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Akademische Orchestervereinigung

Mahlers Fünfte in der Stadthalle


Fast auf den Tag vor 40 Jahren, am 9. Februar 1972, verblüffte die Akademische Orchestervereinigung (AOV) das Göttinger Publikum mit der Aufführung einer Mahler-Symphonie, der Vierten: eine wagemutige Grenzüberschreitung, die man einem Liebhaberorchester zu diesen Zeiten nicht zugetraut hätte. Nun, im AOV-Konzert am Sonnabend in der fast ausverkauften Göttinger Stadthalle, stand Mahlers Fünfte auf dem Programm: sehr groß dimensioniert, musikalisch und technisch noch anspruchsvoller als die Vierte.

Kommt immer wieder gern nach Göttingen: die Pianistin Hisako Kawamura.

© Heller

Göttingen. Gewiss würde ein professionelles Orchester dieses Werk präziser spielen, das Blech hätte noch strahlenderen Glanz, manche Steigerung würde im Tempo wohl weniger vorsichtig angegangen. Doch was die Hobbymusiker an diesem Abend leisteten, war höchster Anerkennung wert – vom beherzten Zugriff der Streicher über die zahlreichen ausdrucksstarken Soli der Holzbläser, die Wucht der Blechbläser, die Punktgenauigkeit des Schlagwerks bis zu den zarten Klängen der Harfe im Adagietto. Nicht zu vergessen die besonders schönen solistischen Partien von Trompete und Horn.

Dirigent Lorenz Nordmeyer wählte einen klug disponierten Weg zwischen werkangemessenem Temperament und Rücksichtnahme auf die Möglichkeiten der Musiker. Ihm gelang das Kunststück, den dramatisch drängenden Fluss dieser Musik, ihre wilden Ausbrüche ebenso mitreißend zu gestalten wie die zurückgenommenen, lyrisch Partien.

Vorausgegangen war ein Programmpunkt, der ebenfalls zu einer Rückschau anregt. Solistin in Tschaikowskys b-Moll-Klavierkonzert war die aus Japan stammende Pianistin Hisako Kawamura. Sie war vor 20 Jahren, im März 1992, zum ersten Mal in Göttingen zu hören. Das damals zehnjährige Mädchen nahm am Göttinger Chopin-Wettbewerb teil. Nun ist die junge Frau eine internationale gefragte Pianistin und kehrt immer wieder gern in die Stadt zurück, in der ihre Karriere begann.

Ihre hochvirtuose pianistische Kraft kann sie wunderbar dosieren. Sie reicht von stählernen Akkordsäulen bis hin zu unglaublich zärtlichen, sanften Melodiebögen, von makellos perlenden Prestissimo-Läufen bis zu gleichsam gesungenen, ariosen Passagen. Das virtuose Glitzerwerk dieses Konzert überwuchert nirgends die fein herausgearbeitete musikalische Substanz, Temperament und Klangsinn treten bei ihr stets gleichermaßen hervor.

Auch in der Zusammenarbeit mit Orchester und Dirigent erwies sich das musikalische Format der Pianistin. Wenn ihr das Tempo ein wenig zu langsam schien, zog sie die Zügel ein wenig straffer und belebte so fast unmerklich den musikalischen Verlauf.
Der Beifall wollte kaum enden. Als Dank gab sie zwei Zugaben: Liszts Bearbeitung von Schumanns Lied „Widmung“ und ein ganz zartes cis-Moll-Nocturne von Chopin – wie eine zarte Liebkosung vorm Schlafengehen.

Von Michael Schäfer

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