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Eine Heldengeschichte

Claude Lanzmanns Autobiografie „Der patagonische Hase“ erscheint

Von Stefan Stosch

Viel mehr als ein Resümee: Am Dienstag erscheint Claude Lanzmanns grandiose Autobiografie „Der patagonische Hase“.
Der Regisseur des Dokumentarfilms „Shoah“: Claude Lanzmann.

Der Regisseur des Dokumentarfilms „Shoah“: Claude Lanzmann.

© ap (Archiv)

Was für ein Luxus: Von „Shoah“, dem Film, mit dem er weltberühmt wurde, erzählt Claude Lanzmann erst nach mehr als 500 Seiten. Bis dahin ist nur passagenweise von dem neuneinhalbstündigen Werk über die Ermordung der Juden die Rede. Das hat nichts mit etwaiger erzählerischer Unkonzentriertheit des nunmehr 84-Jährigen zu tun, sondern mit seinem „reichhaltigen, vielseitigen und einzigartigen“ Leben (Lanzmann über Lanzmann) – und auch mit der bewusst gesetzten Klimax eines Autors, der mehr als ein persönliches Resümee ziehen will. In seiner Autobiografie „Der patagonische Hase“ blickt der 1925 in Paris geborene Jude Lanzmann zurück auf ein 20. Jahrhundert, dem er mehr als einmal in den tödlichen Schlund geschaut hat, ohne je seine unbändige Neugier aufs Leben zu verlieren.

Lanzmanns Erlebnisse als jugendlicher Résistance-Kämpfer, erst als Waffenschmuggler im Internat, dann als Partisan an der Seite seines Vaters, die Begegnungen mit Jean-Paul Sartre und den anderen Autoren um die literarisch-politische Zeitschrift „Les Temps modernes“, die siebenjährige Beziehung mit Simone de Beauvoir, sein Engagement für die Unabhängigkeit Algeriens und gegen die Todesstrafe, seine Reisen nach Asien, Israel, Nordafrika, in die USA: All das und noch viel mehr verbindet Lanzmann auf elegante, anstrengungslose Weise.

Lanzmanns Sprache ist genauso präzise wie plastisch. Schon der einleitende Exkurs über die Geschichte der Guillotine und ihren Schrecken, egal ob sie in den Kellern der „Metzgerbürokraten“ um den Volksgerichtshof-Präsidenten Roland Freisler oder in einem französischen Gefängnishof niedersaust, ist lebendige Geschichtsschreibung – versehen mit einem Schuss Maßlosigkeit, der für Lanzmann typisch zu sein scheint. Er reihe sich ein „in den endlosen Zug der Enthaupteten, Gehenkten, Erschossenen, mit der Garrotte Erwürgten, Gefolterten der ganzen Welt“, schreibt der Autor.

Dieses Buch ist jedoch alles andere als düster. Wir werden Zeuge der Streifzüge eines jungen Intellektuellen, der als bettelnder Geistlicher verkleidet sein Studium zu finanzieren trachtet. Auf den Champs-Élysées unternimmt er mit wöchentlicher Regelmäßigkeit Spaziergänge zum Zwecke der Fraueneroberung (mit einigem Erfolg).

Sowieso, die Liebe: Allein seine Beinahe-Affäre mit einer nordkoreanischen Krankenschwester – Lanzmann gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg der ersten westlichen Delegation an, die das Land bereiste – sprüht vor komödiantischem Esprit, ist aber genauso als sozusagen intimer Enthüllungsbericht über eine Diktatur zu lesen.

Und dann endlich: „Shoah“: Zwölf kraftraubende Jahre hat Lanzmann mit diesem Projekt verbracht. Er kämpfte unentwegt mit Geldproblemen, mit Widerstand und Anfeindungen (nach dem Erscheinen 1985 vor allem in Polen), er reiste für die Recherchen um die halbe Welt und zeichnete seine Interviews mit den Nazi-Tätern wie ein Undercover-Journalist mit versteckter Kamera auf.

Vor allem aber dauerte es, bis Lanzmann den Kern all dieser Anstrengungen erkannte: „Shoah“ würde ein Film über den Tod und nicht über das Überleben sein – ohne das übliche Psychologisieren über das Böse im Menschen, ohne verfälschende Archivbilder (gedreht womöglich von einer SS-Propaganda-Einheit), ohne Kommentare des Filmemachers und ohne verschleierndes Pathos.

„Shoah“ sollte den ganzen Genozid zeigen, den Weg bis in die Todeskammern von Treblinka bis Auschwitz, akribischer, tiefschürfender, detailreicher als das, was die meisten Historiker bis dahin abgeliefert hatten. Allein den oft quälenden Erinnerungen seiner Gesprächspartner vertraute Lanzmann. „Wiedergänger“ nennt er die Überlebenden, weil sie gegen jede Wahrscheinlichkeit nicht getötet worden waren. Er befragt den Friseur, der den Todgeweihten die Haare schnitt, oder die Mitglieder der jüdischen Sonderkommandos, verdammt dazu, die nicht restlos verbrannten Knochen der Ermordeten mit einem Birkenscheit zu zerstampfen.

„Shoah“ wurde schließlich von der Weltöffentlichkeit als das aufgenommen, was es war: als eine Sensation. Ein Ganzes ergibt das monumentale Werk aber erst in der Zusammenschau mit mindestens zwei anderen Filmen Lanzmanns, mit „Warum Israel“ (1972) und „Tsahal“ (1994). In beiden Fällen geht es ihm um das Selbstverständnis eines Staates, der in der Nachfolge der Shoah entstand und dessen Bürger darum ringen, sich als Subjekte und nicht als Opfer der Geschichte zu begreifen. Die „Wiederaneignung der Gewalt durch die Juden“ nennt der Autor die Grundüberzeugung der israelischen Armee in „Tsahal“ – und nebenbei wird der Technikbegeisterte bei den Dreharbeiten zum Test(ko)piloten in einem überschallschnellen Kampfjet.

Sein Leben, so sagt Lanzmann, sei stets von der Frage nach Mut und Feigheit durchzogen gewesen. Hätte er es gewagt, sich eine Kugel in den Kopf zu schießen, wie es Weggefährten von ihm taten, die von den Nazis gefasst worden waren? Lanzmann zieht sich mit solchen Überlegungen immer wieder selbst in Zweifel, aber er weiß doch, dass er eine beinahe 700 Seiten starke Heldengeschichte verfasst hat.

Die Selbstbefragungen grenzen gelegentlich an Koketterie. Man muss diese subtile Prahlerei eines „Einzelgängers“ (Lanzmann über Lanzmann) nicht durchweg mögen und kann doch seine unglaubliche Lebensleistung und Lebenslust bewundern. Über weite Strecken lässt sich diese Autobiografie – die in Frankreich zum „Buch des Jahres“ gekürt wurde – genießen wie ein Krimi oder wie eine der brutalen Wirklichkeit abgerungene Schwejkiade. Claude Lanzmanns „Patagonischer Hase“ ist große Literatur.

Claude Lanzmann: „Der Patagonische Hase“. Rowohlt. 682 Seiten, 24,95 Euro. Zugleich erscheint eine Gesamtausgabe auf zehn DVDs von Claude Lanzmanns Filmen bei Absolut Medien.

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