Rummelplatz – immer im Kreise. Du steigst in die Schaukel und schwingst dich hoch über den toten Punkt, aber du kommst immer wieder herunter, und es ist alles so, wie es vorher war. Das ist dann alles.“ Unseren Erinnerungen können wir nicht entkommen, wirklich fortgehen, das geht nicht.
Bräunig wählt für seinen gleichnamigen Roman die Zeitspanne zwischen Oktober 1949 und Juni 1953, Schauplatz ist die Wismut AG, der Uranbergbau. Die verschiedensten Charaktere mit bewegten Biografien treffen hier zusammen. Bräunigs Roman war den DDR-Oberen wohl allzu realistisch. Das Werk durfte nicht erscheinen. Bräunig starb 1976, erst 2007 wurde „Rummelplatz“ veröffentlicht.
Friedrich nimmt den Roman als Vorlage, erarbeitet aber mit Hilfe anderer aus dem Off gesprochener Texte und mit Filmausschnitten ein Zeitbild. Übrig bleibt vor allem der Rahmen, das Bergwerk – von Susanne Uhl sparsam aber gelungen in Szene gesetzt: Schwarze Steinwände, ein aus einfachen Latten gezimmerter Stollen, die Umkleide der Bergleute. Nicht die einzelnen Charaktere und ihre Biografien stehen im Vordergrund, auf eine Handlung wird ebenso verzichtet, wie auf fest zugewiesene Rollen. Versatzstücke lässt die Regisseurin das Ensemble bieten, ohne viel gesprochenen Text, dafür aber mit Tanz, Kampf und viel Körpereinsatz. Dieser Einsatz hat vor allem für Andrea Strube seinen Preis: Sie verletzt sich den Fuß und kann die letzten 30 Minuten nicht mehr mitspielen.
Die vergangene Gesellschaft mit ihren Demütigungen, der Krieg, die harte Arbeit im Bergbau. Immer wieder sind es solche Szenen, die die Verletzungen der Menschen zeigen. Ihre Unfähigkeit nach dem Erlebten zu lieben. Männer, die nach zunächst eher gewalttätigen Annäherungen, wie kleine Kinder zusammenbrechen. Natürlich Kriegsszenen. Eingespielt wird ein Film, der von einem Bomber aus gedreht wurde, danach auf der spärlich beleuchteten Bühne die Verwirrung, Leere, Verzweiflung. Misshandlungen in Auschwitz: nach einer Einspielung mit einem sehr persönlichen Text von Heiner Müller bewegt diese Szene stark.
Auf harte Arbeit folgt der Spaß beim Biertrinken und auf dem Rummelplatz. Die Gesellschaft entwickelt sich weiter, von harmlosen Häschen wird das Vergangene abgetan, alle waren doch irgendwie unschuldig.
Aber ergibt das ein aussagefähiges Ganzes? Dass es nicht bloß ein Reigen aneinander gereihter Szenen aus unserer jüngeren Vergangenheit geworden ist, ist zum einen dem Ensemble mit seiner starken geschlossenen Leistung zu verdanken. Innere Leere ihrer Figuren, deren Verzweiflung, aber auch die Sucht sich abzulenken, dem Erlebten zu entkommen, machen sie glaubhaft. Zum anderen funktioniert ein Kunstgriff der Regisseurin. Friedrich hat keine Pause vorgesehen. Ein weiser Entschluss. Denn erst über die Dauer gelingt das Bild.
Neu und überraschend ist dieses Bild allerdings nicht und so hält die Berührung nach diesem Theaterabend nur kurz an. Vielleicht hätte die Regisseurin dem starken Text von Bräunig doch etwas mehr Platz einräumen sollen.
Von Christiane Böhm
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Kommentare
Kein Theaterstück - eher Ballett! Gast – 14.10.10
Ich hatte ein wie auch immer geartetes Theaterstück erwartet und war durch die quasi dialogfreie und extrem fragmentarische Darbietung trotz der außerordentlich guten Schauspieler sehr enttäuscht. Etwa in der Mitte des Stücks habe ich mir gedacht, dass es sich doch eigentlich um eine Art Ballett handelt. Diese Sicht ließ mich zwar auch nicht so in Begeisterung ausbrechen, dass ich den Besuch weiterempfehlen würde (was sowieso nicht möglich war, weil es die letzte Vorstellung war), stimmte mich aber etwas milder. Fazit: Bitte mehr stinknormales Theater im DT und keine allzu unverständlichen "Bruchstücke". Auf diesen Kommentar antworten Kommentar meldenRichtigstellung J.K. – 31.05.10
Sehr geehrte Frau Böhm,alle eingesprochenen und aus dem Off gespielten Textstücke sind dem Roman Rummelplatz von Bräunig entnommen. Der Autor kommt damit ganz bewusst und klar zu Wort. Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
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