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Hannover Warum wollen Üstra-Mitarbeiter für ihren Ex-Vorstand streiken?
Nachrichten Hannover Warum wollen Üstra-Mitarbeiter für ihren Ex-Vorstand streiken?
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00:16 29.01.2018
Lindenberg tritt noch immer gern mit seiner historischen Üstra-Uniform auf, wie hier beim Schützenausmarsch im vergangenen Jahr. Quelle: Michael Wallmüller
Hannover

 „Er kann einfach gut mit den Leuten reden“, berichtet einer, der ihn öfter erlebt hat. „Er spricht ihre Sprache, er hört zu.“ Und er geht auf seine Gesprächspartner ein. Wer mit Wilhelm Lindenberg spricht, fühlt sich ernst genommen. Er sieht seinem gegenüber in die Augen oder beugt sich nah heran, wenn die Umgebung laut ist. Er nickt, wenn er zuhört und sein Gesicht nimmt die Stimmung seines Gesprächspartners auf: Fröhlich, wenn es um Heiteres geht und sachlich, wenn die Angelegenheiten ernst sind. 

17 Jahre lang war Lindenberg Arbeitsdirektor und Vorstand und damit für das Personal bei der Üstra zuständig, im Jahr 2006 kam auch noch der Bereich Betrieb hinzu. Bis er im vergangenen Dezember gemeinsam mit Vorstandschef André Neiß vom Aufsichtsrat wegen gravierender Verstöße bei Auftragsvergaben der Üstra freigestellt wurde. Ein System aus Filz und Mauscheleien herrschte lange Zeit beim größten Verkehrsunternehmen Niedersachsens, wenn es darum ging Aufträge zu vergeben. Zumindest teilweise mit Wissen und Billigung des Vorstands. Und Lindenberg steckte da offenbar allzu oft mittendrin. Beispielsweise stellt das Gutachten von zwei Vergaberechtsjuristen fest, dass Lindenberg direkt an der Auftragsvergabe für die sogenannte Rockkampagne beteiligt gewesen war. Eine Ausschreibung für den 260.000-Euro-Auftrag hat es nicht gegeben. Außerdem ist die Üstra-Projektleiterin für die Kampagne die Ehefrau des Inhabers der Beauftragten Werbeagentur. Zudem war sie bei der Agentur als Partnerin eingetragen. 

Eigentlich hätten jetzt in der Üstra-Verwaltung die Alarmglocken läuten müssen. Ein großer Auftrag ohne Ausschreibung, eine Projektleiterin, die direkt an den inhaltlichen und finanziellen Verhandlungen mit der Agentur ihres Mannes, die der Ehefrau dazu noch mitgehörte, beteiligt ist. Aber es passiert nichts. Alle, die davon wussten, schweigen. 

Wie schon so oft. Schon seit Jahren läuft es anders mit den Auftragsvergaben bei der Üstra, als die Gesetze und die unternehmensinternen Regeln es vorsehen. Und mittendrin: Wilhelm Lindenberg. Der Mann bei der Üstra, der vieles regelt, manches auch ganz unkompliziert. „Der Willi“, wie er von vielen genannt wird. Und vielen ist er seit Jahren verbunden. 

„Der Willi“ kommt 1975 als 23-Jähriger ins Unternehmen. Er hatte bei einer anderen Firma eine Ausbildung zum Fernmeldemonteur gemacht und startet bei der Üstra im Bereich der Nachrichtentechnik. Neben seiner Arbeit engagiert er sich im Betriebsrat, 1992 wird er dann freigestelltes Betriebsratsmitglied, 1998 Betriebsratschef. Nach drei Jahren auf diesem Posten wechselt er an die Unternehmensspitze. 

Egal, was er bei der Üstra gerade macht, zu „Willi“ kann jeder mit seinen Sorgen und Nöten kommen, berichtet einer, der ihn seit vielen Jahren kennt. Zahlreiche der derzeit rund 2000 Üstra-Mitarbeiter kennt Lindenberg persönlich, er ist mit ihnen per du. Und vielen ist er auch ganz eng verbunden, heißt es aus dem Betrieb. „Das lief nach dem Motto eine Hand wäscht die andere“, beschreibt es ein Mitarbeiter aus der Unternehmenszentrale. „Willi hat vielen Leuten großherzig geholfen, ihre Karrieren gefördert, und hat sie dadurch auch für sich in die Pflicht genommen“, sagt er. 

Verband erhält Üstra-Gutachten nicht

Der Bund der Steuerzahler erhält keinen Zugriff auf das Rechtsanwaltsgutachten zur Vergabeaffäre bei der Üstra. Wie der Üstra-Aufsichtsratsvorsitzende, Verkehrsdezernent Ulf Birger Franz, am Freitag dem Verband mitteilte, könnten Unterlagen aus dem Aufsichtsrat nicht öffentlich zur Verfügung gestellt werden. Er könne versichern, dass er zusammen mit dem Aufsichtsrat und dem neuen Vorstand die Aufklärung vorantreibe, schreibt Franz in einem Brief an den Vorsitzenden des Steuerzahlerbundes, Bernhard Zentgraf. Ein Beitrag dazu sei ein System, das auch anonyme Hinweise an die Üstra ermögliche. Zentgraf hatte darum gebeten, das Gutachten zu erhalten, weil die Üstra mit öffentlichen Zuschüssen unterstützt wird.  Die HAZ hatte in den vergangenen Tagen wiederholt über Inhalte des Gutachtens berichtet. 

Entstanden sei dadurch bei der Üstra eine Art patriarchalisches System. „Er war der gute Onkel, der hilft.“ Das hätten viele als schön empfunden, habe sie aber andererseits auch entmündigt. Und Lindenberg habe die Leute durch seine Unterstützung eng an sich gebunden: Letztes Beispiel: Nach seiner fristlosen Freistellung vom Vorstandsposten setzten sich die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat mit einer Streikdrohung erfolgreich dafür ein, dass Lindenberg bis zum Jahresende sein Grundgehalt in Höhe von 200.000 Euro weiter erhält. „Das System Willi“, nennt das der Üstra-Mitarbeiter.

Im Aufsichtsrat fragen sich jetzt einige, wie tief das „System Will“ bei der Üstra verwurzelt ist. Denn Lindenberg hatte auch die Karrieren von Denise Hain und Christian Bickel unterstützt. Die bisherige Betriebsratschefin Hain ist jetzt Nachfolgerin von Lindenberg im Vorstand, Bickel ist nun Betriebsratschef und stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats. 

Von Mathias Klein

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