Sie haben Ihre Ausbildung zum Dirigenten in den USA absolviert. Hat Sie die amerikanische Musik geprägt?
Ich begann mein Dirigierstudium bei Gerhard Samuel an der Universität in Cincinnati. Dort war ich auch zuständig für das hochschuleigene Contemporary Music Ensemble und kam in Kontakt mit vielen Werken amerikanischer Komponisten. Seither ist mein Interesse an dieser Musik wach geblieben.
Was bedeutet Ihnen die amerikanische Moderne?
Bei „amerikanisch“ schwingt bei vielen Menschen etwas Unterhaltendes mit. Bei „Moderne“ wird oft an Dissonanzen gedacht. Auf dem Linien-Festival möchte ich Musik vorstellen, die selten live gehört wird, von deren Qualität ich aber überzeugt bin.
Welche Rolle spielt diese Musik in den USA derzeit?
Das amerikanische System der privaten Kulturförderung ohne staatliche Beteiligung zeigt hier seine größte Schwäche. Da jede Konzertsaison profitabel sein muss, gibt es nur eine winzige Marge für Risiko. Das bedeutet: Komponisten, die als schwierig oder anspruchsvoll gelten, werden kaum aufgeführt.
Was spielen die Orchester stattdessen?
Vorwiegend Neo-Romantik oder seichte Minimal Music. Die auch musikgeschichtlich wichtigen Komponisten der 40er und 50er Jahre des 20. Jahrhunderts werden nicht mehr gespielt. Ich empfinde dies als ein großes Versäumnis. Dies kann kein Vorbild für die deutsche Kulturförderung sein!
Unterscheidet sich die amerikanische von der europäischen Moderne?
Ja! Fast alle amerikanischen Komponisten der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts studierten in Europa. Nach ihrer Rückkehr bemühten sie sich, auf dieser europäischen Basis – aber auch im Rebellieren dagegen – etwas Eigenes zu entwickeln, das den amerikanischen Geist ausdrückt: Die industrielle Dynamik, die landschaftliche Weite, die pulsierende Großstadt, die kulturelle Vielfalt der ehemaligen Sklaven, der Ureinwohner und neuen Immigranten aus aller Welt.
Welchen Weg gingen die amerikanischen Komponisten?
Die amerikanische Musik emanzipierte sich von Europa und folgte eigenen Entwicklungen, die später zum Teil von europäischen Komponisten übernommen wurden, wie zum Beispiel der Minimalismus.
Waren europäische Komponisten wie Schönberg, Boulez oder Ligeti ein Vorbild?
Nein. Komponisten wie Boulez und Stockhausen mit ihrer exklusiven Ideologie und dem Widerstand gegen alles, was vor dem Krieg Bestand hatte, hatten kaum Einfluss.
Viele Musikfans denken bei den USA sofort an Minimal Music mit Vertretern wie Reich, Glass oder Adams.
Minimal Music begann Mitte der 1960er Jahre als eine Musikform, in der gewisse Abschnitte lange wiederholt werden und sich minimal verändern. Die Stücke sind meist tonal und durchorganisiert, haben eine emotionale Kühle, und es entsteht eine Art Trance-artiges Hörerlebnis. Meiner Ansicht nach ist dieser Stil am Ausklingen, und die Neo-Romantik mit den großen emotionalen Gesten ist sehr erfolgreich – etwas, was sich die europäischen Komponisten (noch) nicht trauen.
Nach welchen Kriterien haben Sie die Stücke für das Eröffnungskonzert ausgewählt?
Mich faszinierten die Entwicklungslinien, aber auch Gegensätze der gewählten Komponisten und ihrer Werke.
Auf welche Komponisten darf sich das Publikum freuen?
Das Göttinger Symphonie Orchester eröffnet mit George Chadwick, der sich in Europa ausbilden ließ und dem romantischen europäischen Stil treu blieb. Charles Ives ist das Gegenteil: Autodidakt mit einer radikalen, innovativen Herangehensweise. In seiner „Unanswered Question“ erleben wir das erste Mal Aleatorik. In seinem Werk über den Hymnus „America“ hören wir eine andere sehr sympathische amerikanische Seite heraus – den Humor.
Stellen Sie auch Werke aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor?
Ja, und zwar von John Cage. In „The Seasons“ sind Tonhöhe, Rhythmus und Klangfarbe vor dem Kompositionsprozess streng durchorganisiert – interessanterweise klingt das Werk aber z.T. wie Stravinsky‘s „Petruschka“ gemischt mit einer Prise französischer Impressionisten. Der Gegensatz zum zweiten Stück von Cage könnte nicht größer sein: Für sein Werk „Atlas Eclipticalis“ legte er über eine Sternenkarte Notenlinien. Die Helle der Sterne bestimmt die Lautstärke der Noten.
Einer der Festival-Schwerpunkte ist die Minimal Music. Was spielt das Göttinger Symphonie Orchester?
Die „Chairman Dances“ von John Adams aus seiner Oper „Nixon in China“ – ein virtuoses und mitreißendes Werk. Adams minimalistischer Stil ist für mich einer der interessantesten, weil er auch harmonisch spannend schreibt.
Gibt es spieltechnische Herausforderungen bei den Werken?
Amerikanische Orchester sind für ihre spieltechnische Präzision berühmt, und die amerikanische Orchesterliteratur erfordert große Disziplin, Virtuosität und eine gewisse direkte Klanglichkeit.
Dieses Konzert ist der ideale Auftakt in die neue Saison des Göttinger Symphonie Orchesters.
Ja, wir werden über die ganze Saison den Schwerpunkt auf die amerikanische Musik des 20. Jahrhunderts legen, die mir emotional nahe ist. Ich freue mich, dass wir beim „Linien“-Festival den Startschuss zu diesem spannenden, für Deutschland bislang einmaligen Programm geben können und hoffe auf eine aufmerksame, kritische und wohlwollende Begleitung durch unser Publikum.
| Festival „Linien“: Das Programm | |
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Freitag, 27. August
Sonnabend, 28. August
Sonntag, 29, August
13-17 Uhr, Lokhalle
17 Uhr, Lokhalle
Montag, 30. August
20 Uhr, Lokhalle |
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