„Augenblicke“ heißt Rossis neues Album, ebenso heißt auch die Tour, die ihn nach Göttingen geführt hat. „Augenblicke voll Freude, voll Glück, voll Sehnsucht und Augenblicke, die schnell vorbei sind“ möchte er daher an diesem Abend besingen, erklärt er seinem Publikum zu Beginn des Konzerts. Er stellt dabei sowohl seine neuen Lieder wie „Das Tor zum Himmel ist die Liebe“ und „Te quiero Argentina“ vor wie auch die bewährten, auf die die Fans besonders gewartet haben: „Wenn die weißen Rosen blühen“ und „Aber dich gibt’s nur einmal für mich“.
Seine Stimme scheint dabei wie gemacht für die Lieder, die er singt. Gerade die lang ausgehaltenen Töne sind es, die ihm eigen sind und bei denen auf eine unverwechselbare Art seine Stimme durch die große Halle schallt. Ob gehauchten oder überraschend klare und durchdringende Töne – Rossis Stimme hat ein so eigenes Timbre, dass sie seine Marke ist.
Für seine Show hat Rossi ein großes Ensemble mitgebracht. Neben Streichern, Band und Backgroundchor tauchen auch immer wieder sechs Tänzer auf, die mal Samba, mal Walzer und – etwa zu „Heil mir mein Herz“ – wunderschönes, gekonnt tanzen. Eigens für das hiesige Publikum berichtet Rossi, dass ein gebürtiger Göttinger zu seiner Truppe gehört: der Pianist Berthold Matschat. Auch eine Folkloregruppe aus Paraguay tritt mit ihren lateinamerikanischen Liedern auf und gibt dem Abend neben den Schlagern eine exotische Note.
Rossi gibt in seinem Bühnenprogramm viel von sich und seiner Familie preis. Ob durch Fotos aus Kindertagen, die auf Großleinwänden zu sehen sind, Liebeserklärungen an seine Frau oder durch ein Lied, dass er früher in Argentinien mit seiner Mutter gesungen hat – seinen Fans gegenüber vermittelt er gekonnt und authentisch den Eindruck, keine Geheimnisse zu haben und tatsächlich die Werte zu leben, die er in seinen Lieder besingt. Seine Lieder handeln vor allem von Liebe, von Heimat und von der Sehnsucht nach Liebe und Heimat. Ein Star zum Anfassen.
Und so nimmt er auch immer wieder die mitgebrachten Blumen seiner Fans selbst entgegen, die ihm auf die Bühne gereicht werden, schüttelt Hände und kommentiert einige teils kuriosen Geschenke (etwa eine sehr lange Mettwurst, vielleicht aus dem Eichsfeld?) mit einem Augenzwinkern und einem stets freundlich gehauchten „Muchas gracias“.
Auch wenn es große Lücken in den Reihen der Lokhalle gab, gleicht die große Freude, die Begeisterung und die gute Laune der anwesenden Fans doch vieles aus. Und so dauert es nicht lange bis schließlich ganze Lokhallenreihen miteinander schunkeln und sogar einige Paare zu „Lass mich nie mehr allein“ in den Gängen zwischen den Stühlen Walzer tanzen. Zu „Guantanamera“ und „Sierra madre“ stehen schließlich bis in die Ränge hinauf alle Konzertbesucher und singen laut mit. Rossi flirtet dazu mit glühendem Blick in die Weiten der Lokhalle und deutet selbstvergessen einige Sambaschritte an. Insgesamt ein gelungenes Konzert mit einem Semino Rossi, der sich genauso gibt, wie ihn all seine Fans lieben.
Von Indra Hesse
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