Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Hannover So leidet ein hannoverscher Unternehmer unter dem Brexit
Nachrichten Hannover So leidet ein hannoverscher Unternehmer unter dem Brexit
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 30.03.2019
Detlef Wotschke vertreibt die Geh- und Sitzhilfe Flipstick. Das war schon mal einfacher als derzeit. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

Detlef Wotschke, gemeinsam mit seiner Frau Sabine Inhaber des Online-Sanitätshauses Activera, bekommt derzeit durchschnittlich einmal pro Woche eine Mail von seinem Londoner Steuerbüro. Es geht dann um neue steuerliche Details oder Wendungen, die durch den angekündigten Austritt der Briten aus der Europäischen Union zu berücksichtigen sind. „Die wissen nicht, was sie tun“, sagt Wotschke und meint damit nicht das Steuerbüro, sondern Regierung und Parlament in Großbritannien.

Bis Ende der 90er Jahre war Wotschke Garten- und Landschaftbauunternehmer. Nach einem schweren Arbeitsunfall musste er das aufgeben, er ist heute noch halbseitig gelähmt. „Ich bin dann auf die Suche gegangen nach Hilfsmitteln, die mir im Alltag mehr Eigenständigkeit verschaffen“, berichtet er. Daraus entstand ein Geschäftsmodell. Activera mit Sitz in Algermissen im Kreis Hildesheim und Niederlassung am Weidetorkreisel in Hannover vertreibt und vermittelt mit acht Mitarbeitern weltweit Produkte wie elektronische Assistenzsysteme, Aufsteh-, Greif-, Anzieh- und Sitzhilfen. „Wir wollen uns mit unserem Angebot abheben von normalen Sanitätshäusern“, sagt Wotschke.

Der erfolgreichste Artikel stammt aus England

Der erfolgreichste Artikel im Sortiment ist der Flipstick, zunächst ein leichter Spazierstock. Er lässt sich per Gummizug in der Stütze aus Leichtmetall auf- und wieder passgenau für die Zubehörtasche zusammenklappen. Auch das dreieckige Griffteil ist klappbar, so dass der Flipstick zur Sitzhilfe etwa bei Gartenpartys, Konzerten, auf Jagd oder beim Pferderennen verwendet werden kann. Alles Lieblingsbeschäftigungen der Engländer, übrigens. „Mit dem Flipstick machen wir 20 Prozent unseres Umsatzes“, sagt Wotschke.

Unfreiwillige Gastrolle in einer speziellen Muppet-Show

Den Flipstick gibt es in neun Varianten und neun Farben – den Brexit gefühlt auch. Quelle: Katrin Kutter

Entdeckt hat der 53-jährige Activera-Chef den Wunderstock in Südengland, wo der Erfinder das Patent auf ihn angemeldet hat und wo er ausschließlich produziert wird. Mehr als ein Jahrzehnt war das kein Problem, bis die Briten 2016 in einem Referendum für den Brexit stimmten. Das, was Regierung und Parlament danach aufführten und noch darbieten, nennt Wotschke gerne Muppet-Show, allerdings eine, an der nur schwarzhumorig gestimmte Zeitgenossen etwas zum lachen finden: „Zunächst ist lange gar nichts passiert, und jetzt weiß keiner genau, was passieren muss“, sagt Wotschke.

Activera ist von der Hängepartie um den Brexit gleich doppelt betroffen, weil die Firma auch auf die Insel exportiert. „Niemand weiß, wie sich Warenflüsse verlangsamen werden oder möglicherweise ganz zum Erliegen kommen“, erklärt er. Praktische Beispiele: Für Zollkontrollen, die bei einem Austritt der Briten fällig wären, sind weder die Hafenanlagen mit ihren Kapazitäten an der Küste noch die Behörden ausreichend gerüstet. Britische Speditionen haben oft keine EU-Lizenz, weil sie bisher als Mitglied keine brauchten. Wie Papierkram wie Produktlizenzen oder Zollformalitäten zu regeln sind, weiß auch keiner genau. An die Post aus der Steuerkanzlei hat sich der Unternehmer ja schon gewöhnt. Der Brexit frisst jetzt schon Zeit und Nerven sowie etwa ein Fünftel von Wotschkes täglicher Arbeitszeit. „Wir müssen zwei neue Mitarbeiter dafür einstellen“, sagt er.

Der Brexit beschäftigt Detlef Wotschke jeden Tag aufs Neue. Quelle: Katrin Kutter

Lagerhaltung als teure Lösung

Um all dem zu entgehen, hat Activera in England Exportartikel eingelagert und in Deutschland Importwaren wie den Flipstick. Da hat er einerseits Glück, dass es sich nicht um sperrige Güter handelt und das er schneller war als andere: „Mittlerweile sind in England die Lagerkapazitäten erschöpft, und wenn neue entstehen, werden gepfefferte Preise aufgerufen“.

Das sowie mögliche Zollgebühren dürften den Preis für den Flipstick erhöhen, der aktuell je nach Variante zwischen 40 und 65 Euro kostet. Überhaupt: „Unternehmen wie wir müssen derzeit unkalkulierbare Risiken für alle drei Szenarien eingehen, für harten Brexit, für geregelten Brexit und für Verschiebung“, sagt Wotschke. Er wünscht sich derzeit nichts sehnlicher als ein Ende dieser speziellen Muppet-Show.

Von Bernd Haase

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Schmerzmittel, Impfstoffe und Blutdrucksenker: Viele Patienten müssen entweder umsteigen oder lange Wartezeiten für ihr Medikament in Kauf nehmen.

30.03.2019

Als Studenten- und Raucherkneipe war das Café Tabac weit über die Grenzen der List hinaus bekannt. Nach 41 Jahren ist nun aber Schluss für die Institution in der hannoverschen Gastroszene.

30.03.2019

Eigentlich sollte es nur ums Anfeuern gehen. Dass für die Studenten der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) in der List ein großes Kunstprojekt zum Marathon wurde, hat auch mit Zufällen zu tun. Jetzt werden 1000 Paar alte Sportschuhe gesucht.

27.03.2019