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Hannover Wie ein Historiker Hannovers homosexuelle Geschichte erforscht
Nachrichten Hannover Wie ein Historiker Hannovers homosexuelle Geschichte erforscht
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00:19 17.04.2018
Rainer Hoffschildt leitet das Schwullesbische Archiv Hannover. Quelle: Foto: Heidrich
Hannover

 Vom Ballhofplatz bis zu Hannovers ältester noch existierender Gaststätte für Homosexuelle ist es nur ein Katzensprung. Jedenfalls, wenn man weiß, wo die Burgklause ist. Rainer Hoffschildt, Leiter des Schwullesbischen Archivs Hannover, weiß es. Und nicht nur das. Von den „beiden Hilden“ weiß er auf einem Stadtspaziergang mit der HAZ zu berichten, den lesbischen Frauen, die die Burgklause von 1966 bis 1990 führten.

Von den vielen Künstlern und Theaterleuten, die dort ein und aus gingen, darunter Dramaturg und Schauspielregisseur Karl-Heinz Streibing, der an einem Abend im Jahr 1969 überraschend eine Flasche Sekt springen ließ. Ein paar Tage später fand man ihn vergiftet in seiner Wohnung. Der Sekt war ein stiller Abschiedsgruß. Streibing, ein Freund von James von Berlepsch aus dem Neuen Theater, war Anfang der Sechzigerjahre wegen des sogenannten Schwulenparagrafen verhaftet und in zweiter Instanz freigesprochen worden. Große Häuser ließen ihn dennoch nicht mehr für sich arbeiten, Streibing zerbrach daran.

Artikel, Fotos, Kontaktanzeigen

Kennt Rainer Hoffschildt andere, berühmte Künstler, die in der Burgklause verkehrten? „Ich befasse mich nicht mit berühmten Leuten, sondern mit Homosexuellen“, sagt der Geschichtsforscher, lacht – und ist wenige Schritte später beim nächsten Homosexuellentreffpunkt früherer Zeiten. An der Stelle, wo jetzt das Ballhoftheater auf dem Ballhofplatz steht, befand sich die erste Schwulenkneipe Hannovers der Zwanzigerjahre: das National-Theater-Restaurant.

Hoffschildt blättert das Leben dort um 1919, in Zeiten der Liberalisierung homosexuellen Lebens, auf. Fotokopien von Kontaktanzeigen von hannoverschen Homosexuellen hat er mitgebracht: Nach „bitterer Erfahrung“ sucht da ein „einsamer Künstlersohn“ einen „Musik und Natur liebenden Freund von gutem Äußeren“. Ein Staatsbeamter möchte mit einem 20- bis 40-jährigen Herrn eine „aufregende Freundschaft“ schließen. Manche jener Kontakt suchenden Herren haben sich vielleicht später in jenem National-Theater-Restaurant getroffen, dessen Flair Hoffschildt da vor dem inneren Auge seines Gegenübers wieder aufleben lässt. Von einer „Großen Weihnachtsfeier mit Dämmerstunde und Jungfernklatsch“ kündet ein Plakat in einer Mappe, die der Archivar extra mitgebracht hat. Sie entpuppt sich als lokalhistorische Schatzgrube, eine Sammlung alter Zeitungsausschnitte, Fotografien, Stadtplanskizzen, die immer neue Perspektiven auf altbekannte Plätze bietet. Stimmungssänger und Damenimitator Friedrich Schwarz, genannt Friedel, zum Beispiel tritt im National-Theater-Restaurant auf, ein Mann mit dunklen Augen und melancholischem Blick. Hoffschildt hat auch von ihm ein Foto dabei. Gefunden hat er es im Niedersächsischen Hauptstaatsarchiv.

„Ich bin ein Feigling“

Warum sammelt Rainer Hoffschildt Dokumente schwulen Lebens? Im Schwullesbischen Archiv in seiner Wohnung auf der Lister Meile lagern 13 000 Zeitschriften, 5000 Bücher und 400 Ordner mit „Krimskrams“ zu Homosexualität. Seit 1980 habe er diesen „Sammeltick“, sagt der Geschichtsforscher. Warum? „Weil ich ein Feigling bin.“ Er habe ein spätes Coming-out gehabt, sagt er, 1978 erst, und sich, statt offen zu reden, zunächst lieber im stillen Kämmerlein informiert. An dieser Stelle schaltet sich Hoffschildts früherer Lebensgefährte Bernd Schwabe ein. Er begleitet den Freund. Unfähig sei Hoffschildt lange gewesen, über sein Schwulsein zu reden, erzählt Schwabe. Nichts gesagt habe er, selbst in einer Gruppe für homosexuelle Männer nicht, in die ein Bekannter ihn schließlich mitgenommen hatte, und stattdessen begonnen Unterlagen zu sammeln. „Stimmt“, sagt Rainer Hoffschildt schlicht.

1948 geboren, habe er eben auch Zeiten erlebt, in denen man für seine sexuelle Neigung noch ins Gefängnis ging.Karl Heinrich Ulrichs, ein homosexueller Jurist, der mit Unterbrechungen 30 Jahre in Burgdorf lebte, musste nicht in Haft. Das niedersächsische Justizministerium erteilte ihm wegen seiner offenen Haltung zur Homosexualität aber Berufsverbot. Zwölf Bücher zu Homosexualität schrieb Ulrichs, der von 1825 bis 1895 lebte, und den Hoffschildt aufgrund der vielen Publikationen „den ersten Schwulenbewegten der Welt“ nennt. Neue Worte wie „Urning“ für den homosexuellen Mann erfand Ulrichs, weil ihm die alten zu negativ gefärbt waren. Geschichtsforscher Hoffschildt erinnert an ihn in der Calenberger Straße, Ecke Archivstraße: In der Nähe befand sich das Justizministerium, das Ulrichs so hart bestrafte.

Ulrichs ist an diesem Tag nicht der einzige Homosexuelle, von dem Hoffschildt erzählt, und der für seine Homosexualität bezahlte. Ein Stadtspaziergang auf den Spuren schwulen hannöverschen Lebens ist auch eine Art Trauermarsch. Das Leben Friedel Schwarz’ aus dem National-Theater-Restaurant endet nach einer Verurteilung 1941 zu einer Zuchthausstrafe wegen des „verbrecherischen Hangs zur Homosexualität“ 1943 im KZ Neuengamme, weiß der Archivar zu erzählen. Oder Karlchen Wrampe, ein im Dritten Reich im Emslandlager Esterwegen inhaftierter Homosexueller. Er kommt nach Kriegsende frei und setzt sich in Hannover so entschieden für die Sache der Homosexuellen ein, dass die Stadt sich zeitweilig zum wichtigsten Treffpunkt in Norddeutschland entwickelt. Hoffschildt erzählt von Wrampe, während er vor dem heutigen Büro des Landtagspräsidenten im Leineschloss steht. Darunter, im Keller, sei die Schlossklause gewesen, die erste hannoversche Schwulenkneipe der Nachkriegszeit. Das habe er auch Landtagspräsident Rolf Wernstedt bei einem Treffen in dessen Büro erzählt. Wie reagierte Wernstedt? Hoffschildt weiß es nicht mehr genau. Er habe wohl nichts gesagt, nur freundlich gelächelt. Macht nichts. Es reicht, wenn Rainer Hoffschildt weiter redet, sammelt, forscht. Dann muss einem um die Bewahrung der Geschichte der Homosexuellen in Hannover nicht bange sein.

Von Jutta Rinas

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