Zu Gast waren Ann Cotten, Daniela Danz, Kerstin Preiwuss, Ulrike Almut Sandig, Daniela Seel und Judith Zander, sechs Dichterinnen, die mit ihrem Werk für sich allein stehen, die man weder thematisch noch sprachlich vergleichen kann. Gemeinsam aber haben sie ihren Erfolg in jungen Jahren und manche teilen eine Ausbildung am renommierten Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Jede wird voll Respekt für ihre Arbeit von Mitarbeitern des Zentrums angekündigt. Das wissen die Poetinnen zu schätzen. Die Einführungen sind darüber hinaus hilfreich, denn die vorgetragene Lyrik erschließt sich dem Zuhörer nicht so ohne weiteres. Man bekommt teilweise den Eindruck, dass in der vorherrschenden metaphorischen Sprache mehr verborgen bleibt, als dass sich etwas erschließt.
Das ist vor allem bei Judith Zander der Fall. Ihre Lyrik ist sezierend und rätselhaft. Jedes weitere Wort verändert, ja zerstört oft das Bild, das sich gerade vor dem inneren Auge eingestellt hat. Aber sie macht bei aller Unverständlichkeit auch etwas Wunderbares: Sie lässt einen fühlen. Die Zuschauer lauschen dann auch gebannt, während die fragil wirkende Zander vorsichtig und behutsam ihre Gedichte über ihre Heimat, die Ostsee und ihre Studienstadt Leipzig vorträgt und über „schwindelerregende Seufzer wie bei Eis, das heimlich arbeitet“ spricht.
Ganz anders Danz, deren Sprache als „kraftvoll wie die Schwimmzüge eines Tauchers“ angekündigt wird. Mit angenehmer Lesestimme entstaubt sie in ihren Gedichten griechische Mythen. Ihre Helden haben beispielsweise gefälschte Papiere und tragen Turnschuhe und Kapuzenpullis. Ein Crashkurs in griechischer Mythologie kann für das Verständnis von Danz’ Lyrik nur hilfreich sein.
Schade ist, wenn man bei einer Lesung die Chance vertut, sein Publikum anzusehen, Kontakt aufzubauen. Das passiert besonders bei Preiwuss. Sandig beherrscht diese Kunst. Ihr erfolgreicher Gedichtband „Zunder“ (erschienen 2005) ist Namensgeber der Veranstaltung. Sandig bildet mit ihren Gedichte über „das Hundsein“ das vergnügliche Glanzlicht des Abends und erklärt, wie man ein Lied nur aus Wörtern macht: „Geht ganz leicht. Da muss man einfach ein Gedicht schreiben.“
Von Marie Varela
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