Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Hannover „Der Missbrauch wird mich für immer prägen“
Nachrichten Hannover „Der Missbrauch wird mich für immer prägen“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:35 26.04.2018
Ein Missbrauchsopfer berichtet Jahre nach den Vorfällen von den schrecklichen Erlebnissen. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

 Die Angst und der Wille zu kämpfen, zu überleben, liegen ganz nah beieinander. Leute, die andere missbrauchen, haben jetzt einen Gegner mehr, sagt Nora Krüger* und ihre Stimme klingt fest entschlossen. Krüger bezieht sich auf den homosexuellen Fußballspieler Thomas Hitzlsperger und dessen zentralen Satz bei seinem Outing: „Homophobe Leute haben jetzt einen Gegner mehr.“ Es ist überdeutlich: So mutig will auch sie sein, auch sie – ein Vergewaltigungsopfer – will mit ihrer Leidensgeschichte anderen helfen. Aber da gibt es auch Nora Krügers andere Seite. Es ist eine halbe Stunde her, da hat die 42-jährige Frau in einem hannoverschen Café eine Panikattacke erlitten. 

Kurz zuvor hat sie ihre Geschichte erzählt, bruchstückhaft, gepeinigt von Gedächtnislücken. Jetzt steht sie hilflos vor den Treppenstufen, die ins Erdgeschoss führen. Nur mit einer helfenden Hand wagt sie sich herunter. Zitternd am ganzen Körper. 

Verteidigung des Täters

Nora Krüger ist ein Beispiel dafür, wie schwer Menschen sexuellen Missbrauch verwinden. Mehr als 25 Jahre ist ihre Vergewaltigung her. Doch der Wunsch, gegen den Täter einzutreten, bestimmt immer noch ihr Leben. Bei der HAZ meldet sie sich, weil der hannoversche Sexualwissenschaftler Helmut Kentler in ihrer Geschichte eine Rolle spielt. Der 2008 verstorbene Sozialpädagogikprofessor hatte – wie in Hannover erst unlängst bekannt wurde – Ende der Sechzigerjahre in Berlin Jungen als Pflegekinder an Pädophile vermittelt. Die Leibniz-Universität leitete eine Untersuchung zu seinem Wirken in Hannover ein. Kentler tritt in den Neunzigerjahren auch als Gerichtsgutachter auf – und vertritt Krügers Vergewaltiger 1994 in einem Prozess in Münster. Der 37-jährige Sozialpädagoge Christoph K. ist wegen des schweren Missbrauchs Schutzbefohlener angeklagt. Kentler, der damals in Hannover lehrt, schreibt für die Verteidigung ein Gutachten über die Hauptbelastungszeugin.

Helmut Kentler als Professor in Berlin im Jahr 1971. Quelle: Ingo Barth/ullstein Bild

K.s Fall erregt Aufsehen, weil der Angeklagte von Berufs wegen Kinderschützer ist. Er leitet die münstersche „Ausreißerhilfe“, einen Notruf für Trebegänger, der viele Jahre ausgerechnet beim Deutschen Kinderschutzbund angesiedelt ist. Die „Ausreißerhilfe“ ist unter Experten hoch geschätzt. K. wird sogar mit einem Preis für Kinderschutz geehrt. Wer in alten Zeitungen gräbt, stößt auf ein Foto, das ihn mit Bundespräsident Richard von Weizsäcker zeigt. Tatsächlich aber vergreift sich der Mann über viele Jahre an Jungen und Mädchen. Auch Nora Krüger wird, nachdem sie 16-jährig die „Nummer gegen Kummer“ vom Kinder- und Jugendtelefon wählt und dort die Ausreißerhilfe empfohlen bekommen hat, sein Opfer. Kaum hörbar erzählt sie, was in K.s Wohnung statt eines Beratungsgespräches geschieht. Dass er sie erst freundlich umarmt und dann vier Stunden nicht aus der Wohnung lässt. Er stellt einen Porno mit ihr nach, zwingt ihr die Beine auseinander, missbraucht sie, auch oral. „Du bist freiwillig hergekommen, niemand wird dir glauben“, sagt er hinterher zu ihr. Das bringt sie lange zum Schweigen.

Jahrelanger Missbrauch

Das Christoph K. viele Jahre unentdeckt bleibt, ist umso erstaunlicher, weil es früh Hinweise auf seine sexuellen Neigungen gibt. Das ist mittlerweile unter anderem durch ein vom Deutschen Kinderschutzbund initiiertes Aufarbeitungsprojekt des Göttinger Instituts für Demokratieforschung belegt. Schon 1983 räumt er im Streit mit Kollegen ein, sexuelle Kontakte seien Bestandteil seines Konzeptes. Kritikern wirft er „Verklemmtheit, Rückschrittlichkeit“ vor. Es kommt zum Eklat, doch am Ende geht nicht K., der seine Position relativiert, sondern kritische Vorstandsmitglieder. K. ist ein Paradebeispiel dafür, wie es Tätern gelingt, ihre Umwelt zu täuschen. Eine Kollegin aus der Arbeit mit Missbrauchsopfern weiß heute noch, dass K. ausgerechnet die Bedeutung ihres Bereichs betont. Später, in einer wissenschaftlichen Begleituntersuchung der Ausreißerhilfe, werden Verdachtsmomente erwähnt – ohne Konsequenz. Sogar Sätze wie „Pass auf, welche Jungen du zu K. schickst. Große Athleten ist okay, aber schick keine zarten Jungen“ kursieren nach Recherchen des münsterschen „Stadtblattes“ in der Jugendhilfeszene, bevor es 1994 zum Prozess gegen ihn kommt.

Es ist die Hybris eines Mannes, der glaubt, nie entlarvt zu werden, die ihm zum Verhängnis wird. K. tritt sogar in Frank Elstners ZDF-Sendung „Nase vorn“ auf. Dort sieht ihn die spätere Hauptzeugin der Anklage im Prozess in Münster. Zwölf Jahre alt ist das Mädchen, als K. sie kennenlernt. Sechs Jahre lang missbraucht er die junge Frau, hat zweimal pro Woche mit ihr Geschlechtsverkehr. Erst als sie miterlebt, wie er sich vor einem Millionenpublikum als gefeierter Kinderschützer präsentiert, zeigt sie ihn an. Aber die Ermittlungen ziehen sich in die Länge. Der Grund: Die Opfer sind Ausreißerkinder, oft aus dem Strichermilieu, mit psychischen oder Drogenproblemen. Es ist schwierig, auf ihre Aussagen eine Anklage zu stützen. Hier kommt der hannoversche Sexualwissenschaftler Helmut Kentler ins Spiel. Es gehört zu den perfidesten Wendungen dieser Geschichte, dass auch Kentler sich in seinem Prozessgutachten ausgerechnet gegen eine Ausreißerin wendet. Dabei ist Kentlers Arbeit zeitlebens von der Auseinandersetzung mit Ausreißerkindern geprägt. Er setzt sich nicht nur bei Behörden für sie ein. Er nimmt selbst einige als Pflegesöhne auf. Im Zweifel aber scheinen ihm Männer, die Ausreißerkinder missbrauchen, mehr am Herzen zu liegen. 

Als einer der Pädophilen, an die er Ende der Sechzigerjahre Ausreißer als Pflegekinder vermittelt hat, Jahre später ins Visier der Behörden gerät, lobt er dessen Talent für die Arbeit mit Kindern ausdrücklich. Tatsächlich findet, wie das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ jetzt aufdeckte, schwerer sexueller Missbrauch statt.

Auch im münsterschen Prozess zeigt sich dieses Muster. Wieder stehen Ausreißerkinder gegen einen potenziellen Täter. Sie hätten selbst zugegeben, es mit der Wahrheit nicht immer so genau zu nehmen, lautet die Strategie der Verteidigung. Auch Kentler erklärt die Hauptbelastungszeugin für unglaubwürdig, schlägt sich auf die Seite des Täters. Aber ist das ein Wunder bei einem Mann, der Sex von Erwachsenen mit Kindern, speziell mit Jungen, sogar für heilend hält? „Sexuelle Kontakte, die von Männern ausgehen und nicht durch körperliche Gewaltmaßnahmen erzwungen werden, haben bei Jungen etwa nach dem Einsetzen der Pubertät im Allgemeinen keine negativen Folgen“, heißt es in Kentlers Gutachten von 1988, in dem es eigentlich um die Eignung Homosexueller als Pflegeeltern geht. Bei einer dauerhaften Liebesbeziehung könnten die Folgen sexueller Kontakte „sehr positiv“ sein. Der hannoversche Sexualwissenschaftler behauptet sogar, dass Schäden, die „verhaltensschwierige Jugendliche“ in der Kindheit erlebten, in der sexuellen Beziehung zu einem älteren Mann „ausgelebt, bearbeitet und gelöst“ werden könnten. 

Kentler unterfüttert dies mit einer amerikanischen Studie, die aus heutiger Sicht schwere Mängel aufweist. Er verfälscht sie neueren Forschungen zufolge auch noch, um den Sex schwieriger Jungen mit „väterlichen Freunden“ positiv zu bewerten. Spricht er in eigener Sache? Man weiß es nicht. Allerdings: Die vermeintlich so heilsamen Sexpartner der Jungen sind allesamt „entweder pädagogisch tätig, als Lehrer oder Hochschuldozent oder haben besonderes pädagogisches Geschick“. Genau wie der pädophile Pflegevater, für den Kentler sich einsetzt, wie Christoph K., wie er selbst. Bemerkenswert ist überdies: Kentlers Einschätzungen sind nicht nur im Fall des Berliner Pflegevaters, sondern auch im Fall Christoph K. falsch. Der Mann gesteht in einem zweiten Prozess seine Taten.

Was sie in Wahrheit anrichten, kann man an Nora Krüger sehen. Acht Jahre braucht sie, bis sie K. anzeigt. Doch das Verfahren wird eingestellt. Denn K. sitzt bereits eine Haftstrafe wegen des Missbrauchs Schutzbefohlener ab. Nachdem sein Prozess in Münster durch mehrere Instanzen gegangen ist, wird er 1997 zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Die Staatsanwaltschaft sieht von Krügers Verfahren ab, weil die zu erwartende Strafe gegen die verhängte nicht mehr deutlich ins Gewicht fällt. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass ihr Missbrauch ungesühnt bleibt, dass sie davon nicht loskommt. Fünf Suizidversuche unternimmt sie, den ersten ein Jahr nach der Tat. Heute lebt sie von Sozialhilfe, arbeiten kann sie trotz mehrerer Therapien nicht. Wie sehr ihre Gedanken um die Tat kreisen, zeigt eine Episode viele Jahre später. K. ist wieder frei, da versucht sie, ihn bei einem Täter-Opfer-Ausgleich zu treffen. „Ich wollte ihm endlich die Verantwortung für alles zurückgeben“, sagt sie. Er verweigert sich, im letzten Moment. Auch an diesem Tag in Hannover ist deutlich, wie sehr sie das Thema beherrscht. „Ich glaube“, sagt sie irgendwann leise, „dass mich der Missbrauch bis zum letzten Atemzug prägt.“

*Name geändert

Nach dem Bekanntwerden der Pädophilievorwürfe gegen Helmut Kentler haben sich Freunde, Nachbarn und Kollegen – auch in der HAZ – für den ins Zwielicht geratenen Sexualforscher eingesetzt. Unterstützung kommt posthum aber auch von einer ganz anderen Seite. So hat der umstrittene Pädophilie-Verein K13-Online seinen Besuch zu einem Vortrag von Kentlerforscherin Teresa Nentwig vom Göttinger Institut für Demokratieforschung an der Universität Hannover angekündigt. Auf der Website des Vereins, der für die Legalisierung von Sexualkontakten Erwachsener mit Kindern eintritt, heißt es, man werde kommen und via Liveticker über Twitter berichten. In einem früheren Eintrag heißt es, es sei „eine Schande und hart an der Grenze zur Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener“, auf welche „widerwärtige Weise“ die Universität Hannover und die niedersächsische Politik sich bislang zu dem Fall Kentler geäußert hätten. Der Verein war wegen seiner umstrittenen Positionen schon wiederholt Gegenstand politischer und juristischer Auseinandersetzungen. Kritiker werfen ihm die Verharmlosung sexuellen Missbrauchs an Kindern vor. Der Vortrag von Teresa Nentwig am kommenden Donnerstag, 26. April von 16.30 bis 18 Uhr, ist mit dem Titel „Der Sozialpädagoge und Sexualwissenschaftler Helmut Kentler: Leben und Wirken“ überschrieben. Er findet im Welfenschloss, Welfengarten 1, in Raum E001 (Hugo Kulka-Hörsaal) statt. Der Vortrag ist öffentlich, allerdings ist die Teilnehmerzahl beschränkt.jr

Von Jutta Rinas

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der Künstler und Kulturwissenschaftler Peter Struck ist ein Experte für das Anzeiger-Hochhaus – und widmet ihm zum 90. Geburtstag eine Werkschau.

26.04.2018
Hannover Pflege im Willy-Platz-Seniorenzentrum - Stadt: Heim handelte nicht nachlässig

Nach dem Kollaps einer dehydrierten 87-jährigen  Bewohnerin prüft die Heimaufsicht das Willy-Platz-Seniorenzentrum. Erstes Ergebnis: Die Seniorin bekam genug zu trinken, es wurde aber nicht protokolliert. 

26.04.2018

Für rund 140.000 Euro lässt die Stadt Hannover den Leine-Radweg sanieren. Ab Sonntag wird ein Abschnitt in Linden in beide Richtungen gesperrt.

23.04.2018