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Streitgespräch

„Sind Helden exorbitant?“


„Was ist ein Held?“, „Sind Helden immer exorbitant?“: Diese und weitere Fragen haben Wissenschaftler und Publikum im ersten „Göttinger Streitgespräch zu Mittelalter und Früher Neuzeit“ erörtert.

Sagenheld Siegfried: In der Fußgängerzone der Kaiserstadt Speyer erinnert eine Skulptur an den Nibelungen.

© Becker & Bredel

Diskutiert wurde der Heldenmythos an Fallbeispielen aus der altnordischen, altfranzösischen und mittelhochdeutschen Literatur. Zu Beginn gab Moderatorin Dr. Heike Sahm aus Göttingen eine Einführung in das Thema. Das Streitgespräch werde sich unter anderem mit der These des Wissenschaftlers Klaus von See auseinandersetzen, der als entscheidendes Merkmal des Helden dessen Exorbitanz herausstellt und 1993 die Diskussion auf die Pole Held versus Kollektiv zuspitzte.

Prof. Victor Millet, Germanist aus Santiago de Compostela, erklärte, seiner Meinung nach wirken Helden exorbitant und hätten meistens Schwierigkeiten später in das „normale“, menschliche Leben zurückzukehren. Ein Held sei außerdem erst dann ein Held, wenn über ihn eine „gute Geschichte“ erzählt werde. Die daraus entstandenen literarischen Texte seien heute die einzigen Diskussionsgrundlagen.

Am Beispiel von Sigur aus dem Nibelungenlied stellte Prof. Matthias Teichert vom Fachbereich Skandinavistik die Heldenfigur dar. Sigur ist seiner Meinung nach die zentrale Heldenfigur, von der sich alle anderen – frühere und spätere – abzweigen. In Bezug auf die literarischen Überlieferungen stellte er fest, dass über Sigur ganz unterschiedliche Geschichten erzählt werden. In einer sei Sigur beispielsweise im Wald erschlagen, in einer anderen im Bett erstochen worden. 

Dr. Anna Mühlherr, Germanistin aus Tübingen, wies auf die zwei völlig unterschiedlichen Heldenbegriffe in der Nibelungensage hin. Im ersten Teil stehe Siegfried im Mittelpunkt als „der eine Held“ – „Heros“ –, der übermenschliche Stärke besitzt, also exorbitant sei. Im zweiten Teil hingegen, gehe es um mehrere Helden, die „heroisch“ aber keine „Heroen“ seien.

Anschließend wurde die Diskussion für das Publikum geöffnet. Die Debatte über die  schwierige Rückkehr des Helden in die Normalität wurde wieder aufgegriffen und diskutiert, ob die Helden denn überhaupt zurück wollten. Das Thema der Exorbitanz wurde ebenfalls debattiert: „Helden stehen immer zwischen der Metaphysik (Gott) und der Natur“, meinte ein Zuhörer.

Vorschlag für Sprachgebrauch

Ein anderer Gast stellte die Unterscheidung zwischen „Heros“ und „heroischen Helden“ in Frage. Mühlherr erklärte, damit sei nicht die Differenzierung zwischen „mythisch“ und „historisch“ gemeint, sondern es sei vor allem ein Vorschlag für den Sprachgebrauch.

Zu der Frage „Was ist eigentlich ein Held?“ erklärte Millet, eine historische Person würde erst durch das Erzählen zum Helden. Bei diesem Thema kam auch die Frage auf, wer heutzutage ein Held ist. Mühlherr zitierte aus einem Abitur-Aufsatz: „Ein Held ist derjenige, der seine Furcht bezwingt und sich traut.“

„Interdisziplinarität – ein Auslaufmodell?“ lautet das Thema des nächsten Streitgesprächs vom Zentrum für Mittelalter- und Frühneuzeitforschung der Universität Göttingen. Am Mittwoch, 17. Juni, diskutieren dies Stefan Haas, Andreas Waczkat (beide Göttingen) und Andreas Odenthal (Tübingen) um 20.15 Uhr im Philosophischen Seminar, Humboldtallee 19, PH 20. 

Von Noreen Hirschfeld

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