Kassel. Ausgangspunkt für all die amüsanten, mehr oder minder erotischen, mehr oder minder komischen Verwicklungen in Franz Lehárs „Lustiger Witwe“ ist der drohende Bankrott eines Mittelmeerstaates. Angepeilt war Montenegro, was den Zensoren aber damals zu real schien: Nun heißt der Staat Pontevedro. Ein Schelm, wer dabei nicht an Griechenland denkt.
Wer nun aber denkt, Regisseur Volker Schmalöer habe solche Gedanken in seiner Kasseler Inszenierung von Lehárs Operette aufgegriffen, liegt falsch. Sein Pontevedro ist zwar behutsam modernisiert, der (Einheits-)Schauplatz (Bühne: Lars Peter) erinnert an eine Flughafen-Wartehalle, und eingangs dröhnen auch entsprechende Motorengeräusche über die Bühne. Aber sonst ist alles so, wie es der Operettenfan erwartet: Weit schwingende Röcke, glanzvolle Kostüme (Andreas Janczyk), smarte, balkan-folkloristische Balletteinlagen (Choreografie: Alonso Barros), immer wieder ein paar komödiantische Einsprengsel und vor allem: viel, viel Gefühl, das mit zuckersüßen Melodien geziert ist.
Nicht unbedingt eine politische Dimension hätte man sich in dieser Inszenierung gewünscht, aber vielleicht doch ein wenig mehr augenzwinkernder Umgang mit dem Sujet, wie ihn beispielsweise Bernhard Modes einbringt. Sein Kanzlist Njegus ist ein pontevedrinischer Verwandter von Butler James: eine kleine Nebenrolle mit außergewöhnlich viel Profil.
Ansonsten lässt Schmalöer seine bunte Truppe meist recht lebendig agieren. Seine Protagonisten sind Christiane Boesiger als Hanna und Stefan Zenkl als Graf Danilo. Sie: wieselflink, mit einer gesunden Kernseifenfrische, noch nicht von den schweren Pariser Parfüms angekränkelt, er: zum Mitleiden verschlossen, finster, im zögerlichen Geständnis seiner Liebe fast schon zu Tränen rührend. Boesigers Sopran ist besonders in der Höhe beweglich (wenn auch ein wenig mehr Geschmeidigkeit im Timbre schöner wäre), Zenkls edler Bariton tönt voll und füllt den Raum mühelos. Schöne Farbtupfer – nicht nur mit ihren Kostümen – setzt Maren Engelhardt mit ihrem flexiblen, warmen Mezzosopran als Valencienne. Dieter Hönig (Baron Zeta) hatte am Anfang hörbare Schwierigkeiten mit höheren Lagen, überzeugte aber durch reichliche, hier und da etwas plumpe Spielfreude. Zum Dahinschmelzen schön sind die gesungenen Tenor-Liebesschwüre von Johannes An in der Rolle des Camille de Rosillon: Wer die nicht erhört, ist selbst schuld.
Dirigent Alexander Hannemann hält Bühne und Graben sicher zusammen. Manche Tempi gerieten ihm in der ausgiebig beklatschten Premiere im gut gefüllten Haus – sicher in der Absicht, den Augenblick auszukosten – allerdings arg beschaulich.
Termine im Februar: 1., 3., 17. und 24. um 19.30 Uhr, 12. um 18 Uhr. Weitere Aufführungen bis 16. Juni. Kartentelefon 05 61 / 10 94-222.
Von Michael Schäfer
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