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Klemmende Körperteile

Premiere von „Sex“ im Staatstheater Kassel

Von Peter Krüger-Lenz

Es geht um Sex. Natürlich geht es um Sex, darum geht es doch immer. „Sex“ heißt das Stück von Justine del Corte, das jetzt im Staatstheater Kassel deutsche Erstaufführung hatte. Inszeniert hat es Johannes Schütz, der einzige Mann in Regieteam und Ensemble. Denn die (bei diesem Thema in der Regel unverzichtbaren) Männer werden von Frauen gespielt – eine nachvollziehbare, aber eher unglückliche Entscheidung.

Eine Frau steckt fest, der Klempner kommt zur Hilfe: Anke Stedingk in „Sex“.

© Ketz

Rund 135 Minuten gibt es auf der Bühne tatsächlich nur ein Thema: Sex. Zehn Szenen hat del Corte geschrieben, zwei mehr als bei der Uraufführung in Zürich. Alle handeln von körperlicher Liebe, Zuneigung ist nie im Spiel. Sex ist peinlich, zweckmäßig, Lebensflucht, lächerlich, voller Missverständnisse und verletzend, lustvoll nur mit Schwan als Liebhaber. So stellt es del Corte dar. Ganz schön desillusionierend.

Eine der umwerfendsten Szenen ist jene, in der Anke Stedingk eine Frau spielt, die mit dem Zeh im Überlauf der Badewanne feststeckt. Der Klempner, verkörpert von Birte Leest, soll die Dame aus der misslichen Lage befreien. Und während der arme Mann versucht, sich dem klemmenden Körperteil zu nähern, salbadert sie ihn voll. Mit einem Mann, vielleicht ihr Chef, habe sie sich in dessen Wohnung zu einem Arbeitsgespräch getroffen. Er habe sie an der Tür empfangen und „mit seinem Riesending“ vor ihr herum gefuchtelt – ein Stück Fischfilet.

Ein Wort habe das andere gegeben, dann sei sie geflüchtet, habe wegen der ganzen Aufregung ein Bad nehmen wollen und sei halt mit dem Zeh in das Loch geraten. Stedingk und Leest gelingt hier eine komödiantische Glanzleistung, ein Niveau, dass Geno Lechner fünf Szenen später nicht halten kann. Sie spielt jenen Mann mit dem Fischfilet, der einem zweiten an der Bar die Situation aus seiner Sicht schildert. Sex? Gab’s nicht.

Ach, aber meist schwingt Tragik mit in den Szenen. Die einen werden erwischt, die anderen filmen sich bei der Herstellung eines Kindes. Eine Frau, Mitte 40, gabelt einen jungen Mann, Anfang 20, auf. Auch das endet tragisch. Und die Mutter, die mit Sex vor dem Leben fliehen will, wird vom Ehemann verlassen, die Kinder nimmt er auch mit.

23 Menschen tauchen in dem Stück auf, gespielt werden sie alle von sieben Frauen, die häufig leicht bekleidet, aber nie nackt auf der Bühne stehen. Sie agieren auch in den Männerrollen, Birte Leest und Agnes Mann brillant. Doch auch sie können nicht dem Dilemma entrinnen, das dabei überwiegend Klischees verbraten werden. Männer sitzen breitbeinig, coole Jungen ziehen den Kopf zwischen die Schultern, und wenn sie jung sind und auf angehimmelte Mädchen treffen, bringen sie kaum ein Wort hervor.

In einem weißen, kalten Raum spielen sich diese Szenen ab, entworfen von Schütz. Hier kann Sex kaum Spaß machen. Pornographisch wird er nicht dargestellt, aber auch nicht lustvoll, und schon gar nicht erotisch. Zumindest immer mal wieder mit viel Witz gespielt. Wenigstens etwas.

Weitere Vorstellungen im Staatstheater Kassel: 17., 22., 23. und 26. März sowie am 1., 8. und 13. Mai um 19.30 Uhr. Kartentelefon: 05 61 / 10 94 222.

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