Die Zuschauer verfolgen H.s „eigene Show“. Seit acht Jahren hat „der Stubenhocker“, so das Urteil seiner Schwester, sein Zimmer nicht mehr verlassen, sich der Welt und den Menschen verweigert. Kommunikation mit ihm findet nur virtuell statt: Über Facebook, in Chatrooms oder eben per Twitter.
Seine Mutter (Gaby Dey) ist verzweifelt: War ihr Sohn doch ein begabter Student und auf dem besten Weg, Karriere zu machen. Doch dann schmiss er das Studium und zog sich radikal zurück. Geredet hat er mit ihr schon lange nicht mehr. Wie die Schwester taucht sie nur über die Videokamera auf, die er im Flur vor seinem Zimmer installiert hat. Doch dann trifft er im Chat das Mädchen „Rosebud“. Sie könnte der Schlüssel zur Tür seiner selbst gewählten Isolationshaft werden.
Holger Schober schrieb das Stück 2006, doch das Thema ist nach wie vor aktuell: „Hikikomori“ ist japanisch und bedeutet „gesellschaftlicher Rückzug“. Bezeichnet wird damit ein vor allem in Asien auftretendes soziales Phänomen, bei dem sich Menschen vollkommen aus der Gesellschaft und der Familie zurückziehen und den Kontakt auf ein Minimum – beispielsweise über das Internet – reduzieren.
Dass eine derartige Isolation zur Verschrobenheit führen kann, wundert nicht. Deshalb Hut ab vor Bliefert für seine intensive Darstellung des latent irren H. Mal spricht er langsam, mal schnell, mal betont, mal wiederholt er endlos seine Wörter. Mögen tut man ihn nicht. Auch die Mutter, großartig dargestellt von Dey, weckt kein Mitleid beim Zuschauer, scheint sie ihn durch ihre Ansprüche, ihr „du musst, du musst“ in seine Welt getrieben zu haben. Einzig seine Schwester (Imme Beccard) rührt mit ihren Bemühungen, H. aus seinem Zimmer zu locken. Beccards Spiel zeigt ihre Verzweiflung sehr eindringlich.
Das Bühnenbild (Saskia Senge) ist eine gelungene Mischung aus klaustrophobischer Enge und medialer Weite. In der Mitte sitzt H., eingezwängt von zwei Wänden vor seinem Computer, seinem Tor zur Welt. Auf zwei großen Leinwänden können die Zuschauer alles, was H. sich anschaut, mitverfolgen. Ob es skurrile Filmchen von der Videoplattform Youtube sind – er scheint eine besondere Affinität zu analen Themen zu haben – die Ansprachen von Mutter und Schwester über die Videokamera oder seine Chats.
Die Inszenierung (Regie: Anne Sophie Domenz) spielt zudem gekonnt mit den neuen Medien, die sie thematisiert. H.s – oder eher Blieferts – Eintrag bei Twitter über die gut besuchte Premiere ist nur ein Beispiel. So ist es auch möglich, im „echten Leben“ über Facebook Kontakt mit der Figur aufzunehmen. Damit entwickelt sich „Hikikomori“ zu einer interaktiven Tour de Forces, die gleichzeitig anstrengt wie fesselt und einen lange nicht loslässt. Und dies honorieren auch die Zuschauer: Der Premiere in der „vollen Butze“ folgt ein langer und begeisterter Applaus.
Von Corinna Berghahn
Weitere Vorstellungen am Donnerstag, 11., und Freitag, 26. Februar, im Studio des Deutschen Theaters Göttingen, Theaterplatz 11. Kartentelefon: 05 51 / 49 69 11.
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