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Hannover „Ich habe mich nie wie ein Mädchen gefühlt“
Nachrichten Hannover „Ich habe mich nie wie ein Mädchen gefühlt“
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00:15 09.11.2018
Yascha Hieronimus. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

Ein paar Fotos von früher hat er noch. Fotos, die Yascha Hieronimus, als Mädchen zeigen. Da ist zum Beispiel dieses Bild von der Einschulung 1996, fotografiert auf diesem unscheinbaren, grauen Schotterweg in Celle. Ein Erstklässlerkind mit scheuem Lächeln und Kurzhaarschnitt blickt einem da entgegen. Eines, das vom Aussehen her kaum weiter weg sein könnte, von den Mädchen mit den feinen bunten Kleidchen, die man noch heute so oft bei solchen Anlässen sieht. Der sechsjährige Yascha Hieronimus dagegen versinkt förmlich in seinem blauen T-Shirt und der knielangen Hose. Statt schicker Ballerinas stecken Turnschuhe an seinen Füßen. Er habe in seinem Leben vielleicht einmal ein Kleid getragen und seine Mutter schon als kleiner Junge gebeten, die Schleifchen an der Unterhose abzuschneiden, weil ihm das zu weiblich war, erzählt der heute 28-Jährige in seiner Wohnung in Linden.

Yascha Hieronimus ist ein „Trans-Mann“. So nennt er sich selbst. Er ist einer, der im falschen Körper geboren wurde und irgendwann mit Hilfe von Hormonen und Operationen eine „Anpassung“ vornahm, um so zu leben, wie er sich schon lange fühlte: als Mann. Er habe immer gespürt, dass er anders sei, erzählt er. Aber es habe gedauert, bis er verstanden habe, was das bedeutet: „Ich konnte lange nicht einmal in Worte fassen, was mit mir los war. Ich hätte jemanden gebraucht, der mir sagt, was es für Menschen wie mich für Alternativen gibt.“ Yascha Hieronimus will, dass es anderen Jugendlichen in Hannover besser ergeht. Deshalb hat er mit dem hannoverschen Verein „Andersraum“, der sich für Lesben, Schwule, Bi-, Inter- und Transsexuelle engagiert, ein Konzept für ein queeres Jugendzentrum in Hannover entwickelt. „Queer“ (englisch für seltsam, eigenartig) ist ein Begriff für Menschen mit einer von der Mehrheitsgesellschaft abweichenden, sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität. Die Chancen, dass das queere Jugendzentrum in Hannover tatsächlich kommt, stehen gut. In seinem Antragspaket für den städtischen Doppelhaushalt 2019/20 hat das Ampelbündnis 50 000 Euro dafür bewilligt. Bemerkenswert ist: Die Pläne für ein queeres Jugendzentrum finden auch die Unterstützung der CDU. Es wäre das erste seiner Art ganz in Niedersachsen.

Der heute so offen über sich sprechende Mann mit dem Vollbart und den buschigen, roten Augenbrauen hätte früh Hilfe gebraucht. Schon in der Grundschule fühlt er sich bei den Mädchen fehl am Platz. Der eigene Körper, Diät, Jungs, Make-up, er kann sich mit ihren Gesprächsthemen nicht identifizierten, spielt lieber mit den Jungs Fußball, gibt sich so konsequent burschikos, dass die Klassenkameraden ihn einmal in einer Pause auf dem Schulhof auffordern, sich endlich mal zu entscheiden, ob er zu den Jungen oder zu den Mädchen gehört. In der Pubertät rutscht er immer tiefer in eine Krise, betäubt sich mit Alkohol, ritzt sich die Haut, so tief, dass er im Krankenhaus genäht werden muss. Irgendwann entdeckt er im Internet den Flirt-Chatroom Knudddels und gibt sich als Junge aus. Es ist der Moment, in dem er zum ersten Mal merkt: Das ist es. Plötzlich passen Inneres und Äußeres zusammen. Hieronimus belässt es nicht bei den Chats, er trifft sich sogar mit Mädchen, bindet sich mit Verbänden den Busen ab, damit niemand merkt, dass der vermeintliche Junge im falschen Körper steckt. Niemand habe Verdacht geschöpft, nicht die Mädchen, nicht ihre Eltern, erzählt er. Wie erklärt er sich das? „Ich sah als Jugendlicher immer noch so jungenhaft aus wie auf dem Einschulungsfoto“, sagt er: „Dass ich kein Mädchen bin, hat man, wenn überhaupt, dann an der Stimme gemerkt.“

Als er sich das erste Mal in ein Mädchen verliebt und ihre Liebesbriefe auch im elterlichen Postkasten landen, fliegt die Sache auf. Er fasst sich ein Herz, schickt einen Freund vor, der mit seinen Eltern redet. Beide sind zwar erschrocken, aber zugleich nicht wirklich überrascht. Auch sie haben schon viel früher gemerkt, dass ihr Sohn anders ist und wollen ihn so akzeptieren. „Wir haben dann ganz viele Trans-Filme geguckt, die alle sehr gruselig waren. Immer war jemand verzweifelt oder hat sich sogar umgebracht“, erinnert Hieronimus sich. Danach hätten die Eltern und er das Thema beiseite gelegt: „Wir haben jahrelang nicht darüber gesprochen.“

Erst mit 21 Jahren – nach dem Umzug nach Hannover – entschließt der gelernte Gesundheits- und Krankenpfleger sich endlich, seinen Körper seiner Seele anzupassen. Seine heutige Frau hat er da schon kennengelernt, auch sie akzeptiert ihn von Anfang an wie er ist: „Ich liebe den Menschen und nicht das Geschlecht“, sagt sie ihm. Warum unterzieht er sich, obwohl er auch so schon so viel Zuspruch in seiner Umgebung erfährt, dennoch der schweren Prozedur einer Geschlechtsanpassung? „Der Geist, der Wille, lässt sich nicht verändern. Man muss es mit dem Körper tun“, sagt Hieronimus schlicht. Ein Jahr Therapie macht er, muss sich währenddessen überall outen: bei Freunden, bei Verwandten, im Beruf. Immer wieder macht er die Erfahrung: Wenn man zu sich steht, reagieren die Menschen positiv. Dann bekommt er Hormone, die für Bartwuchs, Stimmbruch, eine andere Körperbehaarung sorgen. Wie fühlt es sich an, wenn der Körper sich endlich verändert? Es ist das einzige Mal, dass Yascha Hieronimus an diesem Tag seine Hände zum Sprechen zu Hilfe nimmt. Seine Stimme wirkt plötzlich viel weicher, er lacht, während er spricht: Es sei schrecklich gewesen, als ihm als Mädchen ein Busen gewachsen sei, als er seine Tage bekommen habe: Das jetzt sei endlich die richtige Pubertät gewesen.

Hieronimus lässt sich die Brust abnehmen, Gebärmutter und Eierstöcke entfernen. Er ändert seinen Vornamen, seinen Personenstand im Pass. Die Konstruktion eines Penis, die mit mehreren „heftigen“ Operationen verbunden sei, scheut er bis heute. Es ist ihm wichtig zu betonen, dass er das Risiko dieser Eingriffe nicht habe eingehen wollen, nur weil die Gesellschaft Männer so oft ausschließlich über das männliche Geschlechtsorgan definiert: “Ich kann auch so ein Mann sein“, sagt Hieronimus, „und eine erfüllte Sexualität leben“. Warum engagiert er sich in Hannover jetzt für andere „Trans-Gender“-Menschen, will ein queeres Jugendzentrum errichten? Durch die sozialen Medien könnten sich Jugendliche heute zwar besser informieren, sagt der Mann, der mittlerweile selbst Sozialarbeit studiert. „Aber das Internet kann den Kontakt mit anderen Menschen nicht ersetzen. An einem eigens dafür geschaffenen Ort mit jungen Leuten zu reden, die mir ähnlich sind, hätte mir einiges erspart.“

Von Jutta Rinas

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