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Im Staatstheater Kassel

Markus Dietz inszeniert Büchners „Woyzeck“

Von Peter Krüger-Lenz

Knackige 90 Minuten hatte Astrid Horst, Chefin der Öffentlichkeitsarbeit des Staatstheaters Kassel, vor der Premiere von Georg Büchners Klassiker „Woyzeck“ versprochen – und sie lag richtig. Eineinhalb Stunden tobt auf der Bühne ein von Regisseur Markus Dietz ungeheuer dicht, an vielen Stellen auch bemerkenswert mutig inszeniertes Drama mit einem Woyzeck im Zentrum, den Bernd Hölscher fulminant spielt.

Am Rande des Wahnsinns: Woyzeck (Bernd Hölscher, vorne).

© Klinger

Bücher hat dieses Dramenfragment vermutlich 1836 geschrieben. Er orientierte sich an einem realen Fall. Johann Christian Woyzeck lebte tatsächlich. Er war arbeitslos und ohne Obdach. Aus Eifersucht ermordete er seine Geliebte und wurde dafür hingerichtet. Heftig wurde darüber debattiert, ob er zurechnungsfähig gewesen sei. Für Büchner wurde dieser Fall zum Beispiel einer immer mehr verrohenden Gesellschaft, und damit trägt das Stück auch nach rund 175 Jahren viel Aktualität in sich.

Regisseur Dietz lässt sein Ensemble auf einer rohen hölzernen Bühne agieren (Entwurf: Mayke Hegger). In Woyzecks Welt ist nichts kuschelig oder heimelig. Einen Rückzugsort findet er hier nicht. Er ist den Attacken seiner Umwelt schutz- und hilflos ausgeliefert. Von einem Arzt (Daniel Scholz) wird er für ein fragwürdiges Experiment missbraucht und darf sich wochenlang nur von Erbsen ernähren. Von seinem Hauptmann (Thomas Meczele) wird er gedemütigt, von seiner Geliebten Marie (Birte Leest), der Mutter seines Kindes, wird er schamlos mit dem Tambourmajor (Frank Richartz) betrogen. Dem steht Woyzeck machtlos gegenüber – bis sich seine Machtlosigkeit in Raserei verwandelt. Viel erklärt Dietz von diesen Vorgängen nicht. Er hat die Geschichte verdichtet und vertraut darauf, dass die Qual auch ohne viel Worte deutlich wird – und das funktioniert.

Woyzecks Mitmenschen sind skrupellos, zügellos, rücksichtslos. Sie schauen ausschließlich auf ihren Vorteil, der Nachbar ist ihnen egal. Das ist das Leben wie es sich in Reality-TV-Shows zeigt. Man säuft, hurt und prügelt sich durchs triste Leben. Und bei Woyzecks gibt’s Chips statt gesundes Gemüse und Zigarettenqualm statt frischer Luft. Das alles zeigen Dietz und sein groß aufspielendes Ensemble so drastisch, dass selbst das Zuschauen zur Anstrengung wird. Das allerdings muss auch so sein.

Den größten Kraftakt bewältigt allerdings Hauptdarsteller Hölscher. Wie ein Berserker ackert er, und in einer nicht enden wollenden Szene reißt er den Bühnenboden auseinander, so dass die Zuschauer das Holz splittern hören. Woyzeck legt seine Welt in Trümmer – und darunter tut sich ein See auf. Hier endet das Leben für Marie, hier endet es auch für Woyzeck. Eine ganz starke Inszenierung.

Weitere Vorstellungen: 3., 9., 17., 19., 23. und 25. Februar sowie am 6., 16. und 19. März im Staatstheater Kassel, Friedrichsplatz. Kartentelefon: 05 61 / 10 94 222.

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