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Innenhof-Theater-Festival:

Norbert Schwienteks sprachvirtuoser Ernst-Jandl-Abend


Humanisten: Das hat etwas mit Menschlichkeit zu tun, mit alten Sprachen, hoher Bildung, Kultur, edler Gesinnung. Wenn Ernst Jandl aber mit diesem Begriff sein 1976 uraufgeführtes Konservationsstück betitelt, meint er etwas anderes. Ungefähr das Gegenteil. „Die Humanisten“ stellte der der 68-jährige Schauspieler Norbert Schwientek in den Mittelpunkt seines Jandl-Abends, der das Programm des Göttinger Innenhof-Theater-Festivals am Sonntag vor vollbesetztem Hause eröffnete. Schwientek braucht dazu sehr wenige Requisiten: einen Konzertflügel für genau einen (tiefen) Ton, eine Baskenmütze, ansonsten nur seine Stimme, sein Gesicht mit den unglaublich sprechenden Augen, seine Hände. Manchmal steht er auf und bewegt den ganzen Körper, doch das ist die Ausnahme.

Zungenfertiger Beherrscher der Zwischentöne: der Schauspieler Norbert Schwientek.

© Heller

Denn Schwientek – 1991 in Basel zum Schauspieler des Jahres gekürt – ist ein Sprechkünstler. Das Wort ist eigentlich zu gering für das, was er leistet. Er ist ein zungenfertiger Sprechvirtuose, ein Beherrscher der Zwischentöne, einer, der hochpräzise Pausen zu setzen versteht, Laute wie Maschinengewehrfeuer artikuliert, flüstert, brüllt, weiche und scharfe Töne kontrastiert. Und der – das ist fast sein Markenzeichen – immer wieder mit wieselflinker Zunge die Lippen befeuchtet. Das ist auch nötig bei Jandls Texten. Schon beim Für-sich-Lesen sind sie (zunächst) sperrig, bis sie ihren Sinn preisgeben und den Leser verblüffen, vergnügen oder erschrecken. Aber diese Worte laut werden zu lassen, ist ein Drahtseilakt: „rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr, au, eise, rauß, weh, zelle, liege, geh“ möge das als Ausschnitt aus dem Gedicht „Bestiarium“ belegen. Es sind dies alles Bruchstücke von Tiernamen (was sich aus Schwienteks Vortrag übrigens viel rascher ergibt als beim bloßen Lesen).

Für die „Hörprobe“ – in der Jandl mit den verwandten Klängen von „hör“ und „höher“ spielt – schlägt Schwientek einen Basston auf dem Klavier an, lässt dann Stufe um Stufe seine Stimme in hohe Lagen ansteigen, besteigt schließlich seinen Lese-Tisch und beendet das kurze Gedicht hoch über dem Publikum. Noch kürzer die letzte Zugabe als Dank für den begeisterten Applaus, ein „spruch mit kurzem o“: „Sssso.“ Doch die eingangs erwähnten „Humanisten“ sind Schwienteks Meisterstück. Wie er in einer Einmann-Sprech-Show vier Personen lebendig werden lässt, ist faszinierend, vor allem, wie er die beiden Protagonisten M eins und M zwei in ihrer Eitelkeit („den deutschen sprach mir heilig sein“), ihrer Borniertheit, ihrer immer deutlicher zutage tretenden Unmenschlichkeit vorführt.

Mehr als eine Stunde lang lässt Schwientek die Jandl-Texte aufs Publikum prasseln, hochkonzentriert, in einer abgewogenen Mischung aus Amüsement und Erschrecken. Beim Jandl-Klassiker „Schtzngrmm“ verstummen die Lacher binnen kurzem: Wenn Worte zeigen können, was töten heißt, dann hier. Der im Jahr 2000 gestorbene Dichter Ernst Jandl hat Schwienteks Programm gehört. Und er hat am Ende gesagt: „Norbert darf alles von mir machen.“ Recht hat er.

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