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34. Göttinger Jazzfestival

Krach um Jazzfest: Protest gegen Musiker Atzmon


Krach um das Jazzfest: In einem anonymen Flugblatt hat am Donnerstag der „a:ka“ Göttingen zum Boykott des Konzerts mit dem Musiker Gilad Atzmon aufgefordert.

Umstritten und polarisierend: der Musiker und Schriftsteller Gilad Atzmon.

© EF

Der „a:ka“ ist ein aus Israel-solidarischen Gruppen bestehendes Bündnis gegen Antisemitismus. Atzmon – 1963 in Israel geboren, seit 1994 in England lebend – tritt mit seinem „Orient House Ensemble“ beim 34. Göttinger Jazzfestival am Sonnabend, 12. November, im Großen Haus des Deutschen Theaters (DT) auf. Im Flugblatt wird zu einer Kundgebung am selben Abend vor dem DT aufgerufen.

Als Reaktion auf den Konflikt hat sich Hilmar Beck, Fachbereichsleiter Kultur der Stadt Göttingen und Vorstandsmitglied im Verein Jazzfestival Göttingen, aus der Leitung des Festivals zurückgezogen. Er habe, wie er auf Tageblatt-Nachfrage hervorhob, diesen Schritt „in Abstimmung mit der Verwaltungsspitze“ vollzogen, um die Positionen des Vereins und der Stadt Göttingen deutlich zu trennen.

In dem Boykottaufruf heißt es, Atzmons Positionen zum Nationalsozialismus seien „auf den ersten Blick kaum von denen der NPD zu unterscheiden“. Atzmon sage ganz offen, dass er nicht nur Israel abschaffen wolle, sondern das Judentum in seiner heutigen Form gleich mit. Die Leitung des Göttinger Jazzfestivals habe „ihn nicht aus Unkenntnis“ eingeladen, es sei ihr „zumindest gleichgültig, einem Hetzer gegen Israel den roten Teppich auszurollen.“

Diese Argumentation hat der Verein Jazzfestival Göttingen als Organisator „mit Entsetzen zur Kenntnis genommen“, wie es in einer am Donnerstag verbreiteten Presseerklärung heißt. „Wir wollen in aller Deutlichkeit klar stellen, dass wir eine Verharmlosung des Nationalsozialismus bei Gilad Atzmon absolut nicht entdecken können; sie würde von uns im Verein nie und nimmer geteilt oder geduldet.“ Weiter heißt es in der Erklärung: „Verständlich ist für uns, dass Atzmon angesichts der deutschen Vergangenheit durch seine Äußerungen irritierend und verletzend wirken kann. Trotzdem aber wird das Jazzfestival Göttingen keine politische Zensur ausüben. … Eine inhaltliche Auseinandersetzung muss im Sinne der Meinungsfreiheit an anderer Stelle stattfinden.“

Gilad Atzmon betont in einer Stellungnahme zu den ihm im Boykott-Flugblatt zugeschriebenen Zitaten, dass keines seine Gedanken oder den Inhalt seines Werkes wiedergebe. „In meiner gesamten Karriere als Schriftsteller habe ich niemals Juden als ethnische Gruppe oder Rasse kritisiert. Außerdem vermeide ich jede Kritik an der Religion des Judentums. Doch glaube ich, da Israel sich selbst als jüdischen Staat definiert und Bomben, die mit jüdischen Symbolen verziert sind, auf Zivilisten abwirft, dass es nicht nur mein Recht, sondern auch meine ethische Pflicht ist, zu hinterfragen, wofür der Begriff ,Jewishness‘ (,Jüdischsein‘ im Sinne einer jüdischen Ideologie) steht.“

Eva Tichauer Moritz, Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde für Göttingen und Südniedersachsen, zollt der Rücktrittsentscheidung von Hilmar Beck „hohen Respekt“. Für sie sei es „unbegreiflich“, dass die Organisatoren des Jazzfestivals einen Unterschied zwischen dem Menschen und dem Musiker Atzmon machten: „Er ist ein Anti-Israeli, ein Antisemit und ein Antizionist, er verteidigt die Positionen des iranischen Präsidenten Ahmadinejad. Das ist für uns absolut inakzeptabel.“ Der Musiker rufe dazu auf, den Holocaust zu relativieren. Ihn dürfe man nicht zu einem Festival einladen: „So viel Blauäugigkeit darf es nicht geben.“

Im Vorfeld der Flugblatt-Veröffentlichung hatte es Gespräche zwischen den Jazzfest-Organisatoren und Tichauer Moritz gegeben. Ove Volquartz, Vorsitzender des Vereins Jazzfestival Göttingen, betont, dass diese Gespräche „konstruktiv“ gewesen seien, dass er auch die Gegenpositionen habe verstehen können. Atzmon, der sich nach eigenem Bekunden als israelischer Soldat im Libanonkrieg „wie ein Nazisoldat“ gefühlt habe, provoziere gern, seine Argumentation sei bisweilen auch kraus, viele Positionen Atzmons könne er, Volquartz, nicht nachvollziehen.

Aber Atzmon sei weder Holocaust-Leugner noch Nazi-Sympathisant. Das Boykott-Flugblatt sei „absolut unakzeptabel“, die darin Atzmon zugeschriebenen Zitate seien „aus dem Zusammenhang gerissen“. „Wir wollen ihn als Musiker haben, nicht als Politiker. Und uns steht es nicht zu, einem Musiker ein temporäres Berufsverbot zu erteilen“, bekräftigt Volquartz.

Von Michael Schäfer

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