwer kranker 27-jähriger Sohn, hatten wohl keine Chance gegen den etwa acht Jahre alten Wach- und Schutzhund. Chico hat sie totgebissen, in ihrer Wohnung. Das Ergebnis der Obduktion der Leichen hat am Freitag die erste Vermutung eines Rechtsmediziners am Unglücksort bestätigt. Doch warum sich der Staffordshire-Terrier-Mischling plötzlich gegen Frauchen und Herrchen wendete, bleibt weiter unklar.

Als wäre die Geschichte nicht schon traurig genug, schält sich mehr und mehr heraus, dass die Anschaffung des Hundes vor etwa sieben Jahren ihren Grund in einem äußerst gewalttätigen Ex-Mann und Vater haben könnte. Einem heute etwa 60 Jahre alten Mann, der die Mutter vor 13 Jahren in den Rollstuhl geprügelt hat. Der Familie war klar, dass der Täter bald aus dem Gefängnis entlassen werden würde – haben Mutter und Sohn den kräftigen Hund also zu ihrem Schutz angeschafft? Fest steht: Das Tier muss von Anfang an aggressiv gewesen sein. Am Freitagabend räumte die Stadt ein, dass der Hund schon 2011 auffällig war – die Behörden aber nicht gehandelt haben. Es habe einen „Hinweis des Amtsgerichts Hannover“ gegeben, „der eine Begutachtung des Tieres erforderlich gemacht hätte“, heißt es in einer Stellungnahme. Das aber sei unterblieben. Eine weitere Tragik, denn nach derzeitiger Einschätzung der Stadt hätte die erforderliche Begutachtung des Hundes ergeben, dass er dem Halter weggenommen worden wäre. Warum die Stadt untätig blieb und welche Konsequenzen das hat, soll nun aufgeklärt werden.

Der hannoversche Teil der Geschichte der Familie aus dem Kosovo beginnt Anfang 2005. Die damals 39-Jährige war mit ihren vier Kindern aus dem Allgäu nach Hannover gekommen. Das hatte gleich zwei Gründe, wie der Totschlagsprozess vor dem Landgericht zutage förderte, an den sich der damalige Vorsitzende Richter am Landgericht, Bernd Rümke, noch heute gut erinnert. Die Mutter war damals mit ihrem Sohn und drei Töchtern vor ihrem Ex-Mann aus dem bayerischen Allgäu nach Hannover geflohen und fand zunächst in einem Frauenhaus Schutz.

Krebsbehandlung in der MHH

Später fand die Mutter dann eine Wohnung in der Berckhusenstraße in Kleefeld – sie wollte in der Nähe der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) wohnen, weil ihr krebskranker Sohn dort behandelt wurde. Bereits 2003 hatte der Junge in der MHH eine neue Lunge erhalten und wurde in der Uni-Klinik weiter behandelt. Er hatte Leukämie und litt wohl noch bis zu seinem Tod in dieser Woche an den Folgen der Krankheit. Nachbarn beschreiben den 27-Jährigen als jemanden mit einer geradezu kindlichen Erscheinung, der kaum in der Lage gewesen sei, seinen kräftigen Schutzhund an der Leine zu führen.

Von der Krebsbehandlung in der MHH wusste auch der damals 47 Jahre alte Vater, der nicht hinnehmen wollte, dass seine Frau ihn verlassen hatte. Monatelang fuhr der Mann auf der Suche nach Frau und Kindern die Straßen rund um die Klinik ab – und entdeckte seine Frau 2005 an einem Maitag vor einem Lidl-Markt. Laut Zeugen unterhielten sich beide zunächst unauffällig, doch plötzlich zog der 47-Jährige ein Beil und traktierte damit den Kopf der Frau. Knochensplitter drangen in ihr Hirn ein – sie erlitt so schwere Verletzungen, dass sie seitdem schwerbehindert im Rollstuhl saß.

Vor Gericht konnte die Frau selbst nicht aussagen, für sie sprach ein Psychologe der MHH, der die Familie seit der Krebsbehandlung des Sohnes betreute. Er erklärte vor Gericht, nach den Schilderungen der Frau habe der Mann sie und die Kinder jahrelang misshandelt und gedemütigt. Für den Fall, dass sie ihn verlasse würde, habe er auch mit Selbstmord und Mord gedroht.

Waren es diese Drohungen, die Mutter und Sohn zu dem Entschluss kommen ließen, zum Schutz vor dem Ex-Mann Chico anzuschaffen? Der Albaner wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt, kam aber 2012 vorzeitig frei – kurz zuvor schaffte die Familie Chico an. Wo sich der Mann heute aufhält, ist unklar. Es gibt Hinweise darauf, dass er nach der Haft vom Landkreis Ostallgäu in den Kosovo abgeschoben wurde.

Der Hund befindet sich seit dem tödlichen Angriff im Tierheim. „Ihm geht es gut“, sagt Geschäftsführer Heiko Schwarzfeld. „Er verhält sich unauffällig.“ Der Hund habe traumatische Erlebnisse zu verarbeiten: „Das Einfangen mit einer Stange, der Transport durch die Feuerwehr und die neue Umgebung – das ist aufwühlend." In den kommenden Tagen wird Chico eingeschläfert.

Von Karl Doeleke und Manuel Behrens

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