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Wohlige Leere

Hahn liest im Literarischen Zentrum


Es ist ein kurzer Roman, und die Kürze steht auch im Titel. 223 Seiten umfasst „Kürzere Tage“ von Anna Katharina Hahn aus Stuttgart. Dennoch, oder gerade deswegen, fällt bei der Autorenlesung im Literarischen Zentrum häufiger der Begriff der Verdichtung. „Fasziniert, auf wenigen Seiten so viel zu erfahren“, ist Michaela Rehm, Philosophin aus Bielefeld, die mit Hahn über den Roman spricht.

Beobachterin und Autorin: Anna Katharina Hahn.

© Heller

Wie die Autorin „Personen mit wenigen Federstrichen lebendig werden lässt“, gefällt Rehm. Drei von vier Hauptpersonen, „alle aus dem Stuttgarter Süden, wo sich ihre Wege kreuzen“, stellt Hahn in drei Abschnitten vor und sie liefert damit mehr als eine Milieustudie.

Da ist Judith, Morgenmuffel mit versteinertem Gesicht. Eine gescheiterte Akademikerin, die es nach unglücklicher Affäre mit Sören und Tablettendauerkonsum endlich geschafft hat: Sie hat Klaus geheiratet, hat zwei Kinder und ist dem „Hackstraßenmist“ von früher entkommen – in eine sanierte Altbauwohnung in der noblen Constantinstraße. Die Angst, die Judith damals zu den blauen Pillendosen führte, ist jedoch nur vordergründig gewichen. Heute ist es ein wabernder Nebel, der Judith ausfüllt. Ausgefüllt und umgeben wird sie auch von Zigarettenrauch, heimlich, und beim Raustragen der Mülltüte. Ansonsten gleitet sie „mit wohliger Leere im Kopf“, bei der Hausarbeit „dumpf wie ein Tiefseefisch“ dahin.

Der Junge Marco wohnt in einem Hochhaus am Olgaeck. Er träumt von Estland und flüchtet sich in Phantasien vom „Hundegebell der Möwen“ über dem Meer. Er will seinem Stiefvater (den alle nur „Porno“ nennen) entkommen und bei seiner inzwischen so dünnen Mutter Anita vermutet er Monster im Menschenkörper. Erst „Gameboyballern“ lässt Marco ruhiger werden.

Ruhe strahlt die 80-jährige Luise aus, als sie ihren verstorbenen Mann Wenzel im Bett der Mietwohnung zurechtmacht – so wie sie es zuhause gelernt hat. Der Küchenschrank, aufgerissen wie Altarflügel, spiegelt die Religiosität Luises. Sie findet Sicherheit in erlernten Ritualen, dem Traditionellen, den beständigen Werten. Und sie findet Trost in der Erinnerung an den August 1945, als sie Wenzel kennenlernte und die Luft sich anfühlte wie lauwarme Milch. Ganz anders als Judith hat Luise auf der Suche nach Glück nicht verschiedene Identitäten ausprobiert, sondern ihr Leben einfach gelebt.

Die Protagonisten beobachten sich in „Kürzere Tage“ nicht nur durchs Küchenfenster. Sie vergleichen, sie messen sich an den Lebensweisen der anderen. Beobachtend, „beim Spazierengehen“, erklärt Hahn, komme auch sie zu ihren Geschichten. Das Publikum lauscht der Autorin andächtig. Schmunzeln hier und da, wenn eine Beobachtung aus Stuttgart auch in Göttingen vorstellbar ist. Wenn die Übermutter Judith ihre geistige Erleuchtung in der Waldorfpädagogik sieht. Anders als viele Rezensenten bislang unterstellt hätten, wolle sie nicht nur das bildungsbürgerliche Milieu beschreiben, bekräftigt die Autorin. Dem jungen Marco, der alternden Luise eine Stimme zu geben, sei ebenso wichtig, wie die gesellschaftlichen Aufsteiger Judith und Leonie (der vierte Hauptcharakter im Buch), zu durchleuchten.
Wie die „grandioseste Beschreibung der Luise“ zustande gekommen ist, interessiert Philosophin Rehm. Hahn erklärt, das sei wie bei einer Kordel – nämlich aus vielen Fäden: dem eigenen Erleben, aus Erzählungen, von Großmüttern und Tanten und aus Vertrauen in die eigenen Beobachtungen.

Anna Katharina Hahn: „Kürzere Tage“, Frankfurt am Main 2009, Suhrkamp, 19,90 Euro, Taschenbuch 8,90 Euro.

Von Björn Dinges

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