Ihre Geige trägt sie in der Hand, dann legt sie sie an. Ein Tragegestell fixiert das Instrument über Rücken und Brust unterhalb des Kinns etwas tiefer als in der üblichen Position. Mit lyrischen Tönen startet sie in einen Abend, den sie zum 50. Geburtstag des Documenta-Archivs bestritt – mit Geschichten über das Leben und über das Sterben, mit schlichten, aber überraschenden Erkenntnissen, mit Weisheiten, die das Leben einfacher machen – oder komplizierter, je nach Sichtweise. Sie sprach über Religionskriege, das Verschwinden von Mädchennamen, den Zerfall von Welt. Große Themen, kleine Episoden, kluge Gedanken. „Delusion“ hatte sie das Programm betitelt, übersetzt Trug oder Täuschung.
Anderson zählt zu den Pionieren der elektronischen Musik. Ihr gelangen Chart-Erfolge, doch ihr wesentliches Schaffen richtete sich auf das Genre Performance und nicht unbedingt an die Normal-Konsumenten. Sie arbeitete mit Größen wie ihrem Ehemann Lou Reed, William S. Burroughs oder John Cage zusammen. In Kassel kombinierte sie jetzt die Geigenklänge mit düsteren, manchmal auch poetischen Elektroklängen, Videoprojektionen und dem Erzählen von Kurzgeschichten. Ihr Englisch wurde auf der Bühne Deutsch übertitelt – eine Erleichterung des Verständnisses, aber auch eine empfindliche atmosphärische Störung. Und darum ging es vor allem an diesem Abend: Anderson schaffte einen multimedialen Raum, den sie mit beeindruckender Persönlichkeit füllte. Sie scheute sich nicht vor großem Pathos und kleinen Scherzen. Eine gewagte Mischung, ein bemerkenswerter Abend.
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