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Ausstellung

Plakate mit Gartenträumen aus zwei Jahrhunderten

Von Simon Benne

Das Wilhelm-Busch-Museum Hannover zeigt „Gartenträume“ – und bietet einen Rundgang durch ein Jahrhundert der
 Plakatkunst.
Plakate Gartenträume wilhelm-busch-museum ausstellung Plakatkünstler

Sag’s mit Blumen: Plakatkünstler wie Alfons Maria Mucha versahen Frauen im Jugendstil mit floralen Ornamenten.

© Ralf Decker

Je ferner das Paradies liegt, desto größer ist die Sehnsucht danach. Und so ist es wohl kein Zufall, dass just im 19.  Jahrhundert, als die Großstädte sich zu grauen Molochen auswuchsen, immer mehr Menschen versuchten, wenigstens einen Zipfel vom Garten Eden zurückzuerobern – von der Natur, die in ihrem Alltag rar geworden war. Große Blumen- und Gartenausstellungen gehörten zu den angenehmsten Nebenwirkungen der Industrialisierung, und die Plakate, die für diese warben, müssen im Großstadtgrau auf den Litfaßsäulen wie kleine Fenster gewirkt haben, durch die sich ein Blick ins verlorene Paradies erhaschen ließ.

Das Wilhelm-Busch-Museum zeigt jetzt in der Ausstellung „Gartenträume“ etwa 100 meist großformatige Werke, die „zu den besten der Plakatgeschichte zählen“, wie Direktor Hans Joachim Neyer sagt. Die meisten stammen aus der Kollektion des Bottroper Sammlers Peter Drecker. Allen ist gemein, dass ihre Motive ums Florale kreisen; um Blumen, Gärten, Umweltschutz. Ein passenderer Ort als das Museum im Georgengarten lässt sich für diesen Brückenschlag zwischen Natur und Kunst kaum denken.

Der tschechische Jugendstilkünstler Alfons Maria Mucha ließ um 1897 in einer Reklame für Job-Zigarettenpapier (das übrigens auch der Selbstdreher Wilhelm Busch kaufte) eine blumengeschmückte Schönheit an der Cigarette ziehen – und schuf dabei eine ornamentale Augenweide. Kunst galt dem Wahren, Guten und Schönen, und Plakate galten der Kunst. Schließlich wollten sie diese in den Alltag holen. Wo Künstler dabei Schönheit und Fruchtbarkeit wähnten, war das ewig Weibliche meist nicht weit: Frauen und Blumen galten als wesensverwandt, und so umflorte Frauen im Jugendstil oft eine ausladende Blütenpracht wie ein verstohlener Gruß aus dem Garten Eden.

Plakate setzten damals eine Revolution der Sehgewohnheiten in Gang. Sie konnten nicht auf die Konzentration eines interessierten Betrachters setzen, sondern mussten als visuelle Marktschreier im Alltagsgetriebe Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Dass es ihnen oft dennoch gelang, dem Subtilen Raum zu geben, macht ihre Kunst aus. Die Ausstellung zeigt, wie unterschiedlich dies in verschiedenen Epochen immer wieder gelang. Jugendstil, Art déco, Neue Sachlichkeit – die Ausstellung ist auch ein Spaziergang durch die Ästhetik des vergangenen Jahrhunderts. Zu sehen sind Plakate vom Münchener „Heckenröschentag“ 1912 bis zur Fête des Fleurs in Genf oder der floralen Muttertagsreklame in Liebesmarkenoptik.

Vertreten sind berühmte Plakatillustratoren wie Ludwig Holwein oder Bauhaus-Künstler Herbert Bayer. Dieser emigrierte zwar 1938, doch zuvor hatte er auch für die Nazis gearbeitet und – die Natur instrumentalisierend – für „Arbeitsfreude durch grüne Werkhöfe“ geworben. En passant zeigt die Ausstellung, wie sich die Einstellung zur Natur immer wieder wandelte: Standen bei den frühen botanischen Ausstellungen noch exotische Pflanzen im Mittelpunkt, Kakteen oder Orchideen, ging es später bei Gartenschauen auch um Tipps für den heimischen Hausgarten oder um den Versuch, möglichst viel Grün in die Städte zu holen.

Das heute eher betulich anmutende Plakat zur ersten Bundesgartenschau 1951 in Hannover zeigt eine anthropomorphe Blume, die einen Spaten schultert – eines der wenigen Motive, bei denen der Garten mit Arbeit in Verbindung gebracht wird. Erstaunlich konsequent blenden Plakatkünstler banales Rasenmähen und Unkrautzupfen bis heute aus. Gärten sind ein müheloses Idyll, ein Gegenentwurf zur Welt. So verhießen Eisenbahngesellschaften und Autobauer früher auf Werbeplakaten die Rückeroberung der Natur durch Reisen. Sie lockten mit Bergpanoramen und Gebirgsbachbildern zu kleinen Ausflügen ins Paradies. Darin schwang noch das Versprechen einer Einheit von Mensch, Natur und Technik mit.

In den Siebzigern wollten kritische Künstler wie Klaus ­Staeck die Natur eher vor Mensch und Technik schützen. Die Plakate von damals wirken heute vergleichsweise eindimensional. Doch bei allem Kämpferischen ist ihre Zuneigung zur Natur vielleicht gar nicht so weit von der verspielten Blumenromantik des Jugendstils entfernt, wie es zunächst scheint.

Die Ausstellung „Gartenträume“ wird im Wilhelm-Busch-Museum im hannoverschen Georgengarten am Sonntag, 11.30 Uhr, eröffnet und ist dort bis zum 11. Oktober zu sehen. Der Katalog (128 Seiten mit meist ganzseitigen Farbabbildungen) kostet 17,50 Euro. Infos unter (05 11) 16 99 99 99 oder www.wilhelm-busch-museum.de.

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